Im Herbst 2022 werden zwei Zeitschriftenaufsätze erscheinen, deren “Abstract” hier vorab eingestellt wird:

  1. Die “Erfindung des Ultramontanismus” samt dergleichen “Wortmachereyen”. Ein historischer Grundbegriff und seine Geschichte zwischen Schmähwort und Ehrentitel (1690-1960), in: Historisches Jahrbuch der Görres Gesellschaft, Bd. 142, 2022.
    Neben Liberalismus, Konservativismus und Sozialismus etablierte sich im 19. Jahrhundert der Ultramontanismus als dominierende religiöse, soziale und politische Richtung im Katholizismus. Um ihn nicht essentialistisch zu charakterisieren, lohnt es, ihn mit einem modernen begriffsgeschichtlichen Zugriff zu analysieren. Langsam verwandelte sich der mittelalterliche, auf ultra montes zielende geographische in einen Gesinnungsbegriff. Schon 1691 wurde im Französischen über “l’Ultramontanisme” geklagt. Im Deutschen tauchte nach jahrzehntelangem Streit über “ultramontanische” Machtansprüche Roms der Begriff “Ultramontanismus” 1772 auf, dynamisiert schließlich 1845 durch “Ultramontanisierung”. Der Gipfel der politisierten Debatte lag im Kulturkampf, in dessen Folge auch antiultramontane Vereine entstanden. Für Liberale ein Fahnenwort, blieb das Konzept unter Katholiken umstritten. Es ist daher Indikator wie Faktor religiös-politischen Wandels. Auch dessen Demokratisierung, Temporalisierung, Ideologisierung und Politisierung weist Ultramontanismus als historischen Grundbegriff aus.
  2. mit Simon Potthast, Veit Valentins Geschichte der deutschen Revolution 1848-1849 (von 1930/1931): eine Vorläuferin transnationaler Geschichtsschreibung? In: Historische Zeitschrift, Bd. 315, 2022.
    Zeitgemäße Geschichtsforschung muss heute “transnational” sein. In der Tat halfen seit 2001 transnationale Zugänge, den methodologischen Nationalismus zu überwinden und neue Erkenntnisse über grenzüberschreitende Akteure, Ideen und Kulturen sowie transnationale Räume zu gewinnen.
    Doch wie neu ist eigentlich die transnationale Geschichtsschreibung? „Weil sie frühere Werke nicht kennen, machen nachgeborene Wissenschaftler Entdeckungen, die sich als Wiederentdeckungen entpuppen“, wusste schon Robert K. Merton 1967. Für die Revolution von 1848 jedenfalls lässt sich zeigen, dass Veit Valentin 1930/31 transnationale Perspektiven bereits gewinnbringend berücksichtigte – in der Praxis avant la lettre. Freilich hatte der demokratische Historiker in der gefährdeten Weimarer Republik andere Sorgen und Prioritäten. Deshalb lautete seine Botschaft, die ungeliebte Revolution sei “übernational-europäisch” und doch, trotz Imitation, Transfer und Adaption anderer Vorbilder, auch deutsch gewesen, während die Konterrevolutionäre die “erste Internationale” gebildet hätten. Valentin wird in der Revolutionsgeschichtsschreibung pflichtschuldig als “Klassiker” genannt, sein voluminöser Zweibänder indes offenbar kaum studiert. Tatsächlich finden sich dort zur Verfassungs- und Kulturgeschichte der deutsch-europäischen Revolution erstaunlich viele transnationale Einsichten. Dessen ungeachtet wird das Transnationale in jüngeren Studien, die solche Vorläufer nicht kennen, als neu proklamiert und angewandt. Es ist ein Wiedergänger im Gewand der Neuentdeckung. Aber es gibt auch Unterschiede zu 1930/31.

Veröffentlichungen zum 100. Todestag des Sozialreformers Franz Hitze

Im aktuellen „Franz-Hitze-Gedächtnisjahr“ wird vielerorts an den bedeutenden Sozialreformer erinnert, der vor 100 Jahren verstorben ist. Während Franz Hitze (1851-1921) für seinen großen Verdienst am Aufbau des Sozialstaats bekannt ist, blieben seine frühen antisemitischen Aussagen lange unbemerkt. Prof. Dr. Olaf Blaschke hat neue wissenschaftliche Befunde zum katholischen Antisemitismus von Franz Hitze bereits in den Heimatblättern „Auf Roter Erde“, den Westfälischen Nachrichten sowie der wissen.leben – Universitätszeitung dargelegt. Dabei ordnet Olaf Blaschke die antisemitischen Äußerungen, von denen sich der Politiker im Laufe seiner Karriere noch distanzieren sollte, historisch ein. Die Veröffentlichungen anlässlich des Franz-Hitze-Gedächtnisjahrs sollen zu einem ausgewogeneren Bild vom Sozialreformer beitragen. Zuletzt erschien: Olaf Blaschke, Franz Hitze: Der Sozialreformer als Repräsentant des katholischen Antisemitismus, in: Westfälische Forschungen, Bd. 71, 2021, S. 295-321.

Podcast-Folge zu antisemitischen Feinbildern im Katholizismus mit Olaf Blaschke

In der 6. Folge des aktuellen Forschungspodcasts „Zugehörig oder ausgegrenzt?“ vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ zum Thema 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland nimmt Prof. Dr. Olaf Blaschke antisemitische Feindbilder im Katholizismus in den Blick. Denn der Kulturkampf zwischen dem Deutschen Kaiserreich und der katholischen Kirche wurde auch von antisemitischen Narrativen geprägt, wie der Historiker anhand einer katholischen Karikatur von 1872 aufzeigt. Der Podcast ist unter folgendem Link sowie auf Spotify, Apple Music und Deezer zu hören.