Barbara Keller

Zur Sprache kommen

Konzeptualisierung und Evaluierung eines musiktherapeutischen Förderangebotes

Dr. phil. Barbara Keller

Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Münster 2013
Betreuung und Erstgutachterin: Prof. Dr. Rosemarie Tüpker
Zweitgutachter: Prof. Dr. Michael Custodis

Zur Sprache Kommen

Veröffentlichung

Barbara Keller
Zur Sprache kommen. Konzeptualisierung und Evaluierung eines musiktherapeutischen Förderanbotes

Books on Demand, Norderstedt 2013
ISBN 978-3-732-28471-9
264 Seiten, 24,95 Euro
Kindle-Edition 18,99 Euro

Kontext

Dr. phil. Barbara Keller war von Beginn an organisatorisch, praktisch und forschend am Projekt Durch Musik zur Sprache beteiligt. Nach einer eigenen praktischen Phase begleitete sie mit ihrer Forschung die zweijährigen Pilotphase und konnte nachweisen, dass die entwickelte Arbeitsform einen wesentlichen Beitrag zur Sprachförderung von Kindern im Kita-Alter leisten kann und vor allem die emotionale und soziale Entwicklung der Kinder fördert.

Zusammenfassung 

Sprachfähigkeit und eine stabile Persönlichkeit sind die grundlegenden Voraussetzungen für Schule und Beruf und der Schlüssel zur Integration. Kinder, deren Sprachentwicklung verzögert ist, haben nur begrenzte Möglichkeiten, den Weg des schulischen Lernens erfolgreich zu meistern.
Mit dem Projekt „Durch Musik zur Sprache“ wurde ein die Sprachförderung ergänzendes Förderinstrument entwickelt, innerhalb dessen das Kind in seiner Gesamtentwicklung wahrgenommen und behandelt wird: Neben der Erweiterung der Sprachkompetenz ist auch und vor allem eine Nachreifung der Persönlichkeit und der sozial-emotionalen Entwicklung intendiert. Über das Medium Musik können Kinder die Sprache neu und anders erleben, entdecken und sich zu eigen machen. Der Leitgedanke des Projektes wird in Zusammenhang mit philosophischen, linguistischen, psychologischen und pädagogischen Theorien gesetzt und anhand von quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden begründet. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sind klare und eindeutige Argumente für die Etablierung der Disziplin Musiktherapie im Bereich der Förderung sprachentwicklungsauffälliger Kinder.

Die hier in Buchform veröffentlichte Dissertation von Barbara Keller liefert damit einen bedeutsamen und gesellschaftlich besonders relevanten Beitrag zur musiktherapeutischen Forschung sowie zu allgemeinen Fragen der Psychologie von Musik und Sprache im frühen Kindesalter. Es ist ein Plädoyer für den gezielten Einsatz von Musiktherapie bei Kindern, die Unterstützung auf dem Weg zur Sprache brauchen.

Fazit und Konsequenzen für die Praxis

Ein musiktherapeutisches Sprachförderangebot ist nachweislich ein für Kinder im Vorschulalter sinnvolles ergänzendes Konzept zur Stärkung ihrer Identität und zur Entwicklung von Sprachfähigkeit und Sprachkompetenz. Die Kinder erleben die Sprache über den Weg der Musik als etwas Eigenes und als Zugewinn. Sie machen Interaktionserfahrungen, lernen, auf sich und andere zu hören, und finden situativ zu ihrem eigenen Ausdruck. 

Eine altersgemäße Sprachentwicklung ist, ebenso wie ein gutes und gesundes Selbstempfinden, eine grundlegende Voraussetzung für die bevorstehende Schulsituation. Sprache ist eine entscheidende Kernkompetenz für soziale Integration, für Bildung und das spätere Ergreifen eines Berufes. Mangelhafte sprachliche Kompetenzen beeinträchtigen das soziale Miteinander, behindern das Lernen und stellen eine große Hürde für das Fortschreiten auf dem Bildungsweg dar. Davon betroffen sind meist vor allem Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien oder Familien mit  Einwanderungshintergrund. Die frühe Förderung dieser Kinder und deren Unterstützung im Erwerb der Sprache stellt eine notwendige Maßnahme der primären Prävention dar.

In dieser Arbeit wurde dargelegt, wie das Medium Musik wirksam in den Sprachförderprozess integriert werden kann und mehr noch, wie der Einsatz von
Musik Erfahrungen ermöglicht, die den Weg zur Sprache ebnen. Ob und wie andere Disziplinen – wie beispielsweise die Kunst oder der Sport – in ähnlicher Weise einen Zugewinn für den Sprachförderprozess darstellen können, wurde bisher nicht erforscht und bildet daher einen weiteren Forschungsbedarf. Aus den vorliegenden Ergebnissen können nun abschließend folgende Konsequenzen für die Praxis der Sprachförderung sprachentwicklungsgestörter Kinder formuliert werden:

Die Förderung der Sprache muss auf einer präverbalen Ebene ansetzen, von der aus sich die Entwicklungschancen für das Kind durch die Wirkmechanismen und Transfereffekte der Musik besonders gut bearbeiten lassen. Der Einsatz von Musik in der Arbeit mit sprachentwicklungsgestörten Kindern muss behutsam und bewusst geschehen. Die Musik muss die Kinder auf einer emotionalen Ebene erreichen und ihnen Räume öffnen, die Ausdruck und Begegnung ermöglichen.

Der Einsatz von Musik in der Arbeit mit sprachentwicklungsgestörten Kindern muss behutsam und bewusst geschehen. Die Musik muss die Kinder auf einer emotionalen Ebene erreichen und ihnen Räume öffnen, die Ausdruck und Begegnung ermöglichen.

