© Lisa Hannen

Kusslabor: Öffentliche Intimität als performative Praxis

Ein partizipativer Forschungsraum für Nähe und Begegnung

Das Kusslabor ist ein partizipatives Kunst- und Begegnungsformat, das körperliche Nähe, Berührung und nonverbale Kommunikation als gesellschaftliche und kulturelle Praxis erforscht. Im Rahmen der Veranstaltung entsteht ein temporärer Raum, in dem Besucher*innen zu Mitgestaltenden einer kollektiven Performance werden. Das Projekt wird in Kollaboration mit dem Institut für Ethnologie durchgeführt, welches die wissenschaftliche Begleitung und Dokumentation anleitet und betreut. In einem achtsam kuratierten Setting aus Rauminstallation, Musik, Film und Performance wird Nähe als positiv besetzte Normalität im öffentlichen Raum erlebbar gemacht. Das Projekt verbindet Performancekunst, Konsenskultur, Soundkunst und visuelle Anthropologie zu einem vergänglichen, aber nachhaltig wirkenden Kunstwerk, das sich über den Körper der Teilnehmenden in den gesellschaftlichen Alltag einwirkt.

  • Komm ins Kusslabor-Team!

    Wir suchen Unterstützung für die Öffentlichkeits- und Awarenessteams und Studierende, die an der Produktion eines kurzen anthropologischen Films über das Event interessiert sind. Euer Beitrag zu dem Projekt kann als Praktikum, Medienprojekt, Modul- oder Abschlussarbeit durchgeführt werden.

    Wenn ihr mit ins Projekt kommen wollt, meldet euch bei annika.strauss[at]uni-muenster.de. Das erste Teammeeting findet am 13. Mai um 18 Uhr im B-ratungsraum der B-Side statt.

  • Projektphasen und Termine

    Von April bis Juli liegt der Schwerpunkt auf Vorbereitung, Konzeptualisierung und Teambildung. In August und September erfolgt die Rekrutierung der Teilnehmenden sowie die Öffentlichkeitsarbeit. Das Hauptevent findet im November statt, gefolgt von einer Nachproduktionsphase von Dezember bis zum Februar 27. In dieser Abschlussphase reflektieren das Team und die Teilnehmenden das Projekt und organisieren ein öffentliches Filmscreening mit anschließender Diskussion.

    Das erste Teammeeting findet am 13. Mai um 18 Uhr im B-ratungsraum der B-Side statt.

  • Künstlerisches und wissenschaftliches Konzept

    Das Kusslabor versteht sich als zeitgenössische Weiterentwicklung partizipativer Performancekunst in der Tradition von Happenings, Fluxus und relationaler Ästhetik, die mit einem kollaborativen Forschungsansatz verbunden ist. Im Zentrum steht die Frage: „Wie wollen wir uns heute körperlich begegnen – achtsam, freiwillig und bewusst?“ Das Projekt verschiebt Intimität aus dem ausschließlich privaten Raum in einen künstlerisch gerahmten öffentlichen Kontext. Dabei geht es nicht um Provokation oder Grenzüberschreitung, sondern um Normalisierung durch Achtsamkeit, Verlangsamung und bewusste Wahrnehmung. Der kollaborative Forschungsrahmen und die ästhetische Verlangsamung ermöglicht gleichzeitig die bewusste und kritische Reflexion von kulturellen und gesellschaftlichen Normen, die unsere Erfahrungen und Bedürfnisse nach Nähe und Intimität rahmen. Nähe, Berührung und Küssen werden als kulturelle Praxis erfahrbar – eingebettet in klare Absprachen, Freiwilligkeit und eine traumasensible Rahmung. Der Kunstwert entsteht nicht durch Darstellung, sondern durch Erfahrung, nicht durch Beobachtung, sondern durch Teilnahme.

