Prof. Dr. Michelle Becka auf der Baustelle des neuen Campus der Theologien und der Religionswissenschaft in Münster.
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„Glauben und Handeln gehören zusammen“

Interview mit Michelle Becka, der neuen Direktorin des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften

Zum Sommersemester 2026 übernimmt Prof. Dr. Michelle Becka den Lehrstuhl für Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster. Die neue Direktorin des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften (ICS) spricht im Interview über aktuelle Herausforderungen ihres Fachs und verrät, wie sie junge Menschen für die Theologie begeistern möchte.
 

Frau Becka, nach zehn Jahren in Würzburg übernehmen Sie zum Sommersemester 2026 den Lehrstuhl für Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Der Lehrstuhl und das ICS haben eine lange Tradition und sehr große Bedeutung für die Christliche Sozialethik. Ich sehe der Aufgabe daher mit großem Respekt entgegen. Es ist für mich herausfordernd und reizvoll, diese Tradition fortzuschreiben, das Institut zu gestalten und kreativ weiterzuentwickeln.

Die Christliche Sozialethik ist ein zentrales Fach der Theologie, weil Glauben und Handeln zusammengehören und weil es drängende gesellschaftliche Fragen aufgreift und inter- und transdisziplinär sehr anschlussfähig ist. Gleichzeitig ist das Fach vielfach herausgefordert. Inhaltlich, weil in der krisenhaften Gegenwart viele drängende Fragen schnell aufeinanderfolgen und es schwierig ist, den nötigen Abstand für die ethische Reflexion zu finden. Strukturell, weil das Fach selbst an den Fakultäten angesichts von Einsparungen gefährdet ist. Es ist mir daher ein großes Anliegen, die Sozialethik in Münster weiterhin zu profilieren und durch die Bedeutung des Instituts auch darüber hinaus zu wirken.

Außerdem ist mir die Lehre wichtig. Ich durfte in Würzburg mit vielen engagierten Studierenden arbeiten, nun freue ich mich auf die Lehre in Münster in etwas größere Lerngruppen. Insgesamt gilt: Nach zehn guten Jahren in Würzburg möchte ich gern noch einmal etwas Neues beginnen.

Inwiefern werden Sie an die Arbeit von Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins anknüpfen, die diesen Lehrstuhl in den vergangenen 16 Jahren innehatte?

Marianne Heimbach-Steins macht eine großartige Arbeit und hat mit dem ICS wichtige Akzente gesetzt. Es gibt mehrere Themen, mit denen wir uns beide beschäftigen: zum Beispiel Migration, ein Thema, das auch in Zukunft ethischer Reflexion und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit bedarf. Dasselbe gilt für Menschenrechtsfragen.

In den letzten Jahren haben sich zudem Marianne Heimbach-Steins und das ICS – nicht zuletzt durch die wichtigen AfD-Studien – verdient gemacht zu Fragen des Rechtspopulismus und -autoritarismus. Auch daran knüpfe ich an. An diesem Thema arbeiten wir außerdem zusammen in der Arbeitsgruppe „Menschenrechte unter Druck durch Rechtsautoritarismus und -extremismus“ der Deutschen Kommission Justitia et Pax, die Grundsatzfragen mit konkreten gesellschaftlichen Problemen verknüpft und mir sehr wichtig ist.

Dieses Bild wird auch in Michelle Beckas Büro in Münster einen Platz finden. Sie hat es über den „Knastladen“ gekauft. Es stammt von einem Inhaftierten aus der JVA Rheinbach. „An den Titel erinnere ich mich nicht mehr – vielleicht ‚Welt in Stücken‘, das sehe ich jedenfalls darin: Eine Erde, die eigentlich eine ist und zugleich auseinanderstrebt“, sagt Michelle Becka.
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Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Ihr Interesse an christlicher Sozialethik geweckt hat?

Ja, auf zwei verschiedenen Ebenen. In meinem Studium in Tübingen hat mich der Grundkurs Sozialethik am Lehrstuhl von Dietmar Mieth besonders angesprochen: Es ging vor allem um Ethikbegründung, aber mit einem Bezug zur Praxis, das war anspruchsvoll und spannend. In meinem Auslandsjahr in Cochabamba, Bolivien, spielte das Fach im Studium zwar keine Rolle, aber im Alltag wurde mir der enge Zusammenhang von glaubwürdiger Theologie und der gerechten Gestaltung von Gesellschaft sehr drastisch bewusst: Wenn der Großteil der Bevölkerung über Jahrhunderte Erfahrungen der Missachtung und des Ausschlusses von gesellschaftlicher Teilhabe macht, kann Theologie dieser Realität nicht ausweichen. Sie muss angesichts des tief verletzten Selbstwertgefühls der Menschen Worte finden, wie von Gott gesprochen werden kann (und warum), und sie muss die gesellschaftlichen Missstände benennen und zu ändern versuchen. Letzteres führte mich zur christlichen Sozialethik.

Welche Ihrer Forschungsschwerpunkte möchten Sie in Münster besonders vertiefen? Gibt es ein Forschungsprojekt, das Ihnen derzeit besonders am Herzen liegt?

