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„Die Deutschen wissen zu wenig über Geschichtsforschung“

Kirchenhistoriker Prof. Dr. Hubert Wolf für mehr Aufklärung von Schülern über Archivarbeit – Neues Online-Video „Wie Geschichte entsteht“ des Exzellenzclusters

Die Deutschen wissen nach Auffassung des Münsteraner Kirchenhistorikers Prof. Dr. Hubert Wolf zu wenig darüber, wie Geschichtsschreibung in Archiven entsteht. Die Begeisterung für historische Themen in der Bevölkerung sei zwar groß. Doch „welch harte Knochenarbeit in der Geschichtsforschung steckt, das glauben die Leute kaum“, sagt der Wissenschaftler des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ im neuen Online-Video „Wie Geschichte entsteht“ auf www.religion-und-politik.de. Die Aufklärung über Archivarbeit solle bereits in der Schule ansetzen, so Prof. Wolf. Für einen einzigen Satz im Geschichtsbuch müsse ein Historiker oft wochenlang im Archiv forschen. Der Öffentlichkeit bleibe das meist verborgen.

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Online-Video „Wie Geschichte entsteht“

„Es gibt tausende Möglichkeiten, wie man als Schüler beginnen kann, mit historischen Quellen zu arbeiten“, sagt Prof. Wolf in dem Kurzfilm. „Das wird heutzutage in den Schulen, die ich kenne, zu wenig gemacht. Es ist wichtig, dass wir eben dort für Aufklärung sorgen.“ Das Sondieren, Sortieren und Auswerten von Originalquellen sei „wie die mühevolle Arbeit von Archäologen auf einer Grabungsstelle“. Geschichtslehrer könnten spannende historische Themen nutzen, um ihren Schülern nicht nur den Stoff, sondern auch die wissenschaftliche Herangehensweise zu vermitteln. In Akten blättern, Zettelkästen durchforsten, alte Schriften entziffern – das sollten junge Leute selbst im Archiv ausprobieren dürfen, ist der Kirchenhistoriker überzeugt. So lasse sich erfahren, wie Geschichte immer neu entsteht.

„Mein Kampf“ und „Winnetou III“

Im Kurzfilm „Wie Geschichte entsteht“ berichtet der Communicator-Preisträger von seinen Recherchen und Funden in den vatikanischen Archiven, etwa über den überraschenden Umgang der Indexkongregation mit Adolf Hitlers „Mein Kampf“ und Karl Mays „Winnetou III“. Prof. Wolf gehört zu den renommiertesten Kirchenhistorikern Deutschlands. Mit seinen Forscherteams wertet er seit Jahren die Bestände des vatikanischen Geheimarchivs und die Akten der Inquisition und der päpstlichen Indexkongregation aus. Die Gruppen haben manchen Schatz gehoben, etwa über das Verhältnis des Vatikans zum Nationalsozialismus. Bevor es zu solchen Erkenntnissen kommt, liegen vor den Historikern Berge von Akten, wie das Video zeigt.

Dr. Iris Fleßenkämper in einer Szene des Films

Dr. Iris Fleßenkämper in einer Szene des Films

Zu sehen ist im Film auch die Frühneuzeit-Historikerin Dr. Iris Fleßenkämper vom Exzellenzcluster. Sie erforscht am Beispiel der Grafschaft Lippe, wie weltliche und geistliche Gerichte mit Ehestreit im 17. Jahrhundert umgingen. „Die Quellenarbeit der Historiker ist wie eine Detektivarbeit“, sagt die Wissenschaftlerin. „Man sucht zunächst einzelne historische Beispiele als Indizien. Fügt man die Einzelfälle zusammen, lässt sich ein bestimmtes Phänomen belegen. Lassen sich mehrere dieser Phänomene belegen, können Historiker auf größere Zusammenhänge schließen und Theorien entwickeln.“

Filmreihe „Religion und Politik im Fokus“

Das Online-Video ist Teil der Filmreihe „Religion und Politik im Fokus“ auf www.religion-und-politik.de, die die Forschung am Exzellenzcluster der Uni Münster anschaulich vermittelt. In Kurzfilmen und Tondokumenten gewähren Forscherinnen und Forscher Einsicht in ihre wissenschaftlichen Themen, Methoden und Erkenntnisse. Die Reihe ist Teil des Konzepts des Münsteraner Forschungsverbunds, den Dialog mit der Öffentlichkeit über Themen aus dem Spannungsfeld von Religion und Politik zu pflegen. (han/vvm)