Aktuelle Forschungsprojekte

  • Frauen in der vormodernen Wirtschaftsgeschichte

    Aufbau einer digitalen Quellenanthologie

     

    Die vormoderne Wirtschaftsgeschichte lässt sich nur sinnvoll erklären, wenn man auch die Frauen einbezieht, die in allen Sektoren ökonomischer Aktivitäten beteiligt waren. Bauersfrauen führten mit ihrem Mann landwirtschaftliche Betriebe, auf denen weibliches wie männliches Dienstpersonal arbeitete. Frauen investierten in Handelsgesellschaften, arbeiteten als Partnerin ihres Mannes im Fernhandel oder agierten selten sogar als eigenständige Kauffrauen. Sie lernten ein Handwerk, bildeten Handwerker:innen aus und leiteten als Witwen Handwerksbetriebe. Frauen stellten einen Großteil der Arbeitskräfte in der Textilindustrie und beim städtischen Dienstpersonal. Städtische Ämter wie der Spitalvorsitz oder der Zolleinzug wurden oft an Arbeitspaare vergeben, an Mann und Frau.

    Geschlechterbilder prägten wirtschaftliche Handlungsspielräume und damit das ökonomische Entwicklungspotenzial einer Gesellschaft. Erb- und Besitzrechte wurden oft nach gegenderten Regeln organisiert, die die Ressourcenverteilung massiv prägten. Wenn wir wirtschaftliche Phänomene wie Gleichheit und Ungleichheit oder Transformationen wie die Expansion des europäischen Handels erklären wollen, müssen wir die Rollen, Rechte und Handlungsmöglichkeiten von Frauen berücksichtigen.

    Das Quellenmaterial dazu ist vorhanden und teilweise auch schon in diversen Editionen und Publikationen erschlossen. Die Quellenanthologie will die verstreuten Fundstellen zusammenbringen und digital zugänglich machen. Die Quellenanthologie soll Lehrpersonen ermöglichen, Quellen zu Frauen in verschiedenen Sektoren der Wirtschaftsgeschichte zu finden und unkompliziert in die Lehre einzubauen. Außerdem bietet sie Forschenden mit Interesse an gender- und wirtschaftshistorischen Themen, angefangen von Studierenden auf der Suche nach Hausarbeitsthemen, einen Überblick und ersten Zugang zu möglichen Quellen.

    Das Projekt schließt an diverse Arbeiten zur neuen Wirtschaftsgeschichte an, die ich insbesondere mit Julia Bruch und Tanja Skambraks in unserem Arbeitskreis für spätmittelalterliche Wirtschaftsgeschichte durchführe.

    Publikationen zur neuen Wirtschaftsgeschichte

    • Alte Zeiten, neue Ökonomien. Zur Erneuerung der vormodernen Wirtschaftsgeschichte, in: Historische Zeitschrift, für die Publikation akzeptiert (gemeinsam mit Julia Bruch und Tanja Skambraks).
    • Die Erforschung der mittelalterlichen Wirtschaft im Wandel der Zeit, in: Thomas Ertl (Hrsg.), Wirtschaft im Mittelalter (im Erscheinen).
    • Medieval Economic History at German-speaking Universities, in: Medieval Economic History Review, im Erscheinen (zusammen mit Thomas Ertl).
    • Geschlechterrollen und Praktiken, Kooperationen und Institutionen. Die Renaissance der Wirtschaftsgeschichte, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 75 (2024), S. 544-559 (zusammen mit Julia Bruch).
    • Markets and their Actors in the Late Middle Ages, Berlin 2021 (herausgegeben zusammen mit Julia Bruch und Tanja Skambraks).
    • Methods in Premodern Economic History. Case studies from the Holy Roman Empire, London 2019 (herausgegeben zusammen mit Julia Bruch, Tanja Skambraks).
    • Information und Diversifikation, Prävention und Resilienz. Wie mittelalterliche Kaufleute für die diesseitige Zukunft vorsorgten und damit ihre jenseitige sicherten, in: Bernd Schneidmüller, Klaus Oschema (Hrsg.), Zukunft im Mittelalter. Zeitkonzepte und Planungsstrategien, Ostfildern 2021, S. 229-256.
    • Was motivierte spätmittelalterliche Kaufleute? Überlegungen zu Präferenzordnungen und Normorientierungen, in: Jan-Hendryk de Boer, Marcel Bubert (Hrsg.), Absichten, Pläne, Strategien. Erkundungen einer historischen Intentionalitätsforschung, Frankfurt am Main 2018, S. 229-258.
  • Die Lübecker Ratsprotokolle

    In Kooperation mit der Forschungsstelle für die Geschichte der Hanse und des Ostseeraums (FGHO) und dem Stadtarchiv Lübeck

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  • Hansegeschichte

    Verschiedene Projekte

     

