Gong-mit-fluss


In verwandelter Gestalt

Schamanische Zeremonie und musiktherapeutische Heilkunst
am Beispiel der Gongtherapie

Timo Hoppert, Musiktherapeut (Master of Arts)
Promotionsprojekt an der Philosophischen Fakultät der Universtität Münster



Einen Überblick über das Projekt in Form eines wissenschaftlichen Posters finden Sie hier.
Ein Abstract (DE/ENG) finden sie hier.

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s. auch Masterarbeit: Splitter des Lebens

Betreuung: Prof. Dr. Rosemarie Tüpker
Zweitbetreuer: Prof. Dr. Georg Romer

Vom schamanischen Ritual zur rezeptiven Musiktherapie

In den meisten schamanisch geprägten Gemeinschaften sind Heilzeremonien in ritualisierter Form fester Bestandteil des kulturellen Miteinanders. Sie stellen einerseits eine Kontrollinstanz der Sozietät dar, die dazu dient, das Zusammenleben der gesamten Gemeinschaft zu regeln. Andererseits offenbaren sie spezifische kulturelle Konzepte von Erkrankung und Gesundung des Einzelnen. Die Durchführung einer ritualisierten Heilzeremonie begünstigt in der schamanischen Weltsicht die Schöpfung eines harmonischen Gleichgewichts zwischen Materie und Geist - sowohl des Individuums als auch der Gesellschaft.

Die konkrete Durchführung dieser Rituale obliegt in der Regel den Schamanen. Sie sind zugleich Mediziner, Psychologen, sowie spirituelle und soziale Leitfiguren des Stammes. In erster Linie verstehen sie sich aber als Vermittler zwischen den Welten. Sie bereisen in der Trance eine nicht-alltägliche Wirklichkeit, um dort fraglichen Sachverhalten auf nachzugehen und mit Geistern und anderen Wesenheiten zu kommunizieren, die fester Bestandteil der jeweiligen kulturellen Mythologie sind.

Um in diese außergewöhnlichen Bewusstseinszustände einzutreten, werden spezifische Instrumente (oftmals Trommel, Rassel und Gesang) genutzt, deren Klänge zugleich das Zustandekommen sowie das inhaltliche Erleben während der Trance gestalten. Gewissermaßen haben Schamanen schon früh das Potential monotoner Klänge entdeckt und angewandt. Im Ritual ermöglicht dies den Patienten einen Eintritt in heilende Bewusstseinszustände.

Nach dem Vergessen dieser ritualisierten Heilzeremonien im Laufe der kulturellen Entwicklung, tauchen sie in der heutigen Zeit wieder auf. Vor einigen Jahrzehnten gewannen rezeptive musiktherapeutische Verfahren, die mehr oder weniger stark am schamanischen Ritual orientiert sind, wieder an Bedeutung.

Die Gongtherapie

Eines dieser Verfahren ist die Gongtherapie, die seit circa 25 Jahren in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Klinik im Metznerpark in Frankenthal angewandt wird. Sie wurde von dem leitenden Oberarzt Dr. Peter Hess empirisch entwickelt und kontinuierlich weiter modifiziert. Diese Form der Musiktherapie bedient sich verschiedener psychologischer Stimuli zur Erzeugung außergewöhnlicher Wachbewusstseinszustände, in denen verborgene Schichten der menschlichen Psyche erreichbar werden. Sie ist den bisher wenig verbreiteten Verfahren der Klangtrance zuzuordnen. Hierbei wird der Informationsfluss zwischen bewussten und unbewussten Bereichen der Psyche verstärkt, sodass verdrängte, vergessene oder abgespaltene Erfahrungen und Erlebnisse bewusst werden können. Im Anschluss besteht die Möglichkeit der Integration.

