„Die Soziologie hat die Religion ignoriert“

Experte Prof. Dr. Hans Joas sieht Mängel im wissenschaftlichen Umgang mit Religionsfragen

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Prof. Dr. Hans Joas

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Die Wissenschaft der Soziologie hat sich nach den Worten des Freiburger Soziologen Prof. Dr. Hans Joas über Jahrzehnte „ignorant gegenüber der Religion“ verhalten. Das sei „paradox“, weil das Thema Religion im Zentrum des Denkens ihrer Klassiker Max Weber und Emile Durkheim gestanden habe, sagte Prof. Dr. Joas am Donnerstagabend in Münster. „Die Soziologie drängte die Religionssoziologie immer mehr in eine randständige Position.“ Grund dafür sei, dass Weber und Durkheim selbst in ihren Theorien von einem wachsenden Bedeutungsverlust der Religion ausgingen. Die Beschäftigung damit hätten viele Soziologen somit für unnötig gehalten.

Inzwischen befasst sich das Fach wieder mit Fragen der Religion, wie Prof. Dr. Joas in seinem öffentlichen Vortrag am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster sagte. Doch aus der langen Zeit der Ignoranz seien fachliche Mängel entstanden. Zentrale Begriffe der Säkularisierungstheorie, die von einer zunehmenden Verdrängung der Religion in der Moderne ausgeht, würden unscharf und unhistorisch verwendet. „Differenzierung“, „Rationalisierung“ und „Modernisierung“ etwa seien „gefährliche Prozessbegriffe“, von denen sich die Soziologie befreien und für die sie alternative Theorien finden müsse.

Der Soziologe plädierte dafür, nicht mehr von „linearen Prozessen der Säkularisierung“ auszugehen, sondern ein „Wechselspiel von Sakralisierung und Desakralisierung“ historisch genau zu analysieren. Die Vorstellung einer einheitlich beschaffenen Moderne dürfe dabei nicht länger leitend sein. Ohnehin müsse sich die Soziologie, die zu einer „Gegenwartswissenschaft“ geschrumpft sei, wieder auf den universalhistorischen Ansatz ihrer Klassiker Weber und Durkheim besinnen und sensibel für die historische Kontingenz sein, die Ungewissheit menschlicher Lebenserfahrungen. Derzeit gehen laut Joas empirische und normative Ansprüche in seinem Fach oft durcheinander.

Der Wissenschaftler, der in Chicago und Freiburg lehrt, sprach im Rahmen einer großen Cluster-Tagung mit dem Titel „Die Ausdifferenzierung von Religion und Politik: Soziologische Annahmen und historische Befunde“. Experten aus Europa und den USA gehen dabei bis zum Wochenende der Frage nach, wie sich das Verhältnis von Religion und Politik im Laufe der vergangenen Jahrhunderte verändert hat. Sie stellen die Säkularisierungstheorie auf den Prüfstand, wie Religionssoziologe Prof. Dr. Detlef Pollack vom Exzellenzcluster erläuterte. „Die These gehört zum Kernbestand soziologischer Theorieentwürfe, wurde zuletzt aber häufig als veraltet, eindimensional und fortschrittsgläubig abgetan.“ Umso wichtiger sei es, Soziologie und Geschichtswissenschaft darüber ins Gespräch zu bringen und die historisch angelegte Theorie historisch zu überprüfen. Später biete sich auch ein interkultureller Vergleich an.

Auf der Tagung untersuchen Historiker, Soziologen und Theologen die Theorie anhand von Fallbeispielen aus neun Jahrhunderten vom Investiturstreit bis zum 20. Jahrhundert. Veranstalter sind die Cluster-Projekte C21 „Die Legitimität des religiösen Pluralismus“ unter Leitung von Prof. Pollack, C11 „Gewaltverzicht religiöser Traditionen unter Leitung des Sozialethikers und Religionssoziologen Karl Gabriel und Religionssoziologin Dr. habil. Christel Gärtner, Nachwuchsgruppenleiterin der Graduiertenschule. Der Titel des öffentlichen Vortrags lautete „Gefährliche Prozessbegriffe: Eine Warnung vor der Rede von Differenzierung, Rationalisierung und Modernisierung“. (vvm)