Fußball und Zauberei in Afrika

Warum die Berichterstattung über die Weltmeisterschaft eine große Chance vertut

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Dr. Barbara Meier und Dr. Arne Steinforth

© arn

Zur Fußball-WM in Südafrika beklagen Experten ein einseitiges Afrika-Bild in den Medien, das auf „effektheischende Exotik“ ausgerichtet sei. „Ein Großteil der aktuellen Berichterstattung vergibt die Chance, ein differenziertes Bild zu vermitteln. Sie fertigt einen ganzen Kontinent als irrational, archaisch und abstoßend ab und bestätigt damit Vorurteile“, schreiben die Ethnologen Dr. Barbara Meier und Dr. Arne Steinforth in einem Beitrag für die Webseite www.religion-und-politik.de des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU).

Anfuehrungszeichen

Der Beitrag:

Noch ehe der Startschuss zur Fußball-Weltmeisterschaft (WM) in Südafrika gefallen ist, häufen sich die Schauermärchen über archaische „okkulte Praktiken“ im afrikanischen Fußball in den deutschen Medien. Dabei werden kaum nachvollziehbare Zusammenhänge konstruiert. Ein Bericht über die traditionelle Behandlung eines kranken Jungen in Uganda etwa mündet plötzlich in Aussagen über „Magie im Fußball“ in Südafrika und den „spirituellen Wahn“ in Afrika an sich. Ein Medienereignis wie die Fußballweltmeisterschaft in diesem Sommer hat das Potential, das Interesse der Weltöffentlichkeit an Gesellschaften Afrikas zu wecken – ein Großteil der aktuellen Berichterstattung aber vergibt die Chance, ein differenziertes Bild zu vermitteln. Sie fertigt vielmehr einen ganzen Kontinent als irrational, archaisch und abstoßend ab und bestätigt damit nur längst überholte Vorurteile. Übersehen wird dabei auch, dass die Rituale und Symbole, die der afrikanische Fußball verwendet, durchaus Entsprechungen in Europa haben.

Schon die Wortwahl mancher Berichte zum Thema „Magie im Fußball“ diskriminiert einen ganzen Kontinent. Afrika mit seinen 53 Staaten, Tausenden von unterschiedlichen Gesellschaften und ebenso vielen Sprachen wird darin zur Heimat von nicht näher bestimmten „Stämmen“, die ihr Schicksal blind in die Hände von „Hexenmeistern“ und „Scharlatanen“ legen. Viele Berichterstatter haben offenbar einen eingeschränkten Einblick in die Gesellschaften, über die sie schreiben – bedienen aber zuverlässig die Vorurteile ihrer Leser. Dadurch verkaufen sie ein exotisches Afrikabild, das dem der „Wilden“ und „Kannibalen“ aus Kolonialtagen in nichts nachsteht. Mit effektheischenden Ausschmückungen beschreiben sie Opferrituale oder Wahrsagesitzungen, verzichten aber darauf, das Beobachtete sachlich in seine kulturellen Zusammenhänge einzuordnen.

Es entsteht dabei der Eindruck einer dramatischen Inszenierung: Die obskursten Ritualgegenstände werden im Interview mit den europäischen Besuchern bewusst medienwirksam in Szene gesetzt. Der sensationelle okkulte Charakter der vorgefundenen Ausstattung – der Masken, Trommeln, Knochen, Felle und Muscheln – liegt aber einzig und allein in den Augen des europäischen Betrachters. In der Arbeit jener Ritualspezialisten hat jedes Objekt eine ganz besondere Bedeutung, die auf eine Austauschbeziehung der sozialen mit der kosmologischen Domäne verweist. Aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten sind diese Spezialisten in der Lage, zwischen ihren Klienten und der übernatürlichen Welt zu vermitteln, die Bedürfnisse beider Seiten zu erkennen und somit Missstände zu beheben – wofür in der Regel Opfergaben an Ahnen oder andere religiöse Autoritäten notwendig sind. Diese „Wahrsager“, Männer wie Frauen, sind aus Religion und Alltag der Menschen im südlichen Afrika nicht wegzudenken.

Aber ein bisschen Magie kann dem Fußball nicht schaden – nicht nur in Afrika. Vielleicht ist es hilfreich, die vorgeblich finsteren Praktiken afrikanischer Ritualspezialisten als eine spezielle Form von „spirituellem Doping“ zu verstehen. Praktiken, die oftmals als „schwarze Magie“ bezeichnet werden, sind auch in Afrika mehr als umstritten und nicht zu verwechseln mit anderen Formen von Wahrsagerei und Heilung. In den meisten Fällen geht es nicht um „Schadenszauber“ gegen den Gegner, sondern um die spirituelle Unterstützung der eigenen Mannschaft. In Ergänzung zu Trainerstab, Zeugwart, Mannschaftsarzt, Physiotherapeut und Chefscout wäre der Ritualspezialist insofern ein zusätzlicher Dienstleister, dessen Arbeit der Leistung der einzelnen Spieler und dem Erfolg der Mannschaft zuträglich sein soll.

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