Die Gongtherapie ist Bestandteil eines kreativen Gesamtkonzepts, das sich aus Musik-, Ergo- und Gestaltungstherapie, sowie den traditionellen verbalen Psychotherapien zusammensetzt. Sie wird im wöchentlichen Ablauf einmal angeboten und besteht als Gruppenangebot in Form einer „slow-open“ Gruppe. Die Gongtherapie ist für alle Patienten der Klinik im Metznerpark offen, die sich für diese Form der Musikpsychotherapie interessieren. Maßgeblich ist jedoch die Bereitschaft, mindestens sechs Wochen in Folge teilzunehmen. Selbstredend ist die Freiwilligkeit der Teilnahme. Die Auswirkungen dieser Therapieform auf die teilnehmenden Patienten sind der Gegenstand des empirischen Forschungsteils dieses Promotionsvorhabens.

Wissenschaftliche Herangehensweise

Da die Verfahren der Klangtrance wissenschaftlich bisher weitgehend unerforscht sind, wurde die empirische Untersuchung im Stil der qualitativen Heuristik konzipiert, um begründete Theorien schöpfen zu können.

Bei dieser Untersuchung handelt es sich um Grundlagenforschung. Daher wurde eine offene Fragestellung formuliert, die ein möglichst breites Spektrum der Erlebnisse der teilnehmenden Patienten abbilden zu können.

Welche Auswirkungen hat die fortlaufende Teilnahme an der Gongtherapie auf Patienten mit psychischen Erkrankungen
im Rahmen einer (teil-)stationären psychotherapeutischen Behandlung?

Aufgrund der offenen Forschungsfrage ist es notwendig angemessene Regeln für eine Such-und-Finde Strategie von Theorien zu nutzen. Aus qualitativ-heuristischer Sicht schlägt Kleining vier Grundmaximen vor, die für das vorliegende Forschungsvorhaben als dienlich erscheinen. Sie sind weniger hierarchisch strukturiert, als mehr ein wechselseitiges Bedingungsgefüge. Das Vorverständnis des Forschers über seinen Forschungsgegenstand sollte vorläufig und veränderbar sein, wenn entsprechende Daten gesammelt werden die auf bisher unverstandene Sachverhalte hinweisen. Zudem ist der Forschungsgegenstand selbst als vorläufig zu betrachten und kann erst nach erfolgreichem Abschluss der Forschung, sowie der damit verbundenen gelungenen Beantwortung der Fragestellung als in ihrem Sinne bekannt angesehen werden. Diese beiden Aspekte sind durch die vorliegende Herangehensweise der Forschung gewährleistet. Weiterhin beschreibt Kleining die maximale strukturelle Variation der Perspektiven als zentrale Forschungsregel, die ein „einkreisen“ des Forschungsgegenstandes von möglichst vielen unterschiedlichen Seiten erfordert. Durch das Design der Forschungsinstrumente und die heterogene Zusammensetzung der Patientengruppe ist dies möglich. Die vierte Regel der qualitativ-heuristischen Forschungsmethodologie bezieht sich auf die Auswertung der Daten. Hierbei werden die gesammelten Daten auf Gemeinsamkeiten hin untersucht, um dadurch übergeordnete Theorien generieren zu können. Im vorliegenden Projekt ist neben den allgemeinen Aussagen hinsichtlich der Wirkung der Gongtherapie zunächst der explorierte Einzelfall mit seiner individuellen Entwicklungslinie von Bedeutung. Die Erkundung der Variable „Patient“ stellt somit einen wichtigen Aspekt auf dem Wege zu gelungener Forschung dar. Allgemeine Aussagen können so nach vollendeter Auswertung mit speziellen Fällen exemplifiziert werden.