  • Drei Ebenen des Projekts: Performance, Kollaboration und Forschung

    1. Performance der Teilnehmenden (ca. 30–40 Personen)

    Die Performance dauert ca. drei Stunden und findet im Laufe des Tages an einem Wochenende statt. Die Teilnehmenden werden durch einen gestalteten Übergang in den Raum geführt, der selbst Teil der Performance ist. In angeleiteten, aber offenen Begegnungsformaten wird Annäherung verlangsamt, nonverbale Kommunikation erfahrbar und körperliche Wahrnehmung vertieft und reflektiert. Die Teilnehmenden entscheiden jederzeit selbst über Intensität, Nähe und Beteiligung. Ziel ist es eine Teilnehmendengruppe zu rekrutieren, die u.a. bzgl. Alter, Geschlecht, Beziehungsstatus und Körperformen heterogen zusammengesetzt ist. Die Abläufe und Methoden zielen darauf ab, dass sie den Teilnehmenden Interaktionen ermöglichen, die nicht von den üblichen sozialen Paradigmen wie zum Beispiel Attraktivität und Geschlecht bestimmt werden. Ein Fokus liegt auf dem vielfältigen Erleben und Verkörpern von Kussbegegnungen, die die Teilnehmenden einlädt herauszufinden, was möglich ist, was ihnen gefällt, aber auch sich einfach von neuen sensuellen Eindrücken überraschen zu lassen. Was sind hier individuelle und soziale Bremsen und Gaspedale, die eine Rolle spielen? Nähe wird nicht problematisiert, sondern als menschliches Grundbedürfnis ernst genommen. Die Performance entsteht erst durch die Teilnehmenden selbst. Sie sind nicht Publikum, sondern Mitautor:innen des Kunstwerks.

    2. Partizipativer Produktions- und kollaborativer Forschungsprozess des Teams

    Parallel zur Performance existiert ein eigenständiger künstlerischer Forschungsprozess des Teams bestehend aus:

    • Künstlerischer Leitung (Konzept, Raum, Prozessbegleitung und Moderation)
    • Wissenschaftliche Begleitung (Kultur- und Sozialanthropologie, Konzept kollaborativer und künstlerischer Forschungsprozess)
    • Assistenz- und Support-Team
    • DJ / Soundkünstler
    • Studierenden der Visuellen Anthropologie
    • Studierenden der Kultur- und Sozialanthropologie

    Dieses Team arbeitet partizipativ und kreativ zusammen. Methoden der Begegnung werden gemeinsam erprobt, Rückmeldungen fließen in Anpassungen ein, Achtsamkeit und Sinnlichkeit werden kontinuierlich justiert. Es geht um die bewusste Gestaltung eines achtsamen kreativen Raums für den Prozess der Teilnehmenden. Das Team trifft sich im Vorfeld zur Entwicklung und Erprobung des Konzeptes. Im Nachgang gibt es ein Arbeitstreffen zur Reflexion des künstlerischen Prozesses. Das Assistenz- und Supportteam bemüht sich um die Schaffung eines konsensbewussten, diversitysensiblen und traumainformierten Accountability Spaces und gestaltet die Öffentlichkeitsarbeit im Vorfeld und im Nachgang der Veranstaltung. Damit wird nicht nur die Performance, sondern auch der Entstehungsprozess selbst zum künstlerischen Forschungsraum.

    3. Wissenschaftliche Begleitung und Rahmung

    Der gesamte Prozess wird von einem Team Studierender der Kultur- und Sozialanthropologie begleitet und filmisch dokumentiert. Ein weiteres Studierenden-Team beschäftigt sich mit Intimität, Nähe und dem Kuss als sozio-kulturellem Phänomen und erstellt entsprechendes Begleitmaterial für die Veranstaltung, wie zum Beispiel einen Flyer und einen Blog-Beitrag, der die Veranstaltung aus der sozialanthropologischen Perspektive reflektiert und einordnet. Die Veranstaltung wird zudem durch einen interaktiven Vortrag begleitet, bei dem ein/e Künstler:in und ein:e Sozialwissenschaftler:in das Event mittels wissenschaftlicher Einsichten einordnen und reflektieren und mit einer interessierten, nichtakademischen Öffentlichkeit ins Gespräch kommen.