Da sind zunächst die Themen meiner beiden Qualifikationsarbeiten: Interkulturalität und Ethik des Justizvollzugs. Sie sind zwar keine dezidierten Forschungsschwerpunkte mehr, aber sie prägen meinen Zugang zu vielen Themen.

In besonderer Weise treibt mich derzeit die Gefährdung der Demokratie um, hier knüpfen verschiedene Forschungsschwerpunkte an. Mindestens drei Dimensionen sind mir wichtig: Erstens geht es um die Idee und die Verfasstheit der Demokratie selbst: Welches Konzept von Demokratie ist angesichts verschiedener Erschöpfungserscheinungen zu verteidigen oder weiterzuentwickeln?

Zweitens: die bereits erwähnte Gefährdung durch Rechtsautoritarismus. Von den vielen relevanten Facetten sei hier nur eine erwähnt: rechtsautoritäre Tendenzen in katholischen Milieus. Es ist sozialethisch hoch relevant, wie hier Konzepte wie Gemeinwohl, Solidarität oder Freiheit besetzt und fehlinterpretiert werden. Das ist aufzuzeigen und zu kritisieren. Politisch-praktisch sind Implikationen und Folgen für Gesellschaft und Kirche zu analysieren. Konzeptionell ist es nötig, diese Leitmotive zu verteidigen und zu reinterpretieren. Meine bisherigen Arbeiten in diesem Bereich möchte ich vertiefen und die internationale Vernetzung vorantreiben.

In besonderer Weise treibt mich derzeit die Gefährdung der Demokratie um.
Prof. Dr. Michelle Becka

Die dritte Dimension berührt die Gefährdung der Demokratie nur indirekt und ist für mich als eigenständiger Forschungsbereich relevant: Regressive Tendenzen im Umgang mit Klimakrise und Biodiversitätskrise zeigen, dass diese Themen an Bedeutung verlieren, während sich die Probleme vergrößern. Ich möchte daher meine eigene Beschäftigung mit ökologischen Fragen vertiefen und als Schwerpunkt auch am Institut ausbauen.

Bei all dem ist mir die interdisziplinäre Vernetzung in der Universität wichtig. In Würzburg hatten wir mit etwa 20 Beteiligten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften einen Forschungsantrag zu Commons und Commoning gestellt, der leider nicht erfolgreich war. Aber er hat eine wichtige kollegiale Zusammenarbeit ermöglicht - und die Frage nach tragbaren Konzepten des Gemeinsamen beschäftigt mich nach wie vor. Auf guten Austausch und interdisziplinäre Vernetzung hoffe ich auch in Münster.

Michelle Becka vor dem künftigen Eingang des Hüffer-Campus. Die Theologin studierte katholische Theologie in Tübingen und Cochabamba, Bolivien. Sie engagiert sich vielfältig, unter anderem in der deutschen Kommission Justitia et Pax. Von 2016 bis 2026 hatte sie die Professur für Christliche Sozialethik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg inne.
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Sie sind auch auf Social-Media-Kanälen wie Facebook aktiv. Welche Verantwortung tragen Theolog:innen im öffentlichen Diskurs?

Das ist eine schwierige Frage. Zunächst möchten wir mit Präsenz auf Social Media über das, was wir tun, informieren und mit Menschen kommunizieren. Sie fragen aber nach der Verantwortung, diese ist komplex – und zwar auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Sie betrifft die Frage, was, wie und wo wir kommunizieren. Was ist wirklich relevant? Was haben wir beizutragen, wo sollten wir uns eher zurückhalten? Wie beteiligen wir uns am Diskurs, sodass wir gehört und verstanden werden? Müssen und wollen wir komplexe Positionen in immer kürzeren Posts kommunizieren – oder, und damit sind wir bei dem „Wo“, muss man sich manchen Kommunikationsformen entziehen? Wo schreibe ich, wo nicht? Und schließlich gehört zur Verantwortung auch die Kritik an Kommunikationsmedien, die monopolistisch verfasst sind, skandalisieren, Fakten verzerren, diskriminieren.

Sowohl in der digitalen als auch in der analogen Wirklichkeit ist es aktuell besonders wichtig, Räume zu eröffnen, in denen kontroverse Auseinandersetzungen sachlich und respektvoll stattfinden können. Diese mitzugestalten ist auch eine Aufgabe Christlicher Sozialethik – allerdings eine sehr schwierige.

Welche sozialethischen Impulse kann die Kirche aktuell glaubwürdig in die Gesellschaft einbringen?

An der Frage nach dem öffentlichen Diskurs anknüpfend könnte man sagen: sich klar positionieren, ohne zu polarisieren. Dazwischen befindet sich allerdings nur ein schmaler Grat, der gerade in der digitalen Welt nur schwer zu treffen ist. Die Christliche Sozialethik kann dazu beitragen, weil sie im engen Dialog mit den Sozialwissenschaften Analysen bieten und Problemlagen differenzieren kann, so dass Impulse aus der Katholischen Soziallehre nicht einfach als Appelle kommuniziert werden und verpuffen, sondern durch gute Gründe überzeugen können.