Datenerhebung

Nach der Anmeldung in der Klinik im Metznerpark findet zunächst ein Aufnahmegespräch durch den behandelnden Arzt/Psychotherapeuten statt. Hierbei entsteht ein Aufnahmebericht, in dem Informationen bezüglich des Aufnahmegrundes, der Krankenvorgeschichte, der Sozialanamnese, sowie medizinischen und psychischen Befunden abgebildet werden. Eine vorläufige diagnostische Einordnung beschließt dieses Dokument, das aus Sicht des behandelnden Therapeuten angefertigt wird. Als nächstes wird durch das Pflegepersonal ein Patientenstammblatt angelegt, auf dem allgemeine Informationen abgebildet sind. Entscheidet sich ein Patient an der Gongtherapie teilzunehmen, findet ein Eingangsinterview statt, das aus administrativen Gründen erst nach der ersten Sitzung durchgeführt werden kann. Hier werden neben der Sicht des Patienten auf seinen Aufenthalt und seine Vorgeschichte, etwaige Vorerfahrungen im Bereich Trance, sowie die Erwartungs- und Motivationshaltung bezüglich der Therapieteilnahme erfragt. Da das Interview nach der ersten Gongtherapieteilnahme erfolgt, wird abschließend das erste Erlebnis reflektiert und mögliche Perspektiven, beziehungsweise Erwartungen der Patienten, für den weiteren Verlauf exploriert.

Nach jeder Teilnahme an der Gongtherapie wird von jedem Patienten ein Bild gemalt, das das subjektiv Erlebte ausdrückt und im Kreisritual bei Bedarf erläutert werden kann. Diese angefertigten Bilder wurden abfotografiert. Im Rahmen der Teilnahme an der wöchentlichen Therapiesitzung und den anschließenden Kreisritualen wurden aus subjektiver Sicht des Forschers Eindrücke im Stile der teilnehmenden Beobachtung gesammelt. Die Patienten fertigen ein bis zwei Tage nach Teilnahme an der Sitzung einen individuellen Erfahrungsbericht an, in dem das Erlebte der letzten Sitzung abgebildet wird. Diese Berichte wurden kopiert und gemeinsam mit den Bildern und den Notizen der teilnehmenden Beobachtung als wöchentlicher Datensatz archiviert.

Nach der letztmaligen Teilnahme eines Patienten findet ein Abschlussinterview statt, in dem die mehrwöchigen Gongtherapiesitzungen mündlich reflektiert werden sollen. Hierbei sind einerseits Auskünfte über das inhaltliche Erleben, andererseits der individuell beigemessene Bedeutungsgehalt der Erfahrungen Ziel der Befragung. Nach dem Interview wurde allen Teilnehmern ein Hinweiszettel zur Anfertigung eines reflektierenden Abschlussberichtes ausgehändigt. Sie wurden gebeten nach ca. zwei-drei Monaten, je nach individueller Neigung, einen entsprechenden Bericht anzufertigen und diesen zum Kontrollinterviewtermin mitzubringen. Der zeitliche Abstand zwischen Ende des Klinikaufenthalts und Anfertigung des Abschlussberichts liegt in möglichen psychischen Prozessen der Folgezeit begründet.

Nach Beendigung der Gongtherapieteilnahme und Entlassung aus der Klinik wird der Verlaufsbericht des Pflegepersonals eingesammelt, da diese Berufsgruppe im klinischen Ablauf einen direkten Zugang zu den Patienten im Rahmen einer Bezugsbetreuung besitzt. Der Entlassungsbrief des behandelnden Arztes oder Therapeuten beschließt die Sammlung von Daten, die durch das Klinikpersonal erhoben wurden. Das Kontrollinterview will eine Brücke zwischen dem Aufenthalt der Klinik und der Situation des Interviewzeitpunktes schaffen. Neben einem Rückblick durch den ehemaligen Patienten über die letzten drei Monate, werden vor allem die (noch in Erinnerung befindlichen und bedeutsamen) Erfahrungen der Gongtherapieteilnahme behandelt und erfragt. Neben dem eigentlichen Inhalt und dessen Bedeutung ist hierbei die Frage nach dem Nachschwingen dieser Erlebnisse und einer möglichen Integration wichtig. Abschließend sollen die Patienten aus individueller Sicht den Nutzen und die Veränderung durch die Gongtherapie referieren.

Während der Datengewinnung in der Klinik im Metznerpark in Frankenthal von März 2010 bis März 2011 konnten insgesamt 32 Patienten für die freiwillige Teilnahme an der Untersuchung gewonnen werden. Zu dem katamnestischen Kontrollinterview, circa drei Monate nach Therapieende, erschienen 24 Patienten.
Nach einer weiteren Reduktion im Verlauf der Auswertung blieben 15 Fälle für die endgültige Bearbeitung übrig.

