„Die gerade Spur halten“

Saudische Frauen streiten für mehr gesellschaftliche Rechte und das Königshaus verfolgt einen anscheinend widersprüchlichen Kurs

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Menno Preuschaft

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Mit einer anscheinend widersprüchlichen Politik gegenüber Frauen versucht das saudische Königshaus nach Meinung des Islamwissenschaftlers Menno Preuschaft einen Balanceakt. König Abdullah hatte jüngst eine verurteilte Frau begnadigt, die gegen das für Frauen geltende Autofahrverbot verstoßen hatte. Der Wissenschaftler sieht im politischen Kurs des Königs den Versuch, sich den verschiedenen Kräften des Landes und zugleich den eigenen Machtinteressen gerecht zu werden. „Der König will sich als Reformer darstellen und jeden Anlass der Destabilisierung der innenpolitischen Lage vermeiden“, betont der Islamforscher in einem Beitrag für die Website www.religion-und-politik.de des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU).

Der Beitrag:

Anfuehrungszeichen

Die unterschiedlichen Nachrichten der letzten Tage aus Saudi-Arabien bezüglich der Politik des Königshauses gegenüber saudischen Frauen riefen angesichts des Kurses, welchen König Abdullah in dieser Frage verfolgt, weltweit zunächst zustimmende Aufmerksamkeit, dann verständliche Empörung und insgesamt wohl einige Verwirrung hervor: Am 25. September 2011 verlautbarte König Abdullah, saudischen Frauen für die übernächsten Kommunalwahlen im Jahr 2015 nicht allein den Gang an die Urnen zu erlauben, sondern darüber hinaus auch die Kandidatur von Frauen für die zu wählenden Gremien zuzulassen. Zugleich wollte er selbst bei der Zusammenstellung des neuen Schura-Rates, der auf dem Weg der Beratschlagung dem König Empfehlungen für die Ausrichtung seiner Politik geben kann, auch weibliche Stimmen berücksichtigen, um damit die gesellschaftliche Rolle und die Partizipationsmöglichkeiten der Frauen zu stärken und zu erweitern. Wurden diese Ankündigungen im In- und Ausland als bedeutender Schritt begrüßt, so hatte die Nachricht vom Urteil gegen Schaima Jastaina vom 27. September weltweite – auch saudische – Empörung zur Folge: Sie hatte sich entgegen das für Frauen geltende Fahrverbot hinter das Steuer eines Autos gesetzt, um für mehr Bewegungsfreiheit und Rechte von Frauen zu demonstrieren, wie dies in den vergangenen Monaten auch andere saudische Frauen getan hatten. Hierfür wurde sie von einem Gericht zu 10 Peitschenhieben verurteilt. Der widersprüchlichen Maßnahmen und Ankündigungen nicht genug, hob König Abdullah am 28. September das Urteil gegen Jastaina wieder auf.

Um die Widersprüchlichkeit dieser Nachrichten einordnen zu können, ist es zunächst notwendig, sich die Grundkonstitution des saudischen Königreichs zu vergegenwärtigen: Die Herrschaft des Königshauses legitimiert sich zuallererst durch ihre Verpflichtung und ihr Selbstverständnis als Hüter der „reinen“ islamischen Lehre und der heiligen Stätten von Mekka und Medina, die sich auf saudischem Territorium befinden. Diese „reine“ islamische Lehre wird dabei nach der Auslegung und Lehre des Muhammad Ibn Abd al-Wahhab verstanden, weshalb den „wahhabitischen“ Religionsgelehrten des Landes eine nicht gering zu schätzende Machtstellung zukommt: Ihre Stimmen haben maßgebliches Gewicht bei der Beurteilung der Übereinstimmung des politischen Handels mit den islamischen Glaubensgrundsätzen und damit über die Rechtmäßigkeit der Staatsführung. Neben dieser Verknüpfung von politischer Macht und religiös-konservativer Ideologie äußern sich auch die bis heute wirksamen Stammesstrukturen und deren tradierte Normen in einem in weiten Teilen der Gesellschaft vorherrschenden Konservativismus. Beide Elemente, religiöser Purismus und tradierter Konservativismus, bestimmen maßgeblich auch das Geschlechterverhältnis und die Stellung der Frau im Königreich und können zur Erklärung der jüngsten Meldungen dienen.

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