Lis Hansen

Poetische Müllszenen. Relationen zwischen Räumen, Figuren und Abjekten in der Gegenwartsliteratur

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© Lis Hansen

Seit dem 19. Jahrhundert und besonders dann im 20. Jahrhundert generieren moderne Wirtschaftsweisen massenhaft Reste, die größtenteils nicht wiederverwertet werden: Müll. Dieser ist einerseits ein Phänomen, das sich durch konkrete materielle und alltägliche Erfahrungen auszeichnet. Andererseits sind mit Müll verbundene Konzepte, Blickstrukturen und Praktiken, wie das Sammeln, Sortieren, Wegwerfen, Verbrennen, Verdrängen, Entsorgen oder Wiederverwerten, so bedeutend für moderne Kulturen, ihre grundlegenden Strukturen und Dimensionen, dass Abfall zurecht als „Kulturmetapher“ (Kuchenbuch) oder „Kulturprinzip der Moderne“ (Windmüller) bezeichnet wurde.
Entsprechend intensiv thematisiert die Literatur des 20. Jahrhunderts den Abfall, den Rest, das vermeintlich Überflüssige, Nutzlose und Randständige. Darüber hinaus zeigen sich für die Gegenwartsliteratur in den Darstellungen von Müll gänzlich neuartige Konstellationen, die mit einer rein oppositionellen Charakterisierung als ‚Kehrseite der Kultur‘ unzureichend beschrieben wären. Statt das Verhältnis diametral zu denken, wird der Fokus in dieser Studie darauf gelenkt, dass die Literatur nicht nur Kehrseiten der Kultur, ihre verdrängten Aspekte oder blinden Flecke verhandelt. Vielmehr liegt die Aufmerksamkeit auf den mit Müll verbundenen komplexen Wirkungen und Interaktionen. Daher wird mit dem in dieser Studie entwickelten Konzept der Müllszene betont, dass Müll von seiner Ontologie wie literarischen Darstellung her nicht nur konstruktiv oder materiell zu denken ist, sondern stets mit räumlichen und figürlichen Wirkungen verbunden ist. Des Weiteren wurde bisher meist ein anthropozentrischer Fokus beibehalten, der jedoch zentrale Eigenheiten von Müll unbeachtet lässt. An dieser Stelle setzt das Konzept der Müllszene an, um mit der Untersuchung der Beziehung von Räumen, Figuren und Müll den Eigenwert der poetischen Dynamiken herauszustellen.
In der gegenwärtigen Literatur zeigen sich dabei grundlegende Neuerungen und Verschiebungen in den Relationen und Interaktionen, etwa im Verhältnis zwischen Kunststoffmüll und Naturraum. Auch literarische Verhandlungen über soziale Ungleichheit und das gesellschaftliche ‚Unten‘ werden über die Darstellung von Abfällen geleistet. Ferner lässt sich in Texten der 2000er Jahre eine auffällige Zunahme der Schilderung von Messie-Figuren beobachten. Dies offenbart eine verstärkte Reflexion über Macht- und Autonomiefragen im Hinblick auf das Verhältnis des Menschen zu seinen Objekten und ist mit spezifischen Textverfahren verbunden.


Fach: Germanistik
Betreuerinnen: Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf (WWU Münster), Prof. Dr. Ulrike Vedder (HU Berlin)

Kontakt

  • Akademischer Werdegang

    07/2020 Disputatio
    seit 07/2018 Stakeholderin im Projekt PlastikBudget (https://plastikbudget.de/)
    seit 07/2015 Stipendiatin des Evangelischen Studienwerks Villigst
    04/2015-03/2017 Promovierendenvertretung im Auswahlausschuss der Graduate School Practices of Literature, WWU Münster
    seit 10/2014 Mitglied der Graduate School Practices of Literature, WWU Münster
    07/2014 Summer School der Universitet Aarhus (Dänemark) in Rom: Text – Memory – Monument. The use of the past in Italien Renaissance culture.
    03-09/2014 Erschließung des Nachlasses von Dr. h.c. Gerhard Schoenberner
    04/2012 - 01/2013 Studentische Mitarbeiterin der Direktion des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin (Prof. Dr. Dr. h.c. Sigrid Weigel und Prof. Dr. Stefan Willer)
    10/2011-09/2013 Tutorin am Institut für Romanistik der Humboldt-Universität zu Berlin
    10/2011-09/2013 Tutorin am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin
    10/2010-07/2014 Masterstudium: Europäische Literaturen an der Humboldt-Universität zu Berlin
    10/2007-02/2010 Mentorin für ErstsemstlerInnen an der Freien Universität Berlin am Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie
    10/2006-09/2010 Bachelorstudium: Deutsche Philologie und Geschichte an der Freien Universität Berlin und der Université de La Réunion, Frankreich
    Praktika
    01-02/2014 Praktikum in der Museumsabteilung des Deutschen Literaturarchivs Marbach
    09/2011 Praktikum im LiteraturHaus Kopenhagen, Dänemark
    04-06/2010 Praktikum im Goethe-Institut Lyon, Frankreich