Derzeit läuft eine Follow-Up-Befragung sechs Jahre nach Ende der psychotherapeutischen Behandlung im Metznerpark.  Für diese Befragung konnten 14 der 15 ehemaligen Patienten erreicht werden, von denen alle die Teilnahme an der Befragung zusagten.

Datenauswertung

Zur Ausarbeitung der Einzelfälle wird im Sinne einer Triangulation von Methodologien die Morphologische Psychologie hinzugezogen. Mit Hilfe einer modifizierten Version der Methode 'Beschreibung und Rekonstruktion' wurden 15 ausgewählte Fälle in interdisziplinären Forschungsseminaren zwischen Kunst- und Musiktherapie verarbeitet. Diese Zusammenarbeit fand mit der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg, der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, sowie der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter statt.

Durch die kunsttherapeutische Expertise wird ein Verständnis der einzelnen Fälle, ausgehend vom künstlerischen Material - der nach jeder Gongtherapiesitzung angefertigten Spontanbilder - möglich. So wurden zunächst  mit Hilfe subjektiver Beschreibungen im Anschluss an die Bild-für-Bild-Betrachtung  latente Wirkqualitäten eines Falles abstrahiert. In einem zweiten Schritt analysierten die Kunsttherapiestudierenden jedes Spontanbild (insgesamt 128) nach kompositorischen Kriterien (Thema, Komposition, Strich, Farbe, Form, Stofflichkeit). Im Rückbezug dieser bildanalytischen Ausarbeitung auf die abstrahierten Wirkqualitäten zeigen sich Erklärungen für die in den Beschreibungen ausgedrückten Erlebnisse. Im weiteren Fortgang der Einzelfalluntersuchung werden die Formenbildungen der Spontanbilder und Erlebnisberichte der Patienten aneinander gebrochen, um das Erleben während der Gongtherapie aufzuschlüsseln.
Dieses aus den Werken der Patienten ermittelte Dritte wird in einem folgenden Schritt mit biographischen Informationen der Patienten erweitert und im abschließenden vierten Schritt des Verfahrens umfassend rekonstruiert.

Im weiteren Verlauf der Auswertung wird einzellfallübergreifende Auswertung durchgeführt, um zu prüfen ob sich aus den behandelten Einzelfälle spezifische Typen bilden lassen.

Im dritten Schritt findet dann eine materialspezifische Auswertung statt, die die Prüfung der Daten im Querschnitt zum Ziel hat. Leitfragen sind dabei bspw.:

  • Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede finden sich im ersten / letzten Bild der Gongtherapieteilnahme?
  • Was berichten Patienten sechs Jahre nach der Teilnahme an der Gongtherapie?
  • Wie äußert sich die Musik in den Werken der Patienten?
  • Wie ist das Verhältnis von Musik und Bild in der Gongtherapie?
  • Was zeigt sich im Vergleich von Spontanbildern und Erlebnisberichten einer Therapiesitzung? Gibt es einen Zusammenhang mit der räumlichen Position der Patienten während der Stunde?

Aus den Ergebnissen dieser Längs- und Querschnittsuntersuchungen sollen wissenschaftlich nachvollziehbare Theorien über die Wirkweise der Gongtherapie entwickelt werden.

Gong-in-Schwingung
Digital bearbeiteter Schnitt der schwingenden Membran eines symphonischen Paistegongs

Quellen:

Eliade, M., Schamanismus und archaische Ekstasetechnik

Hess, P., Klang in der Psychiatrie. Musiktherapie in Frankenthal. In: Silber, et al, Klangtherapie. Wege zur inneren Harmonie

Kleining, G., Qualitativ-heuristische Sozialforschung. Schriften zur Theorie und Praxis

Tüpker, R., Ich singe was ich nicht sagen kann. Zu einer morphologischen Grundlegung der Musiktherapie