Das hier vorgestellte und evaluierte musiktherapeutische Sprachförderkonzept erfüllt diese beiden Forderungen und eignet sich daher in besonderer Weise als
ein die Sprachförderung ergänzendes Förderinstrument für Kinder, die Unterstützung auf dem Weg zur Sprache brauchen. Sprachfähigkeit und eine stabile Persönlichkeit sind die grundlegenden Voraussetzungen für Schule und Beruf und der Schlüssel zur Integration. Das Angebot muss daher integraler Bestandteil des Bildungsauftrages von Kindertageseinrichtungen werden und im Kinder- und Jugendhilfegesetz als Regelaufgabe normiert werden.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung ... 9

I Theoretische Grundlagen... 13
1 Sprache – ein dynamisches System ... 13
1.1 Wesensmerkmale der Sprache ... 14
1.2 Komponenten der Sprache ... 15
1.3 Die Funktionen der Sprache – philosophische Ansätze ... 19
1.4 Die Zwiespältigkeit der Sprache – psychologische Ansätze ... 24

2 „Zur Sprache kommen“ ... 27
2.1 Theorien zum Spracherwerb ... 27
2.2 Voraussetzungen des Spracherwerbs ... 29
2.2.1 Biologische Voraussetzungen ... 29
2.2.2 Sensomotorische Voraussetzungen ... 30
2.2.3 Kognitive Voraussetzungen ... 30
2.2.4 Zusammenfassung ... 32
2.3 Die Identitätsentwicklung und die Rolle der sozialen Umwelt ... 34
2.3.1 Urvertrauen und sichere Bindung ... 34
2.3.2 Intuitive elterliche Didaktik ... 37
2.3.3 Selbstempfinden und Kohärenzgefühl ... 43
2.3.4 Der intermediäre Raum ... 54
2.3.5 Das Spiel ... 57
2.3.6 Rituale und wiederkehrende Erfahrungen ... 68
2.3.7 Der „Safe Place“ ... 70
2.3.8 Verknüpfung ... 80
2.4 Zweitspracherwerb im Kindesalter ... 81
2.4.1 Erwerben oder Lernen? Eine Begriffsklärung ... 82
2.4.2 Faktoren, die den Zweitspracherwerb beeinflussen ... 85
2.4.3 Der entwicklungspsychologische Hintergrund ...87
2.4.4 Zusammenfassung ... 89

3 Brückenfunktionen der Musik ... 91
3.1 Therapeutische Qualitäten ... 91
3.1.1 Musik zur Identitätsstärkung .. 92
3.1.2 Musik als Ausdrucks- und Beziehungsmedium ... 94
3.2 Pädagogische Potentiale ... 95
3.3 Diskussion ... 96

4 Stand der Forschung ... 102
4.1 Längsschnittstudien ... 102
4.2 Querschnittstudien ... 116
4.3 Einzelfallstudien... 118
4.4 Praxisprojekte ohne begleitende Forschung ... 120
4.4.1 Regionale und überregionale Initiativen ... 121
4.4.2 Sprachförderung mit Musik an Musikschulen ... 123
4.4.3 Weitere Projekte und Initiativen ... 124
4.5 Diskussion ... 125


II Das Projekt „Durch Musik zur Sprache“ ... 128
1 Konzeption ... 128
1.1 Idee und Ausgangslage ... 128
1.2 Umsetzung ... 130
1.3 Gegenstand der Untersuchung und Erhebungsmethoden ... 131
1.3.1 Quantitative Forschung ... 131
1.3.2 Qualitative Forschung ... 136

2 Quantitative Ergebnisse ... 140
2.1 Vergleich der Gruppenprofile ... 140
2.2 Analyse des Sprachtests SET 5-10 ...141
2.2.1 Vergleich der durchschnittl. Leistungen in den Untertests ... 141
2.2.2 Analyse auf Rohwertbasis ... 142
2.2.3 Zusammenfassung ... 144
2.3 Analyse des Beobachtungsbogens „perik“ ... 144
2.3.1 Vergleich der Mittelwerte ... 145
2.3.2 Vergleich des Faktors „Zeit“ ... 145
2.3.3 Vergleich des Faktors „Zeit*Gruppe“ ... 145

3 Qualitative Ergebnisse ... 148
3.1 Die Gruppe ... 148
3.1.1 Gruppenprozesse ... 148
3.1.2 Gruppenthemen und Behandlungsaufträge ... 161
3.2 Der Therapeut ... 171
3.2.1 Erleben und Gefühle ... 171
3.2.2 Therapeutische Haltung ... 183
3.3 Sprachförderung durch Musik ... 189
3.3.1 Beobachtungen zum Sprachstand ... 189
3.3.2 Musik als Wirkungsfeld ... 195
3.4 Setting und Ausrüstung ... 208
3.4.1 Das Setting ... 208
3.4.2 Spielerepertoire – Die „Top Five“ und weitere Erkenntnisse ... 211
3.4.3 Das Material ... 222
3.5 Das einzelne Kind ... 222
3.5.1 Selma: Gehört werden ... 223
3.5.2 Alexander: Gesehen und Verstanden werden ... 226
3.5.3 Leila: In Kontakt kommen ... 230
3.5.4 Lisa: Zur Sprache kommen ... 235
3.5.5 Ali: Aus sich heraus kommen ... 239

4 Resümee ... 245
4.1 Ergebnisse ... 245
4.2 Reflexion ... 248
4.3 Fazit und Konsequenzen für die Praxis ... 250

Literaturverzeichnis ... 252
Danksagung ...264