  • Vorträge und Publikationen

    2020 Müll und Kontingenz. Die Deponie als locus terribilis und poetischer Fundort. In: Assmann, David-Christopher (Hg.): Narrative der Deponie. Kulturwissenschaftliche Analysen beseitigter Materialitäten. Wiesbaden: Springer.
    2020 Eine Frage der Substanz. Erzählungen von Verpackungen, Werten und Müll. In: Kröger, Melanie/Pape, Jens/Wittwer, Alexandra (Hg.): Einfach weglassen? Ein wissenschaftliches Lesebuch zur Reduktion von Plastikverpackungen im Alltag. München: oekom (in Vorbereitung).
    11/2019 Welt und Wohnungen voller Müll. Oikos und Abfall in der Gegenwartsliteratur. Tagung am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin: Verwalten, Verwerten, Vernichten. Kulturpoetische Formationen des Abfalls seit 1930.
    11/2018 Plastikmüll in der Literatur. Narrative einer ungewissen Substanz. Auftaktkonferenz des Projekts PlastikBudget: Plastikperspektiven - Historisch, ästhetisch, sozialwissenschaftlich. Kulturwissenschaftliches Institut Essen.
    10/2018 Vom Suchen und Finden im Müll. Die Deponie als Topos der Kontingenz. Deutsch-Italienische Fachkonferenz: Narrative der Deponie. Literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven auf eine Entsorgungspraxis. Goethe-Universität Frankfurt am Main.
    2018 KUNST-STOFFE. Der Zauber und Fluch materieller Persistenz am Beispiel von Dea Lohers Deponie. In: Hansen, Lis/Roose, Kerstin/Senzel, Dennis (Hg.): Die Grenzen der Dinge. Ästhetische Entwürfe und theoretische Reflexionen materieller Randständigkeit. Wiesbaden: Spinger.
    2018 Die Grenzen der Dinge. Ästhetische Entwürfe und theoretische Reflexionen materieller Randständigkeit. Wiesbaden: Springer.  (Herausgeberschaft gemeinsam mit Kerstin Roose und Dennis Senzel).
    2018 Abfall/Müll. In: Scholz, Susanne/Vedder, Ulrike (Hg.): Literatur und materielle Kultur. Berlin: De Gruyter.
    2017 Das Immaterielle ausstellen. Zur Musealisierung von Literatur und performativer Kunst. Bielefeld: transcript. (Herausgeberschaft gemeinsam mit Janneke Schoene und Levke Teßmann).
    2017 Verdammte Dinge: Tabu (und) Müll in der Literatur. In: Süwolto, Leonie (Hg.): Ästhetik des Tabuisierten in der Literatur- und Kulurgeschichte. Open-Access-Publikationen der Universitätsbibliothek Paderborn.
    01/2017 Just one word: Plastics. Kulturelle und literarische Imaginationen von Kust-Stoffen. Freie Universität Berlin
    07/2016 KUNST-STOFFE. Plastikmüll und Literatur am Beispiel von Dea Lohers Deponie. Workshop: Plunder-Müll-Makulatur. Die Grenzen der Dinge. Literatur und materielle Randständigkeit seit dem 19. Jahrhundert. Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin
    06/2016 Dinge an der Grenze zur kulturellen Form: Transfer und Transformationsprozesse von Müll. MLA International Symposium: Other Europes: Migrations, Translations, Transformations. Heinrich Heine Universität Düsseldorf
    06/2016 Dinge und kulturelle Formen. MLA Vorbereitungsworkshop: Zirkulation und Beweglichkeit kultureller Formen. Universität Wien
    07/2015 Ships that stand still and islands that will never be visited - the usage of and breaking with classical travel topoi in contemporary German literature. DAAD Porstgraduate Summer School in German Studies: Culture in a Global Context. University of Oxford
    06/2015 Kehrseiten der Kultur: Müll in der Literatur seit 1945. Inszenierungsstrategien und poetisches Potenzial. Workshop: Wörter und Sachen. Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin
    09/2014 "Hartmut Hellmann stinkt!" Tabuisierung und poetisches Potential von Müll in Arne Rautenbergs Der Sperrmüllkönig und Wolfgang Herrndorfs Tschick. Workshop: Ästhetik des Tabuisierten in der Literatur und Kultur. Universität Paderborn