„Obama zeigt neues Selbstbild der USA“

Politologe Thomas Banchoff über Zivilreligion und die Antrittsrede des Präsidenten

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Prof. Dr. Thomas Banchoff

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Über die Zivilreligion in den USA und die Antrittsrede von US-Präsident Barack Obama hat der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Banchoff von der Georgetown University in Washington am Exzellenzcluster gesprochen. Obama habe am Montag wie seine Amtsvorgänger die zentralen Werte der amerikanischen Zivilreligion beschworen: den Glauben an die USA als einzigartige, von Gott gesegnete Nation, den Glauben an die Freiheit des Individuums und an die internationale Führungsrolle seines Landes. „Zugleich steuert der Präsident vorsichtig eine Neuausrichtung im Selbstbild der USA an. So bezog Obama in seiner Inaugurationsrede erstmals die Rechte der Homosexuellen und den Kampf gegen den Klimawandel in die Zivilreligion mit ein“, sagte der Direktor des „Berkley Center for Religion, Peace and World Affairs“ an der Georgetown University. Die Einrichtung ist Kooperationspartner des Exzellenzclusters und des Centrums für Religion und Moderne (CRM).

Angesichts der globalen Herausforderungen müssten die USA einen neuen Führungsstil in der Weltpolitik lernen, sagte der Politologe. Sie sähen sich in einer zunehmend multipolaren Welt stärker in multilaterale Partnerschaften und Institutionen eingebunden. „Daher schlägt Obama Brücken vom Glaubensbekenntnis der Zivilreligion zu einem Führungsstil, der auf internationale Gemeinsamkeiten setzt.“ Dieser kooperative Stil habe sich bereits in der ersten Amtszeit abgezeichnet und werde von Obama, der nun nicht mehr unter dem Druck der Wiederwahl stehe, in der zweiten Phase sicher fortgesetzt.

Amerika wird sich nach Einschätzung des renommierten Wissenschaftlers auch in Zukunft als einzigartig ansehen, doch zugleich die Einzigartigkeit anderer Nationen anerkennen. Das habe Obama etwa gegenüber Journalisten auf einer Europa-Reise gesagt. Der Präsident habe damals hinzugefügt, er wisse, dass auch andere Länder gute Ideen hätten. Vor diesem Hintergrund seien Äußerungen wie die von Obamas Vorgänger George W. Bush „You’re either with us, or against us“ nicht mehr denkbar.

Plakat der Ringvorlesung

Plakat der Ringvorlesung

Prof. Banchoff sprach in der Ringvorlesung „Religiöse Vielfalt“ des Exzellenzclusters und CRM. Sie analysiert Beispiele religiöser Pluralität von der Antike über das Mittelalter und die Frühneuzeit bis zu Deutschland, England, China und den USA heute. Kommende Woche hält Historiker Prof. Dr. Thomas Großbölting den letzten Vortrag der Reihe des Wintersemesters 2012/2013. Er trägt den Titel „Warum sich die deutsche Gesellschaft mit religiöser Vielfalt so schwer tut – eine (zeit)historische Erkundung“. In der Vorlesungsreihe kamen unterschiedliche Disziplinen zu Wort: Religions-, Geschichts-, Islam- und Rechtswissenschaft genauso wie Theologie, Sinologie, Soziologie und Politikwissenschaft. Die Vorträge mit anschließender Diskussion sind ab 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. (vvm)