„Religionen sollten keinen Überlegenheitsanspruch erheben“

Theologen suchen den richtigen Umgang mit wachsender Religionsvielfalt

Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel, Moderatorin Dr. Jutta Sperber und Prof. Dr. Andreas Feldtkeller

Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel, Moderatorin Dr. Jutta Sperber und Prof. Dr. Andreas Feldtkeller (v.l.)

© bhe

Zum Auftakt der neuen Veranstaltungsreihe „Streitgespräche über Gott und die Welt“ am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ haben Wissenschaftler über den geeigneten theologischen Umgang mit Religionsvielfalt diskutiert. Der evangelische Theologe und Religionswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Feldtkeller von der Berliner Humboldt-Universität und sein Fachkollege Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel vom Exzellenzcluster waren sich in der Debatte darin einig, dass die wachsende Vielfalt an Religionen in der Gesellschaft eine große Herausforderung für die Theologien aller Weltreligionen darstelle. Wie theologische Wissenschaftler darauf reagieren sollten, sahen die Diskutanten teils unterschiedlich. Das Streitgespräch trug den Titel „Eine Religion viele Religionen“ Es moderierte Religionswissenschaftlerin Dr. Jutta Sperber vom Exzellenzcluster.

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Ton-Mitschnitt der Diskussion

Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel unterstrich im Streitgespräch, „dass die Weltreligionen traditionell den Anspruch erheben, allen anderen Religionen überlegen zu sein. Damit untergraben sie wechselseitig ihre Glaubwürdigkeit und leisten insgesamt einer atheistischen Interpretation der religiösen Vielfalt Vorschub.“ Als Alternative dazu biete sich eine „pluralistische Theologie“ an. Diese müsse und könne in jeder der großen Religionen auf spezifische Weise entwickelt werden. Ihre Grundüberzeugung bestehe darin, dass sich die verschiedenen Religionen kulturell unterschiedlich geprägten Erfahrungen mit derselben transzendenten Wirklichkeit verdankten. Aus dieser Überzeugung ergebe sich eine „Interreligiöse Theologie“, die sich in einem fruchtbaren Austausch zwischen verschiedenen konfessionellen und religiösen Perspektiven vollziehe. Zugleich senke die Akzeptanz anderer Religionen als gleichwertig deutlich das Konfliktpotential im Zusammenleben von Angehörigen verschiedener Religionen.

Prof. Dr. Andreas Feldtkeller entgegnete, ein Teil der „pluralistischen Religionstheologien“ gründeten die Gemeinsamkeit der verschiedenen Religionen „auf eine religionsübergreifende Meta-Theologie“. Sie beanspruchten dafür eine Höchstgeltung, die über die Geltung von Theologien in der Sprache einer bestimmten religiösen Tradition hinausgehen solle. Doch eine solche „transreligiöse Orientierung“ solle, so Prof. Feldtkeller, genauso wenig zur Norm für eine fruchtbare interreligiöse Theologie erhoben werden wie die Tradition einzelner Religionen. Vielmehr gehe es darum, Menschen in ihren jeweiligen religiösen Identitäten bedingungslos anzuerkennen. Entscheidend sei, „die anders religiösen und anders nicht-religiösen Menschen in ihrer je eigenen Sprache und ihren je eigenen Bildern zu verstehen.“ Die Vielfalt der Religionen könne in einer von Menschen formulierte Theologie nicht zu einer Einheit zusammengeführt werden.

Als Modell zur theologischen Darstellung von Beziehungen zwischen verschiedenen Religionen sieht Prof. Feldtkeller einige Erzählungen des Neuen Testaments. Als Beispiel nannte er die Weihnachtsgeschichte, in der vom Besuch mesopotamischer oder iranischer Astrologen an der Krippe berichtet wird. „Die Astrologen werden hier zu leuchtenden Figuren der Erzählung, ohne dass der Erzähler irgendeine Form von christlicher Bekehrung systematisiert.“ In einer anderen Erzählung erzähle Jesus über den „barmherzigen Samariter, wie er einem jüdischen Mann zum Nächsten wurde, ohne dass seine Religionszugehörigkeit problematisiert wird“. Der Vorteil von Erzählungen bestehe darin, dass sie das Verstehen von Erzählenden und Hörenden nicht auf eine bestimmte Perspektive und nicht auf die Sprache einer Religion festlegten.

Veranstaltungsreihe „Streitgespräche über Gott und die Welt“

Streitgespräche über Gott und die Welt

Plakat

© wikipedia, R. Wölk

In der Reihe „Streitgespräche“ diskutieren im Sommersemester Theologen und Nicht-Theologen aktuelle Themen wie Hirnforschung, Kosmologie, Wirtschaftsethik, Friedenspolitik oder das Miteinander der Religionen und ihr Verhältnis zum Atheismus. Die Streitgespräche sind dienstags von 18.15 bis 19.45 Uhr in Hörsaal F1 im Fürstenberghaus am Domplatz 20-22 in Münster zu hören, am Platz der regelmäßigen Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Das neue Format trägt den Untertitel „Disputationen zwischen Theologie, Natur- und Gesellschaftswissenschaften“. Es handelt sich um eine Kooperationsveranstaltung mit der Evangelisch-Theologischen Fakultät zu deren 100-jährigem Bestehen.

Beim nächsten Termin der Streitgespräche geht es erneut um das Thema Ökumene: Unter dem Titel „Eine Kirche viele Kirchen“ diskutieren am Dienstag, 15. April, die katholische Theologin Prof. Dr. Johanna Rahner aus Tübingen und der evangelische Theologe Prof. Dr. Hans-Peter Großhans vom Exzellenzcluster. Die Moderation übernimmt der katholische Theologe Prof. Dr. Jürgen Werbick. (bhe/vvm)