„Drei Lichter, die den Himmel erhellen“

Vortrag über den harmonisierenden Umgang mit religiöser Vielfalt in China

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Prof. Dr. Joachim Gentz

© bhe

Über das Harmoniemodell religiöser Vielfalt in China hat Religionswissenschaftler Prof. Dr. Joachim Gentz aus Edinburgh in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ gesprochen. „Ein Harmoniemodell brachte die unterschiedlichen Traditionen miteinander und mit der Staatsideologie in Einklang“, sagte Prof. Gentz in dem Vortrag, der Quellen aus 2000 Jahren darlegte. Das sei nicht mit modernem Pluralismus nach europäischem Verständnis gleichzusetzen. Die im Westen häufig angenommene Toleranz der „drei Lehren Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus“ war nach Einschätzung des Religionswissenschaftlers nicht frei von Widersprüchen, half aber wahrscheinlich dennoch, Konfliktpotenziale zu entschärfen: „So gab es keine Religionskriege in China.“ Dies sei jedoch maßgeblich auf die strikte Religionspolitik zurückzuführen, nicht auf einen vermeintlich friedlicheren Charakter der Religionen.

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Ton-Mitschnitt des Vortrags

Das historische Harmoniemodell geht laut Prof. Gentz von einer grundlegenden Einheit in der Vielfalt aus. Bis zur Ming-Zeit (1368-1644) habe es keinen Anspruch der Religionen gegeben, die anderen oder die eigene Lehre zu verändern oder zu vermischen. „Das Wahrheitsmonopol galt auf einer übergeordneten Ebene.“ Die Harmonie sei mit stereotyp geäußerten Gleichheitsmetaphern und der Annahme einer gemeinsamen Ethik gestärkt worden. „Eine Religionstoleranz aus pluralistischen Gründen, wie europäische Aufklärer sich das wünschten, lässt sich nicht ausmachen“, so der Referent.

Religionskritik sei in China oftmals mit Fremdenfeindlichkeit verbunden worden, etwa als sich im 3. und 4. Jahrhundert der indische Buddhismus etabliert habe, sagte Prof. Gentz. Vom 4. Jahrhundert an hätten Religionsvertreter das Anliegen geäußert, die drei Lehren miteinander in Einklang zu bringen. Vom 5. Jahrhundert an hätten auch eine Reihe von Kaisern dies als politisches Programm verfolgt. So führte ein kaiserliches Edikt aus dem 7. Jahrhundert die Vielfalt der Religionen auf die unterschiedlichen Orte und Umstände ihrer Entstehung zurück.

Das Gemeinsame der Religionen etablieren

Konfuzius mit dem jungen Buddha und Laozi (v.r.)

Konfuzius mit dem jungen Buddha und Laozi (v.r.)

© wikimedia

Kaiser der Tang Dynastie (618-907) hätten diese Harmonisierungstendenz fortgesetzt, ebenso wie Kaiser der Songzeit (960-1279), wie das Beispiel eines Traktats des Kaisers Xiaozong von 1181 zeige. Es habe buddhistische Verbote – nicht töten, nicht stehlen, nicht verworren reden – mit konfuzianischen Begriffen wie Menschlichkeit, Rechtlichkeit und Vertrauenswürdigkeit identifiziert. Hinter diesen Harmonisierungsbestrebungen steht laut Prof. Gentz oftmals der Versuch, religiöse Vielfalt als „sekundär, abgeleitet und äußerlich“ zu werten und das „Eigentliche, Gemeinsame, das so genannte Dao“ jenseits der Religionen zu etablieren.

Spätere Quellen bestätigen dem Forscher zufolge das Harmoniestreben. Ein Text aus dem 12. oder 13. Jahrhundert zitiert Kaiser Xiaozongs Traktat. Er bezeichne die verschiedenen Religionen als „drei Lichter, die alle den Himmel erhellen, oder als hunderte von Flüssen, die alle ins Meer fließen“. Allerdings handelte es sich bei dieser Auflistung von Gemeinsamkeiten um taktisches Vorgehen, wie Prof. Gentz betonte. „Am Ende lässt der Verfasser sein eigentliches Anliegen durchblicken, die Verteidigung des Buddhismus gegen konfuzianische Polemik. Das ist eher eine defensive Strategie als eine pluralistische Aussage.“ Die strenge Religionspolitik der Ming-Zeit habe die „drei Lehren“ dann noch enger verwoben. Dass im 16. und 17. Jahrhundert eine neue interreligiöse Kommentarkultur zu kanonischen Texten entstand, reflektiere ebenfalls die friedliche Koexistenz. Das Konfuzius zugeschriebene Zitat „Unterschiedliche Pfade führen zum selben Ziel“ sei häufig verwendet worden, um das Zusammenleben der Religionen in China zu beschreiben.

Der Referent ist Sinologe und Religionswissenschaftler an der University of Edinburgh. Bis August 2013 forscht Prof. Gentz in Erlangen am Internationalen Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung „Schicksal, Freiheit und Prognose. Bewältigungsstrategien in Ostasien und Europa“ (IKGF).

Ringvorlesung „Religiöse Vielfalt“

Plakat der Ringvorlesung Religiöse Vielfalt

Plakat der Ringvorlesung

Die Ringvorlesung „Religiöse Vielfalt“ analysiert Beispiele religiöser Pluralität von der Antike über das Mittelalter und die Frühneuzeit bis zu Deutschland, England, China und den USA heute. Die Vorträge mit anschließender Diskussion sind dienstags ab 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses am Domplatz 20-22 in Münster zu hören. Kommende Woche spricht die katholische Theologin Prof. Dr. Judith Könemann zum Thema „Religiöse Akteure in der Öffentlichkeit. Kirchliche Positionierungen und Interessensvertretung in der (Zivil-) Gesellschaft“. (bhe/vvm)