„Katholische Kirche zu monarchisch“

Theologen sehen Mangel an Menschenrechten in der Kirche – Internationale Tagung erörtert kommende Woche auch das Reformprogramm von Papst Franziskus

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Prof. Dr. Daniel Bogner und Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins (v.l.)

© bhe

Die katholische Kirche sollte Theologen zufolge weniger monarchisch geführt werden als bisher. Ihr Autoritätsanspruch kollidiere mit der Anerkennung der Menschenrechte durch die Kirche vor 50 Jahren, erklären die Sozialethiker Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins aus Münster und Prof. Dr. Daniel Bogner aus Luxemburg. Nach außen fordere die Kirche in vielen Ländern Menschenrechte ein, innerkirchlich wende sie sie jedoch nur unzureichend an. „Es mangelt an einer Beteiligung von Laien und Frauen, an Freiheitsrechten in der Kirche und an der Anerkennung autonomer Lebensführung von Christen.“ Papst Franziskus habe nun ein Reformprogramm vorgelegt, das dem menschenrechtlichen Anspruch besser gerecht werde. „Er plädiert für eine dienende und arme Kirche, die sich der Lebensrealität der Menschen zuwendet und der Praxis Vorrang vor der Doktrin gibt.“ Wege zur Umsetzung solcher Reformen erörtern zahlreiche Forscher kommende Woche am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ auf einer internationalen Tagung „Maßstab Menschenrechte. 50 Jahre nach der Enzyklika ‚Pacem in terris‘“.

Die unzureichende Akzeptanz der Menschenrechte im kirchlichen Raum sei ein „brisantes Thema, das meist beredt beschwiegen“ werde, so die Tagungsveranstalter. Ziel der Konferenz vom 23. bis 25. Oktober im Liudgerhaus in Münster ist es, das Thema theologisch, ethisch, rechtlich und politikwissenschaftlich anhand exemplarischer Konfliktfelder offen zu analysieren und weiterführende Forschungsfragen zu entwickeln.

Zur Eröffnung des Expertengesprächs hält Politikwissenschaftler und Ex-Staatsminister Prof. Dr. Hans Maier einen öffentlichen Vortrag über „Kirche und Menschenrechte – Menschenrechte in der Kirche“. Interessierte sind dazu am 23. Oktober um 18.00 Uhr ins Schloss, Hörsaal S1, eingeladen. Der Eintritt ist frei. Prof. Maier wird den historischen Weg der Kirche von einer „unverhohlenen Ablehnung der Menschenrechte“ über die Anerkennung durch das Zweite Vatikanum bis zur heutigen „Konvergenz von Kirche und Menschenrechtsbewegung“ nachzeichnen, wie er ankündigt. Weniger positiv falle die Bilanz im Kircheninneren aus, wo noch „zahlreiche rechtsstaatliche Defizite“ bestünden.

Plakat der Tagung Maßstab Menschenrechte

Plakat

© wikipedia/Brbbl

„Lehre und Praxis stimmen nicht überein“

Entscheidend ist nach Einschätzung der Sozialethikerin Prof. Heimbach-Steins die Frage nach Autorität: „Das monarchische Prinzip, das die Kirche als Institution seit der Spätantike bestimmt, kollidiert mit dem menschenrechtlichen Anspruch auf Freiheit und Gleichheit und den daraus folgenden Ansprüchen auf Autonomie und Beteiligung der Menschen an der kirchlichen Verantwortung.“ Ernsthafte Kritik daran könnten die Verantwortlichen nicht mit dem Argument zurückweisen, die Kirche sei als Organisation mit transzendent-religiösem Zweck „von anderer Natur“ als säkulare, politische Institutionen und deshalb nicht mit denselben Maßstäben zu messen. „Es geht hier um einen Prüfstein für die sozialethischen Maßstäbe, die die Kirche vertritt, wenn sie ihre Sozialverkündigung für verallgemeinerbar hält.“ Bislang stimmten Lehre und Praxis hier nicht überein.

Theologe Prof. Bogner fügte hinzu, die Anerkennung der Menschenrechte durch die Enzyklika „Pacem in terris“ 1963 habe in fünf Jahrzehnten bemerkenswerte Früchte getragen und das Verhältnis der Kirche zur modernen Welt grundlegend neu bestimmt. „Doch die herausragende internationale Menschenrechtsarbeit kann nicht angemessen gewürdigt werden, ohne die drängenden Fragen zu stellen, die sich angesichts der allgemeinen Anerkennung der Menschenrechte durch die Kirche an sie selbst und ihre Sozialgestalt richten.“ Der Anspruch, als Verteidigerin der Menschenrechte aufzutreten, werde im kirchlichen Innenverhältnis „prekär“.

Die Forscher kündigten an, auf der interdisziplinären Tagung ein Netzwerk für menschenrechtsbezogene theologische Forschung anzustoßen, das weitere Kooperationen auf den Weg bringen könne. Sozialethikerin Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins ist Direktorin des Instituts für Christliche Sozialwissenschaft an der WWU und leitet am Exzellenzcluster das Forschungsprojekt C2-10 „Kritik von innen. Modelle sozialen Wandels in der katholischen Kirche“. In der ersten Förderphase bis 2012 forschte sie mit Prof. Dr. Daniel Bogner im Projekt A16 „Das Ethos der Religionsfreiheit“. Dieser übernahm im Anschluss eine Professur für Moraltheologie und Sozialethik am Religionspädagogischen Institut in Luxemburg. Die Tagung ist ein Kooperationsprojekt des Exzellenzclusters und des Luxemburger Instituts. (vvm)