Liturgisches Handeln als soziale Praxis

Neuer Tagungsband über Liturgie und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit

Buchcover „Liturgisches Handeln als soziale Praxis“

Buchcover

© Rhema-Verlag

Der konstitutive Zusammenhang von Liturgie und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit steht im Mittelpunkt einer neuen Publikation aus dem Exzellenzcluster „Religion und Politik“. Die Beiträge des Bandes „Liturgisches Handeln als soziale Praxis“ befassen sich mit der Reformation und Konfessionalisierung als Prozesse der Ausdifferenzierung konfessioneller Großgruppen, ohne die die Leistungskraft und Logik religiöser, insbesondere kirchlicher Rituale nicht denkbar sind. Das schreiben die Herausgeber des Buches, Historikerin Kristina Thies, bis 2012 Mitglied des Exzellenzclusters, und Historiker Dr. Jan Brademann von der Universität Bielefeld. Die Frühneuzeitforschung habe diesen Zusammenhang bislang nicht systematisch untersucht.

Der Band geht auf eine gleichnamige Tagung des Exzellenzclusters sowie des Sonderforschungsbereichs 496 „Symbolische Kommunikation und Gesellschaftliche Wertesysteme“ und des Instituts für Vergleichende Städtegeschichte an der WWU zurück. Im ersten Teil des Buchs werden interdisziplinäre Konzepte zur Analyse liturgischen Handelns vorgestellt, vor allem seitens der Soziologie und der systematischen Theologie. In einem zweiten Abschnitt werden die liturgischen Konzepte der Konfessionen anhand zentraler frühneuzeitlicher Theologen und Institutionen untersucht. Anschließend verdeutlichen geschichtswissenschaftliche Fallstudien in drei Sektionen die spezifischen Kontexte religiösen Wandels.

Zu den Autoren zählen Mitglieder und Gastwissenschaftler des Exzellenzclusters. Historiker Dr. Andreas Pietsch vom Exzellenzcluster schreibt über die Uneindeutigkeit religiöser Praktiken in der Frühen Neuzeit. Historikerin Dr. Lena Krull und Mitherausgeberin Kristina Thies untersuchen verschiedene Aspekte der „Großen Prozession“ in Münster. Taufe und Eheschließung in westfälischen Kleinstädten untersucht der US-Historiker Prof. Dr. David M. Luebke, der 2009 als Gastwissenschaftler am Forschungsverbund war. Begleitend zu einem Beitrag der Würzburger Literaturwissenschaftlerin Dr. Irmgard Scheitler über die konfessionssymbolische Bedeutung des Kirchenlieds ist eine Musik-CD mit dem Titel „Kirchenlied und Konfession“ separat erhältlich.

Dr. Lena Krull und Kristina Thies waren in der ersten Förderphase des Exzellenzclusters wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Projekt B4 Segen für die Mächtigen: Legitimität und Legitimation politischer Herrschaft in spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Stadtprozessionen unter der Leitung von Prof. Dr. Werner Freitag, das die Tagung „Liturgisches Handeln als soziale Praxis“ im Juni 2009 mitorganisiert hat. (Rhema-Verlag/bhe)

Inhaltsverzeichnis

  • Vorwort
  • Jan Brademann: Anstelle einer Einleitung: Liturgie als soziale Praxis – Konfessionalisierung als ritueller Prozess?

1. Liturgie als Ritual: Systematisch-theoretische Sondierungen

  • Volkhard Krech: Systematisierende Überlegungen zur Bedeutung von Liturgie in religionssoziologischer Perspektive
  • Edmund Arens: Liturgisches Handeln als performativer Vollzug und religiöse Praxis. Die Perspektive einer kommunikativen Religionstheologie
  • Andreas Odenthal: „Rituelle Erfahrung“ im Zeitalter der Konfessionalisierung. Zur Anwendung eines praktisch-theologischen Paradigmas auf die Liturgiegeschichte – ein Versuch

2. Bekenntnis und Symbol: Die Liturgie aus der Sicht der Theologen

  • Dorothea Wendebourg: Lust und Ordnung. Der christliche Gottesdienst nach Martin Luther
  • Ralph Kunz: Vom Schauspiel zum Sprachspiel. Ästhetische Kriterien und theologische Prinzipien der reformierten Gottesdienstreform im Zürich des frühen 16. Jahrhunderts
  • Benedikt Kranemann: „in omnibus universi orbis Ecclesiis, Monasteriis, Ordinibus“. Nachtridentinisches Liturgieverständnis zwischen Programm und Praxis

3. Liturgisches Handeln und die gesellschaftliche Formierung der Konfessionen

  • Natalie Krentz: Von der Messestörung zur Gottesdienstordnung: Die Anfänge evangelischer Liturgie in der Stadt Wittenberg
  • Philippe Martin: Die tridentinische Messe. Zur Konstruktion einer katholischen Identität in Frankreich (um 1560–um 1580)
  • Christian Grosse: Liturgische Praktiken und die Konfessionalisierung des kollektiven Bewusstseins der Reformierten. Das Beispiel Genf (16./17. Jahrhundert)

4. Liturgie, soziale Integration und Distinktion

  • David M. Luebke: Passageriten und Identität. Taufe und Eheschließung in westfälischen Kleinstädten (1550–1650)
  • Kristina Thies: Inszenierung von Ordnung. Die Große Prozession in Münster im Zeitalter der Konfessionalisierung
  • Lena Krull: Demonstrativer Katholizismus und gleichberechtigtes Geschlechterverhältnis – Studentische Korporationen in der Großen Prozession in Münster im 19. und 20. Jahrhundert

5. Liturgisches Handeln und die Differenz konfessioneller Wertvorstellungen

  • Jürgen Bärsch: Ordo Exsequiarum und »ehrliches Begräbnis«. Eine vergleichende Analyse katholischer und protestantischer Begräbnisordnungen der frühen Neuzeit aus liturgiewissenschaftlicher Sicht
  • Mareike Menne: Profanierte Religion und sakralisierte Verwaltung? Ein Blick auf Visitation und Liturgie in Paderborn und Lippe
  • Irmgard Scheitler: Kirchengesang und Konfession. Die konfessionssymbolische Bedeutung des Kirchenlieds von der Reformation bis zur Aufklärung

6. Interkonfessioneller Konflikt, Ambiguität und Anpassung

  • Andreas Pietsch: „Wenn doch selbst Lipsius ein Marienbildnis preisen kann!“ Von der verflixten Uneindeutigkeit religiöser Praktiken
  • Laurent Jalabert: Die Aufteilung des religiösen Raumes. Konfessionelle Differenzierung und sakrale Gewalt im deutsch-französischen Grenzraum im 17. und 18. Jahrhundert
  • Martin Scheutz: Das Offizielle und das Subkutane. Konfessionelle Symbole und Rituale im Spannungsfeld von öffentlichem Katholizismus und Geheimprotestantismus in den österreichischen Erbländern um die Mitte des 18. Jahrhunderts

Hinweis: Brademann, Jan/ Thies, Kristina (Hgg.): Liturgisches Handeln als soziale Praxis. Kirchliche Rituale in der Frühen Neuzeit (Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme – Schriftenreihe des Sonderforschungsbereichs 496, Band 47), Münster: Rhema 2014, 464 Seiten, ISBN 978-3-86887-023-7, 52,- Euro.

Begleit-CD „Kirchenlied und Konfession“

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