„Erstaunlich harmonisches Gedenken an Samuel Ruiz“

Arm und Reich trauert um Mexikos wohl berühmtesten und umstrittensten Bischof

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Heiko Kiser

© Julia Holtkötter

Erstaunlich harmonisch gestaltet sich in Mexiko laut Historiker Heiko Kiser das Gedenken an den jüngst verstorbenen Bischof Samuel Ruiz (1924-2011). Zu Lebzeiten sei der Geistliche noch sehr unterschiedlich in seinem Land wahrgenommen worden, schreibt Kiser in einem Beitrag für www.religion-und-politik.de. Die Reichen und Mächtigen, denen er ein unangenehmer Zeitgenosse gewesen sei, hätten ihn wesentlich kritischer betrachtet als Vertreter der indigenen und benachteiligten Bevölkerungsgruppen, für die er sich Zeit seines Lebens eingesetzt habe. In seinem Beitrag erinnert Doktorand Kiser an Mexikos wohl berühmtesten und umstrittensten Bischof.

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Zu Tausenden fanden sich diese Woche indigene Gläubige aus allen Teilen des südmexikanischen Bundesstaates Chiapas in der barocken Kathedrale von San Cristóbal de las Casas ein, um ihrem „tatic“ (Vater) Samuel Ruiz die letzte Ehre zu erweisen. Selbst der mexikanische Präsident Felipe Calderón unterbrach ein Geschäftsessen mit dem reichsten Mann der Welt, dem mexikanischen Unternehmer Carlos Slim, um in einer Schweigeminute dem am vergangenen Montag im Alter von 86 Jahren verstorbenen Bischof zu gedenken. So unterschiedlich er im Leben wahrgenommen wurde – von den Reichen und Mächtigen, denen er stets ein unangenehmer Zeitgenosse war, und den Indigenen und Marginalisierten, für die er sich Zeit seines Lebens einsetzte – so erstaunlich gleichklingend und harmonisch fiel das Gedenken an ihn aus.

Samuel Ruiz machte sich in den vergangenen Jahrzehnten als unermüdlicher Verfechter von Menschenrechten weltweit einen Namen. Er hatte die Friedensgespräche zwischen Zapatisten und der mexikanischen Regierung in den 1990er Jahren begleitet, sich für die guatemaltekischen Bürgerkriegsflüchtlinge in den 1980er Jahren eingesetzt, ein eigenes Menschenrechtszentrum gegründet und sich in zahlreichen weiteren Konflikten für Indigene, Arme, Frauen und Flüchtlinge engagiert. Mehrmals war er aussichtsreicher Kandidat auf den Friedensnobelpreis, der ihm jedoch bis zuletzt auf Wirken der amerikanischen und mexikanischen Regierung verwehrt blieb. Trotzdem wurde er für sein Lebenswerk und Engagement mit dem Simón Bolívar Preis der Unesco im Jahr 2000 und den Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis 2001 geehrt.

Wandel der katholischen Kirche und der mexikanischen Gesellschaft

In seiner Person spiegeln sich geradezu paradigmatisch der tiefe Wandel der katholischen Kirche und der mexikanischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert und die vielfältige Verbindung von Religion und Politik wider. Mit nur 37 Jahren wurde der im mexikanischen Irapuato geborene Samuel Ruiz nach einer theologischen Ausbildung in Rom 1959 zum Bischof der besonders verarmten und stark indigen geprägten Diözese San Cristóbal im Süden Mexikos ernannt. In San Cristóbal wurden die Indigenen in jenen Jahren an der Nutzung des Bürgersteigs gehindert. Viele Großgrundbesitzer hielten ihre Arbeiter wie Leibeigene. Es schien, als hätte die mexikanische Revolution diese Region nie erreicht. In diesem Klima begann der anfangs äußerst konservative und paternalistisch agierende Bischof Samuel Ruiz seine Arbeit. Seine Hauptsorge war zunächst, die „Indios“ von der Bedrohung des Kommunismus fernzuhalten. In den 1960er Jahren setzte jedoch allmählich der folgenreiche Wandel von Samuel Ruiz zu einem Befürworter der Befreiungstheologie und einer indigenen Pastoral ein.

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