    Die Hansegeschichte begleitet mich seit dem ersten Nachwuchsworkshop, den ich 2010 zusammen mit Angela Huang, Christina Link und Cordelia Heß organisiert habe. In einem Aufsatz verwiesen Angela Huang und ich 2011 auf die große Lebendigkeit der traditionsreichen Hansegeschichte, die insbesondere dank Angela Huangs Arbeit als Leiterin der Forschungsstelle für die Geschichte der Hanse und des Ostseeraums in Lübeck (FGHO) in den vergangenen Jahren noch weiter zugenommen hat. In meiner Zeit in Hamburg habe ich, inspiriert vom dortigen Excellenzcluster „Understanding Written Artefacts“, die Materialität der Protokolle der Hansetage, der so genannten Hanserezesse, genauer erforscht (siehe Publikationen „Portability for Participation“ und „Creating, Confirming, Reconstructing Authority“). Für die Erschließung der Quellen habe ich eng mit der FGHO in Lübeck zusammengearbeitet.

    Die besonderen Eigenheiten hansischer Kooperation treffen auch auf das Interesse von Völkerrechtler:innen und Rechtshistoriker:innen, die nach alternativen Ordnungsmodellen zum Nationalstaat suchen. Die Landesforschungsförderung Hamburg finanzierte einen entsprechenden Austausch zwischen Kolleg:innen aus Hamburg, Bergen, Oslo und Tallinn. Das Konzept pluralistischer Governance kann helfen, nicht staatliche Formen institutioneller Ordnungen zu analysieren, wie Sören Koch, Johann Ruben Leiss und ich in einem Aufsatz diskutieren, der unter dem Titel „Pluralistische Governance“ im Jahr 2022 in den Hansischen Geschichtsblättern erschienen ist. Auf einer internationalen Konferenz, die 2024 in Lübeck stattfand, haben wir dieses Konzept genauer ausgeleuchtet; die Ergebnisse werden in den Hansischen Geschichtsblättern des Jahrgangs 2027 veröffentlicht werden.

    Außerdem interessiert mich der Vergleich der hansischen Kooperation mit der Schweizer Eidgenossenschaft. In der Eidgenossenschaft arbeiteten wie in der hansischen Kooperation autonome politische Einheiten auf gleichberechtigter Basis zusammen. Der Vergleich zwischen diesen unterschiedlichen Organisationsformen nicht-monarchischer Herrschaft kann dazu beitragen, die politische Geschichte des vormodernen Europa um wichtige Facetten zu erweitern (siehe „Konfliktlösung statt Herrschaftsdurchsetzung“ und „Formalisierung und Legitimität“).

    Publikationen

    • Formalisierung und Legitimität. Hansische Organisationsbemühungen im 17. Jahrhundert, in: Franziska Neumann, Matthias Pohlig, Hannes Ziegler (Hrsg.), Vormoderne Organisationen. Anfänge, Funktionen, Folgen (Zeitschrift für Historische Forschung Beiheft 62), Berlin 2026, S. 357-374.
    • Portability for Participation. Organizing the Interests of Merchant Towns at Hanse Diets, in: Julia Bruch, Katharina Hofer, Ulla Kypta, Paul Schweitzer-Martin (Hrsg.), Portable Manuscripts and their Utility in the Late Middle Ages, Leeds 2025, S. 85-125.
    • Konfliktlösung statt Herrschaftsdurchsetzung: Hansische Tagfahrten und eidgenössische Tagsatzungen im 16./17. Jahrhundert, in: Angela Huang, Christina Link (Hrsg.), Kollektive Willensbildung in der Vormoderne: Hansetage im Vergleich, Wismar 2024, S. 75-108.
    • Creating, Confirming, Reconstructing Authority – The Originators of the Hanserezesse, in: Janine Droese, Ulla Kypta Uta Lauer und Jörg Quenzer (Hrsg.), Originators: Transformation and Collaboration in the Production of Original Written Artefacts (special issue der manuscript cultures 21), Hamburg 2023, S. 119-134.
    • Waren Hansestädte thalassokratisch? Politisches Handeln und wirtschaftlicher Handel im Zeichen des Meeres, in: Nikolas Jaspert, Jan Rüdiger (Hrsg.), Thalassokratien im Mittelalter, Paderborn 2024, S. 235-259. (zusammen mit Tim Geelhaar).
    • Pluralistische Governance. Die Erforschung hansischer Kooperation jenseits von klassischen Staatskonzepten, in: Hansische Geschichtsblätter 140 (2022), S. 59-91. (zusammen mit Sören Koch, Johann Leiss.
    • Hansegeschichte als Organisationsgeschichte versus Hansegeschichte als Wirtschaftsgeschichte. Anregungen für eine diskussionsfähige Hanseforschung, in: Hansische Geschichtsblätter 135 (2016), S. 133-165.
    • Smarte Unternehmer, ausgegrenzte Versager: produktives Scheitern im 15. Jahrhundert? in: fkw. Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur 60 (2016), S. 12-29.
    • Der ehrbare Kaufmann erlebt die Neuzeit nicht. Hansisches Wirtschaften als Alternative zur Moderne, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 9/10 (2016), S. 523-536.
    • Aufstieg, Blüte, Niedergang – Entstehung, Krise, Übergang: Von der bürgerlichen zur postmodernen Hanseforschung? In: Oliver Auge (Hrsg.), Hansegeschichte als Regionalgeschichte, Frankfurt am Main 2014, S. 413-428.
    • Ein neues Haus auf altem Fundament. Neue Trends in der Hanseforschung und die Nutzbarkeit der Rezesseditionen, in: Hansische Geschichtsblätter 129 (2011), S. 139-155. (zusammen mit Angela Huang).

