Bilder eines mittelalterlichen Königs

Otto der Große in populären Medien des 19. und 21. Jahrhunderts

Titelblatt des Oratoriums von Carl Adolf Lorenz

Titelblatt des Oratoriums von Carl Adolf Lorenz

© imslp.org

Mit dem Bild Ottos des Großen in populären Medien des 19. und 21. Jahrhunderts haben sich Mediävist Dr. Theo Riches und Musikwissenschaftler Dr. Dominik Höink im Rahmen ihrer interdisziplinären Zusammenarbeit im Habilitandenkolleg des Exzellenzclusters auseinandergesetzt. Als Beispiele wählten sie ein Oratorium, das Carl Adolf Lorenz in der Zeit der Reichsgründung 1870/71 komponierte, und die erste Folge der 2008 erstmals ausgestrahlten ZDF-Fernsehserie „Die Deutschen“. Das Anliegen der Forscher war, die Art und Weise der Geschichtskonstruktion in diesen unterschiedlichen Medien und Zeiten zu untersuchen, die aber dennoch dadurch verbunden seien, dass sie auf ihre je eigene Weise mit der zeitgenössischen akademischen Mediävistik in Verbindung standen.

„Bei aller Verschiedenheit der medialen Inszenierung des mittelalterlichen Herrschers Otto, die einhergeht mit einer fundamentalen Verschiebung der Bedeutung des Religiösen vom Oratorium des 19. Jahrhunderts zur Fernsehdokumentation des 21. Jahrhunderts, zeigen sich dennoch interessante Vergleichspunkte, die sich aus der jeweiligen Entstehungszeit ergeben“, erläutern die Wissenschaftler. In beiden medialen Formen gehe es um Ottos Rolle für die nationale Einheit und um Otto als Verteidiger des Christentums. Die Schlacht auf dem Lechfeld im Jahr 955 nimmt in beiden Beispielen eine zentrale Position ein. Dennoch sind die Unterschiede den Untersuchungen zufolge gravierend.

Das Oratorium wird von der Beschreibung militärischer Triumphe gerahmt, nämlich Ottos Einzug in Magdeburg nach dem erfolgreichen Feldzug Ottos in Italien (952) zu Beginn und dem Sieg in der Schlacht auf dem Lechfeld am Ende, wie Musikwissenschaftler Höink darlegt. Insbesondere letztere Schlacht wird als entscheidendes Moment für die nationale Einheit propagiert. „Vor dem Hintergrund des Deutsch-Französischen Krieges ist eine Parallele zur Entstehungszeit des Musikwerkes allzu offensichtlich und von den Zeitzeugen entsprechend wahrgenommen worden“, so Höink. Überdies zeigte die Analyse des Oratorienlibrettos eine bis in einzelne Details reichende Nähe zu akademischen Diskursen des 19. Jahrhunderts.

Die TV-Serie „Die Deutschen“ stellt die Lechfeldschlacht ebenso in den Mittelpunkt, so Mediävist Riches, allerdings mit einer deutlich anderen Stoßrichtung. Die Schlacht werde zwar auch als bedeutend für die Vereinigung der Stämme unter Otto beschrieben, allerdings werde die Rolle der Ungarn und damit Ottos vermeintliche Rolle als Retter des Christentums ganz anders dargestellt als im Oratorium. Die ZDF-Folge inszeniert die in der heutigen Geschichtsforschung übliche Distanz zur Schilderung in den mittelalterlichen Quellen, wie der Forscher darlegt. Sie nutzt für die Narration der Ursprungsgeschichte allerdings einen anderen Rahmen als das Oratorium: Sie beginnt und endet mit der Betonung der Einheit der verschiedenen deutschen Stämme unter der königlichen und später kaiserlichen Krone. Diese Darstellung wiederum spiegelt nach Einschätzung des Wissenschaftlers die föderative Struktur der heutigen Bundesrepublik und die Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung, in der die Fernsehserie entstand. Die in Medien vermittelte Frage nach den „Ursprüngen der Deutschen“ habe somit nicht an Aktualität eingebüßt, unterstreichen die Forscher, die Rolle der akademischen Experten sei heute aber eine andere als im 19. Jahrhundert.

Die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Forschung haben die beiden Mitglieder des Habilitandenkollegs im Juni auf der internationalen Tagung „The Middle Ages in the Modern World“ vorgestellt, die anlässlich des 600-jährigen Bestehens der schottischen Universität in St. Andrews stattfand. (vvm)