Von assyrischen Inschriften bis zu asiatischer Popkultur

Gut 1.000 Orientforscher zum größten Deutschen Orientalistentag in Münster erwartet

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Sinologin Dr. Monique Nagel-Angermann, Sinologe Prof. Dr. Reinhard Emmerich, Islamwissenschaftlerin Dr. Monika Springberg-Hinsen und Arabist Prof. Dr. Thomas Bauer vom DOT-Komitee (v.l.)

© han

Mehr als 1.000 Orientforscher aus dem In-und Ausland werden zum größten Deutschen Orientalistentag (DOT) ab 23. September in Münster erwartet. 900 Vorträge und 80 Panels präsentieren neue Forschungsergebnisse über Politik und Kulturen in Asien, Afrika und den arabischen Regionen. „Das Spektrum reicht von der Grundlagenforschung über Sprachen, Literatur und Geschichte bis zu Gegenwartsthemen wie den Arabischen Revolutionen, Extremismus in Nahost, und Nationalbewusstsein in China“, so Sinologin Dr. Monique Nagel-Angermann vom DOT-Komitee. „Im Programm stehen auch Irans Gasexporte, die Menschenrechtslage in Nordkorea, das islamische Finanzwesen, die Sport-Vermarktung in Abu Dhabi oder Popkultur von Europa bis Asien. Kulturhistorische Vorträge behandeln Mode im kaiserzeitlichen China, Bier im frühen Islam oder Sexualität in vormodernen Gesellschaften.“

Ziel der Tagung vom 23. bis 27. September, die die Deutsche Morgenländische Gesellschaft (DMG) an der Uni Münster ausrichtet, ist der fachliche und interdisziplinäre Austausch erfahrener und junger Orientforscher aus aller Welt. Zugleich soll der DOT dazu beitragen, Missverständnisse im hiesigen Orient-Bild auszuräumen. Es sei oft von Stereotypen geprägt, unterstreicht Arabist Prof. Dr. Thomas Bauer vom DOT-Komitee. So herrschten Ideen vom „intoleranten Islam, geschichtslosen Afrika oder bösen China“ vor. Das DOT-Programm steht allen Interessierten gegen Gebühr offen. Geplant sind auch eine Fotoausstellung „Framing Muslims“ und ein Konzert mit Bariton Benjamin Appl, der das Orient-Bild in Liedern von Schubert bis Ravel musikalisch nachzeichnet.

Abendvortrag über Scharia und öffentliche Ordnung

„Das Programm in Münster ist so umfassend wie bei keinem DOT zuvor“, so Islamwissenschaftlerin und Komitee-Mitglied Dr. Monika Springberg-Hinsen. Am stärksten seien die Sektionen Indologie, Islamkunde sowie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, gefolgt von Sinologie, Iranistik, Turkologie und Arabistik. Der DOT werfe einen globalgeschichtlichen Blick auf den Orient. „Viele Vorträge prüfen, wie die Entwicklungen einzelner Länder – ob politische Revolutionen, religiöse Phänomene, ökonomische Entwicklungen oder intellektuelle Debatten – mit anderen Regionen verbunden sind und welche Auswirkungen sie dort haben. Ein Beispiel ist die Frage, wie die Golfstaaten, Israel und die Europäische Union auf die arabischen Revolutionen reagieren.“

Zur feierlichen Eröffnung der Konferenz für geladene Gäste in Münsters Schloss (23.9., 10.00 Uhr) spricht der Freiburger Indologe Prof. Dr. Oskar von Hinüber über „Mitteilungen aus einer vergangenen Welt: Indische Buddhisten und ihre Inschriften“. Die Berliner Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Gudrun Krämer hält einen öffentlichen Abendvortrag im Schloss (23.9., 19.30 Uhr) über „Spannungsbögen: Islam, Säkularisierung und das säkulare Prinzip“. Sie untersucht darin das Verhältnis von Scharia, Verfassung und öffentlicher Ordnung in islamischen Gesellschaften.

Plakat Deutscher Orientalistentag

Plakat des 32. Deutschen Orientalistentages

© WWU/ Marc Lücke und Anna Wassum

Popkultur, Religion und Sexualität

Die Geschichte des Orients von der Antike bis heute wird in vielen DOT-Veranstaltungen beleuchtet, wie Sinologe Prof. Dr. Reinhard Emmerich, Leiter des DOT-Komitees, darlegt. „Aus der Kenntnis der Geschichte ziehen wir Rückschlüsse auf die Gegenwart. Die heutige Politik und Kultur in Asien oder im Nahen und Fernen Osten kann nur verstehen, wer sie durch die Brille dieser Kulturen betrachtet. Das ist dort nicht anders als bei uns.“ Das Spektrum historischer Vorträge beim DOT reicht von der Taufe osmanischer Kriegsgefangener in der Frühen Neuzeit über das Verhältnis der Briten zum indischen Kastensystem bis zur Faszination der Nazis für die Türkei.

Auch die Kultur des Orients steht im Fokus zahlreicher Vorträge: Sie befassen sich mit der klassischen arabischen Dichtung, dem Aufkommen des Sprechtheaters in China, der Pop- und Jugendkultur von Europa bis Asien, mit türkischen Horrorfilmen, der Poesie afghanischer Frauen, der Tischkultur in Marokko und Heiligenlegenden in indischer Sufi-Musik.

Die Gesellschaftspolitik schlägt sich beim DOT in Veranstaltungen über Religionen, Medien sowie Körper und Sexualität nieder: Mit Religionsfragen befassen sich Studien zum islamischen Recht, zur Religionsvielfalt in Südasien, zu religiösen Gerichtsbarkeit, zu Muslimen in China und zur Politisierung des Buddhismus im Birma des frühen 20. Jahrhunderts. Weitere Vorträge beleuchten den Einfluss Neuer Medien in Südostasien oder die Werbung in Marokko. Andere DOT-Vorträge beschäftigen sich mit Körper, Sexualität und Medizin in islamisch geprägten Kulturen, mit der Beschneidung von Jungen und mit Ehenormen in indo-islamischen Eheratgebern.

Die ältesten Texte der Menschheit

Zentraler Gegenstand der Orientalistik sind die Sprachen des Orients, darunter die ältesten Texte der Menschheit in Keilschrift und Hieroglyphen oder auch das Aramäische, das über 3.000 Jahre hinweg untersucht wird. Hinzu kommt Feldforschung zu mündlichen Dialekten oder ganz unbekannten Sprachen. „Ohne Sprachwissenschaft könnte keines unserer Fächer seine Quellen verstehen“, sagt Prof. Emmerich. „Wer die Verbreitung des Buddhismus in Asien untersucht, braucht Sanskrit, Tibetisch, Pali, Chinesisch. Das verlangt Disziplin und Frustrationstoleranz. Selbst der erfahrenste Forscher zieht oft das Lexikon zu Rate.“ Beim DOT werden zum Beispiel sprachwissenschaftliche Studien über Tiernamen in afrikanischen Sprachen oder die Auswahl von Kindernamen in Japan vorgestellt.

Unter den Rednern des Orientalistentags sind zahlreiche hochkarätige Wissenschaftler wie der Sinologe Prof. Dr. Wilt Idema und der Osmanist Prof. Dr. Cemal Kafadar aus Harvard, Byzantinist Prof. Dr. Hugh Kennedy aus London, Kunsthistoriker Prof. Dr. Robert Hillenbrand aus Edinburgh. Förderer der Konferenz sind die Universität Münster, der Fachbereich Philologie, der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ sowie Münster Marketing. (ska/vvm)