„Eine unterschätzte Macht“

Zum hundertsten Katholikentag haben Holger Arning  und Hubert Wolf einen Jubiläumsband geschrieben. Sie machen auf die „unterschätzte Macht“ der katholischen Laien aufmerksam, die sich auf den Katholikentagen treffen. „Die deutsche Gesellschaft und die Weltkirche würden heute ohne sie ganz anders aussehen“, so die Autoren. Die Beschlüsse der Katholikentage im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik hätten beispielsweise der Politik der Zentrumspartei entsprochen, die großen Einfluss auf die Sozial- und Ehegesetzgebung genommen habe.

Zum ersten Katholikentag trafen sich Vertreter des „Katholischen Vereins“ im Revolutionsjahr 1848 in Mainz, der hundertste wird im Mai 2016 in Leipzig stattfinden. Die Autoren nehmen zu jedem Katholikentag ein zentrales Thema in den Fokus. „Aus hundert wissenschaftlich fundierten, aber unterhaltsam geschriebenen Geschichten soll so ein buntes Mosaik zum deutschen Katholizismus der vergangenen 170 Jahre entstehen“, erläutert Arning. Es gehe etwa um Caritas und „Soziale Frage“, das Verhältnis von Kirche und Staat, Erziehung und Bildung, die Mission sowie den Umgang mit Andersgläubigen und politischen Gegnern. Zudem hätten die Katholikentage immer auch das Zeitgeschehen widergespiegelt. „Herz-Jesu-Frömmigkeit und Reliquienverehrung werden ebenso angesprochen wie Pistolenduelle, der Untergang der Titanic, der Contergan-Skandal, der Prager Frühling oder der Krieg in Biafra.“

Die Katholikentage waren auch entscheidend dafür, dass in Deutschland ein dichtes Netz von katholischen Verbänden entstand, das bis heute fortbesteht. Dieses ist laut Wolf weltweit einmalig. In politischen und sozialen Fragen hätten die deutschen Katholiken großen Wert auf ihre Unabhängigkeit von Rom gelegt und schnell an Selbstbewusstsein gewonnen. Seit dem turbulenten Katholikentag 1968 in Essen habe es auf den Laientreffen verstärkt Widerspruch zur Position des Vatikans und der Bischöfe gegeben, etwa zur Rolle der Laien und insbesondere der Frauen in der katholischen Kirche, zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, Schwulen und Lesben sowie grundsätzlich zur Sexualmoral. „Alles das wird im Buch angesprochen“, so Wolf.

Der Band richtet sich nach den Worten Arnings nicht nur an Katholikentagsbesucher und engagierte Katholiken. „Vielleicht ist das Buch ja sogar für die Kirchenkritiker interessant, die sich in Leipzig und Münster, dem Veranstaltungsort 2018, gegen öffentliche Mittel für die Katholikentage engagieren und deswegen mehr darüber erfahren möchten.“


Arning, Holger/ Wolf, Hubert: Hundert Katholikentage. Von Mainz 1848 bis Leipzig 2016, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2016.