  • Rolle der filmischen Dokumentation

    Das Film-Team, bestehend aus Studierenden der Visuellen Anthropologie begleitet das Projekt vor, während und nach der Performance. Es ist eingeladen den Produktions- und Forschungsprozess des Teams zu begleiten, an Team-Meetings und Workshops teilzunehmen und mit den kurzen Bewerbungsvideos zu arbeiten, die potentielle Teilnehmer:innen im Vorfeld der Veranstaltung mit einem Statement zur Motivation zur Teilnahme einreichen. Im Anschluss an die Veranstaltung, können einzelne Teammitglieder und Teilnehmer:innen zu ihren Erfahrungen befragt werden. Das Film-Team produziert einen oder mehrere sozialanthropologische Filme, die eine eigene Forschungsfrage beantworten oder Erkentnisinteressen verfolgen können. Wir freuen uns insbesondere die den Ansatz der sensory Ethnographie verfolgen oder partizipativ angelegt sind. Abschluss des Projekts bilden eine Nachbereitung mit Filmscreening und eine Ausstellung zum sozio-kulturellen Hintergrund des Kusses.

  • Raum, Atmosphäre und Sound

    Der Raum wird als temporärer Ritual- und Erfahrungsraum gestaltet – ein „KussTempel“, der eine andere Normalität ermöglicht. Elemente von Rauminstallation und Dekoration wirken zusammen mit gezielter Licht- und Soundgestaltung. Es wird einen Übergangsbereich zum Ankommen und Eintauchen in die Performance geben, genauso wie einen Ruhebereich, wenn Teilnehmer:innen sich zwischendurch zurückziehen wollen. Der Raum ist bewusst frei von berauschenden Substanzen, geprägt von Verlangsamung statt Eskalation und ausgerichtet auf alle Sinne. Die Teilnehmer:innen sind angewiesen auf Parfüm verzichten. Es gibt ein Hygienekonzept für die Veranstaltung. Damit setzt das Projekt einen Kontrapunkt zu dominanten Feierkulturen und öffnet einen Raum für bewusste, verkörperte Begegnung.

  • Partizipation und Gesellschaftliche Relevanz

    Das Kusslabor reagiert auf gesellschaftliche Spannungen rund um Nähe und Distanz, Einsamkeit und Kontaktarmut, Beschleunigung und Reizüberflutung, Unsicherheiten im körperlichen Miteinander. Das Projekt bietet einen künstlerischen Erfahrungsraum, in dem mit Formen von Begegnung experimentiert werden kann. Partizipation bedeutet hier: Eigene Entscheidungen treffen, Verantwortung für Nähe übernehmen, Kunst nicht konsumieren, sondern verkörpern.

  • Kooperation und Einbettung

    Das Projekt entsteht unter Trägerschaft vom Institut für Ethnologie und wird von der RobertLemelson Stiftung gefördert. Mit Matou La Rouge als künstlerischer Leitung und Annika Strauss als wissenschaftlicher Begleitung, in Kooperation mit dem B-Side Kultur e.V. und lust:kunst im Rahmen der B-Side als Veranstaltungsort:

    • Einbettung in die B-Side öffnet das Projekt für ein diverses Publikum
    • Verankerung im zeitgenössischen Kunstkontext
    • wissenschaftliche Kontextualisierung und Begleitung
    • Ermöglichung der Sichtbarkeit über die Performance hinaus.
  • Nachhaltigkeit

    Es handelt sich um eine verkörperte Erfahrung, ein gemeinsam erlebtes Kunstwerk und kollaborative Erforschung von Intimität. Dieses Kunstwerk ist zwar vergänglich und sich seiner Vergänglichkeit bewusst, die Wirkung bleibt jedoch im Körpergedächtnis der Teilnehmenden. Durch die wissenschaftliche Begleitung und den kollaborativen Forschungsansatz, wird zudem eine bewusste Reflexion und Kontextualisierung der körperlichen Erfahrungen und des sozio-kulturellen Kontextes, in dem Intimität alltäglich stattfindet, ermöglicht.

  • Hinweis zur Vorerfahrung

    Eine Vorversion des Formats wurde bereits in kleinerem Rahmen erprobt. Die dabei gewonnenen Erfahrungen fließen nun in eine weiterentwickelte Form. Matou La Rouge hat als Performancekünstler bereits fünf verschiedene Performances im Rahmen von Luft & Laune Veranstaltungen mit partizipativen Gruppen geleitet und realisiert. Annika Strauss und Matou La Rouge sind beide Teil des lust:kunst-Teams, das im vergangenen Jahr das reflexiv-künstlerische Projekt „Sex on Stage“ konzipiert und durchgeführt haben.