„Bestenfalls bei Mahatma Gandhi“

Religionswissenschaftler Schmidt-Leukel über Hinduismus und religiöse Vielfalt

News-hinduismus-und-religioese-vielfalt

Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel

© ska

Über den Hinduismus und seine Haltung zur religiösen Vielfalt hat der Religionswissenschaftler und Theologe Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ in der Ringvorlesung des Forschungsverbunds gesprochen. Der Wissenschaftler relativierte die im Westen verbreitete Vorstellung, dass der Hinduismus und Buddhismus mit dem Nebeneinander der verschiedenen Religionen weniger Probleme hätten als das Christentum oder der Islam. Viele Menschen meinten, der Hinduismus sei allen anderen Religionen „wegen einer vermeintlich pluralistischen Haltung“ überlegen. „Pluralistische Konzeptionen, die den Gedanken der religiösen Vielfalt konsequent mit dem der Gleichwertigkeit verbinden, finden sich jedoch bestenfalls in einigen Ansätzen von Menschen wie Mahatma Gandhi.“

Button Hoerfunk Service

Ton-Mitschnitt des Vortrags

Die Ringvorlesung des Clusters und des „Centrums für Religion und Moderne“ (CRM) befasst sich mit dem Thema „Religiöse Vielfalt. Eine Herausforderung für Politik, Religion und Gesellschaft“. Der Vortrag von Prof. Schmidt-Leukel trug den Titel „Hinduismus – eine pluralistische Religion?“ Er fragte, worin das pluralistische Potential des Hinduismus bestehe und wo es an seine Grenzen gelange. Dazu untersuchte er den Hinduismus aus historischer Sicht und im Hinblick auf ihr zeitgenössisches Erscheinungsbild.

„Mutter aller Religionen“

Prominente Vertreter des Neo-Hinduismus wie der Mönch Swami Vivekananda (1863-1902) haben propagiert, es sei ein Wesensmerkmal des Hinduismus, dass dieser alle Religionen als wahr akzeptiere, sagte der Forscher. Er ließ einen Tonmitschnitt hören, auf dem Vivekananda 1893 in Chicago beim ersten „Weltparlament der Religionen“ zur Weltausstellung die christlichen Zuhörer mit „Sisters and Brothers of America“ begrüßte und tosenden Applaus erntete. Bereits die Anrede drücke das Konzept von der inneren Verwandtschaft der Religionen aus, so Prof. Schmidt-Leukel. Von „Brüdern und Schwestern“ sei zuvor bestenfalls im Hinblick auf die Mitglieder der eigenen Religion die Rede gewesen.

Der Hinduismus, so der Wissenschaftler weiter, sei für Vivekananda die „Mutter aller Religionen“, da sich jede Form von Religion in ihr wiederfinde und somit alle anderen Religionen positiv gewürdigt würden. „Doch für viele seiner Glaubensanhänger unterscheidet gerade diese Akzeptanz den Hinduismus von allen anderen Religionen, die nur ihre eigene spezifische Form von Religion als die für alle Menschen gültige und absolute Religion ansehen, und mache ihn in ihren Augen zu einer überlegenen Religion.“ Genau darin sehen Hindus wie Vivekananda die eigentliche Überlegenheit des Hinduismus vor allen Religionen. Im zeitgenössischen Indien wird daraus zum Teil eine höchst intolerante Religionspolitik abgeleitet, mit der Vorgabe, den vermeintlichen pluralistischen Hinduismus vor den absolutistischen Religionen des Christentums und des Islams zu schützen.

Der Theologe blickte in seinem Vortrag in die Geschichte des Hinduismus und zeigte etliche Beispiele scharfer wechselseitiger Polemik und blutiger Religionskonflikte: „Buddhistische Texte berichten von mehreren Verfolgungen durch hinduistische Herrscher und hinduistische Tamilen sind bis heute Opfer des buddhistischen Vormachtanspruchs in Sri Lanka.“ Die anhaltende Feindschaft zwischen hinduistischen Religionen und dem Buddhismus sei einer der wesentlichen Gründe für den Untergang des Buddhismus in Indien, dem Ursprungsland beider Glaubensrichtungen.

Polemik, Spannung und Konflikt

Auch die Beziehung des Hinduismus zu Islam und Christentum – den Religionen der Eroberern des indischen Subkontinents – sei von Polemik, Spannung und Konflikt geprägt. Prof. Schmidt-Leukel: „Der hinduistische Gelehrte Dayananda Saraswati (1824-1883) schrieb in seinem Hauptwerk ,Das Licht der Wahrheit‘ über die Bibel, sie enthalte mehre tausend verdammungswürdige Aussagen, und über den Koran urteilte er, dieses Buch vergrößere das Leid der Menschheit.“

Der versteckte Überlegenheitsanspruch der Neo-Hindus wird laut Prof. Schmidt-Leukel nur von wenigen Hindus offen infrage gestellt. Im 20. Jahrhundert war dies bei Gandhi der Fall und heute etwa bei dem amerikanischen Hindu Jeffery Long. Sie gehen davon aus, dass angesichts der alle religiösen Ausdrucksformen übersteigenden göttlichen Wahrheit keine Religion– auch nicht Hinduismus – allen anderen überlegen ist.

Plakat der Ringvorlesung

Plakat der Ringvorlesung

Ringvorlesung „Religiöse Vielfalt“

Der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel ist Hauptantragssteller im Exzellenzcluster. Er forscht künftig im Cluster-Projekt C2-16 zur Möglichkeit einer „Interreligiösen Theologie“. In der ersten Förderphase leitete er das Projekt A15 „Pluralismusfähigkeit der Religionen“. Die Ringvorlesung „Religiöse Vielfalt“ analysiert Beispiele religiöser Pluralität von der Antike über das Mittelalter und die Frühneuzeit bis zu Deutschland, England, China und den USA heute. Die Vorträge mit anschließender Diskussion sind dienstags ab 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Kommende Woche spricht Sinologe Prof. Dr. Joachim Gentz von der Universität Edinburgh zum Thema „Das Harmoniemodell religiöser Pluralität in China“. (ska/vvm)