     

    Kaufmännisches Lehrlingswesen im vormodernen Europa
    Zusammen mit Esther Sahle, Kopenhagen

    In unserem abgeschlossenen Projekt „Kaufleute und Kooperation in der Vormoderne“ stellten Esther Sahle und ich fest, dass die Lehrzeit von Kaufleuten bisher nur sehr kursorisch erforscht worden ist. Zur Ausbildung im Handwerk existieren detailreiche Studien und einflussreiche Thesen, während wir über die Lehrzeit von Kaufleuten nur wissen, dass sie oft im Haushalt einer anderen Kaufleutefamilie verbracht wurde. Wir wissen noch vergleichsweise wenig über die konkreten Lehrinhalte, die Verzahnung von schulischer und praktischer Ausbildung, die Details der Lehrverträge und die ökonomische Bedeutung der Lehrzeit für die verschiedenen Parteien. Quellen liegen zahlreich in den europäischen Archiven, zum Beispiel Notariatsakten, die Lehrverträge enthalten, städtische Regulierungen oder Kaufmannsbriefe, die über die Lehrzeit berichten. Eine Auswertung der Quellen verspricht, Beiträge sowohl zur Geschichte der Handelsorganisation wie zur Geschichte von Lernen und Ausbildung im vormodernen Europa zu leisten.

  • Städtische Kooperationen im europäischen Mittelalter

    Städte arbeiteten im Mittelalter sehr häufig zusammen. Seitdem ungefähr ab der Jahrtausendwende in Europa wieder zahlreiche Städte wuchsen, begannen sie in ganz verschiedenen Regionen des Kontinents zu kooperieren, um sich gegen Angriffe von außen zu wehren und Konflikte untereinander beizulegen. Sie definierten meistens einen Raum, in dem sie gemeinsam für die Strafverfolgung zuständig waren und einigten sich auf bestimmte allgemeingültige Regeln. In der älteren Forschung wurden diese Kooperationen oft als gescheitert angesehen, denn sie entwickelten keine zentralen Gremien, die länger Bestand hatten. Mit anderen Worten: Sie lassen sich nicht als Vorstufe zum frühmodernen Staat interpretieren. Von dieser teleologischen Perspektive verabschiedet sich die jüngere Forschung. Sie interessiert sich auch für die Frage, für Menschen und Gemeinschaften ihr Zusammenleben dezentral und nicht-hierarchisch organisieren können. Die kommunalen Kooperationen geben hierfür einen interessanten Untersuchungsgegenstand. Die Städte traten freiwillig und als gleichberechtigte Akteure in den Austausch; zwischen ihnen bestand keine unmittelbar ersichtliche Hierarchie und sie konnten die Kooperation jederzeit wieder verlassen und beenden. Wenn sich mehrere Städte auf einen Bereich gemeinsamer Governance einigen wollten, mussten sie gemeinsam entsprechende Regeln und Institutionen entwickeln. Dazu mussten sie sich nicht unbedingt zu einem formalisierten Städtebund zusammenschließen.

    Das Projekt untersucht, wie Städte in verschiedenen Regionen Europas kooperierten und dabei in ständigem Wechsel Formalisierungs- und Deformalisierungsprozesse durchliefen. Die Untersuchung verortet sich in dem Strang der Politik- und Sozialgeschichte, der sich dafür interessiert, wie Akteure ihre Handlungen koordinierten, wenn ihre Interaktionsmuster nicht von bestehenden Hierarchien vorgezeichnet wurden, sondern erst selbst organisiert gefunden werden mussten und deshalb häufigen Veränderungen unterlagen. Viele dieser Kooperationen mündeten nicht in den modernen Staat. Ihre Analyse kann deshalb dazu beitragen, die Diversität politischer Ordnungsformationen im mittelalterlichen Europa herauszuarbeiten und die föderalen Traditionen gegen Zentralisierungsnarrative zu betonen.

    Publikation

    • Versammeln, besprechen, beschließen. Der Vergleich verschiedener Tagfahrten des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, in: Hansische Geschichtsblätter 138 (2020), S. 1-23.