Und zu den Inhalten: Dass der Mensch mit seiner Würde im Zentrum jeder Institution steht und diese zugleich gestaltet, sowie der Einsatz für Gerechtigkeit sind zwei Kernbotschaften der Katholischen Soziallehre. Für sie ist immer wieder neu zu werben und um Wege zur Umsetzung zu ringen. Zur Glaubwürdigkeit gehört allerdings auch, dass die Werte, die in der Gesellschaft verteidigt werden, auch innerhalb der Kirche umgesetzt werden: Freiheit, Respekt, gleiche Rechte, Machtkritik. Das ist freilich nicht immer der Fall.

Eine Herausforderung treibt mich besonders um. Es gibt Kreise – in Kirche und Politik – denen gegenüber zu verteidigen ist, dass gesellschaftliches Engagement, der Einsatz für die Würde des Menschen und die Gestaltung gerechter Institutionen, zum Kern des Christlichen gehört. Das ist nicht neu und diese Aufgabe besteht fort. Gleichzeitig, und das ist relativ neu, ist aber auch eine Abgrenzung in die andere Richtung nötig: gegenüber neo-integralistischen Tendenzen. Das sind Versuche, die Trennung von Kirche und Staat zu überwinden. Was richtige Politik ist, wird dann „katholisch“ bestimmt. Das ist gefährlich, denn es wird schnell undemokratisch und exklusiv – im schlimmsten Fall totalitär. Das ist in Deutschland noch keine akute Gefahr, aber es gibt eine problematische Entwicklung.

Das Landschaftsbild mit dem Tal hinter Saint-Guilhem-le-Désert ist Michelle Beckas Bildschirmhintergrund: Für die Professorin eine schöne Erinnerung an ihren Gang auf dem Jakobsweg von Arles nach Toulouse vor drei Jahren.
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Wie möchten Sie gerade junge Menschen für sozialethische Fragestellungen gewinnen?

Ich hoffe, dass ich für sozialethische Themen begeistern kann, weil ich selbst begeistert bin. Und ich möchte gern verständlich machen: Es geht uns etwas an! Es gibt eine Verantwortung für die Gestaltung von Gesellschaft. Und auch wenn es sehr viele Herausforderungen gibt, sind wir nicht ohnmächtig. Irgendetwas kann man tun. Das ist nicht als Individualisierung struktureller Verantwortung zu verstehen. Vielmehr sind die Fähigkeiten zum Verstehen von Zusammenhängen und Benennen von Problemen notwendige erste Schritte. Das erfordert Kompetenz. Konkrete Gestalt nimmt das in verschiedenen Lehrformaten zu ganz unterschiedlichen Themen an. Themenvorschläge für Seminare nehme ich gern an.

Was ist Ihnen in der Lehre besonders wichtig im Umgang mit Studierenden?

Interaktion, Gespräch und vor allem Respekt. Ich möchte nicht Antworten geben auf Fragen, die gar nicht relevant erscheinen. Es geht vielmehr um eine gemeinsame Auseinandersetzung mit Problemen – kontrovers in der Sache und aufmerksam im Umgang miteinander. Über die Lehrveranstaltungen hinaus ist es mir wichtig, für die Anliegen der Studierenden ansprechbar zu sein.

Welche Kompetenzen sollen Studierende aus Ihren Veranstaltungen mitnehmen?

Die Fähigkeit zu eigenständigem und kritischem Denken und zur Begründung von Positionen; dazu gehören auch Diskurs- und Dialogfähigkeit. Ich möchte für ethische Probleme sensibilisieren, um sie dann benennen und reflektieren zu können. Auch Lesekompetenz halte ich für sehr wichtig. Dabei ist die Herangehensweise an Texte zentral: Zuerst die wohlwollende Annäherung an einen Text und das ernsthafte Bemühen um Verstehen, dann die kritische Auseinandersetzung mit den Argumenten. Beides ist wichtig, aber der zweite Schritt sollte nicht vor dem ersten getan werden.

Digitale Kompetenzen kommen hinzu. Aber die spannendere Frage ist, wie sich jene „traditionellen“ Kompetenzen angesichts von Digitalität – in welcher Form auch immer – erreichen lassen und zugleich verändern.

Im April beginnen die Vorlesungen in Münster, werden Sie hier wohnen?

Ich werde zwei Wohnsitze haben: Wir bleiben mit der Familie in der Nähe von Frankfurt wohnen, und ich habe eine Wohnung in Münsters Norden gefunden. Meine Kinder sind zwar noch nicht alle aus dem Haus, aber erwachsen, so dass ich recht flexibel bin. Es ist mir wichtig, in Münster präsent zu sein, und ich freue mich darauf, die Fakultät, die Universität und die Stadt kennenzulernen.

Und was machen Sie, wenn Sie einmal nicht über Theologie und Gesellschaft nachdenken?

Ich bin sehr gern draußen unterwegs: Wandern, Laufen, Radfahren. Und ich habe Lieblings-Kurse in meinem Gym. Außerdem lese ich gern Romane und schaue Serien. Lange vernachlässigt habe ich das Chorsingen, das würde ich gern wieder beginnen.

Interview: Dagmar Thiel