Abstracts zur LINKON11
Block 1 "Sprache(n) Weltweit"
Einige Aspekte der Grammatik des Nemaya - Celina Nickerl
Im Rahmen dieses Vortrags wird das laufende Projekt zur Dokumentation und Analyse des Nemaya vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine bislang undokumentierte Ok-Sprache, die sich in West-Papua in der Grenzregion zwischen Boven Digoel und den Star Mountains verorten lässt und in nur drei Dörfern gesprochen wird (vgl. Zahrer 2023). Linguistisch betrachtet ist dies das Sprachgebiet zwischen den Ok-Sprachen Ngalum und Muyu, weswegen anzunehmen ist, dass es Gemeinsamkeiten im Wortschatz sowie im Bereich der Grammatik gibt. Als Grundlage für die Analyse dienen Daten, die bei einer Feldforschungsexkursion in der Region gesammelt wurden. Ziel des Vortrags ist es, erste Ergebnisse der Untersuchung zu ausgewählten Phänomenen der grammatischen Struktur der Sprache vorzustellen, darunter Wortklassen, Struktur der Nominalphrase und erste Ansätze zur Verbmorphologie. Zudem werden auch bislang beobachtete Parallelen zu anderen Ok-Sprachen offengelegt und ein Ausblick auf die weiteren Arbeitsschritte zur umfassenderen Beschreibung der Sprache gegeben.
Einblicke in die Erstellung eines annotierten Korpus des Akkadischen - Joshua Wördemann
Das Akkadische ist eine ausgestorbene semitische Sprache, die im antiken Mesopotamien (grob: heutiger Irak) gesprochen wurde und von ca. 2650 v. Chr. bis etwa 100 n. Chr. schriftlich belegt ist. Das akkadische Textkorpus beläuft sich auf mehr als 10 Millionen Wörter Text und übertrifft damit sowohl das lateinische als auch das altgriechische Textkorpus an Größe. Aufgrund dieses umfangreichen Textmaterials und der langen Überlieferungsdauer ist das Akkadische besonders für die historische Sprachwissenschaft interessant. Im Vortrag wird zunächst ein kurzer Überblick über zwei aktuelle Online-Korpora des Akkadischen gegeben (ARCHIBAB, ORACC). Daraufhin folgt ein Einblick in ein Projekt zur Erstellung des ersten syntaktisch annotierten Korpus des altbabylonischen Dialekts des Akkadischen. Die Kriterien für die Auswahl der Texte, der geplanten Annotationsebenen und -werte sowie die technische Umsetzung des Korpus werden vorgestellt.
10.000 Kilometer Entfernung und trotzdem Deutsch. Motivation und Erfahrungen mit dem Deutschlernen in Indonesien - Thomas Dahlmanns
Die Stadt Yogyakarta in Indonesien liegt mehr als 10.000 Kilometer Luftlinie von Deutschland entfernt. Trotz dieser großen räumlichen Distanz ist die deutsche Sprache in der Stadt und im gesamten Land präsent und spielt eine Rolle im indonesischen Bildungssystem. Laut Auswärtigem Amt (2020: 13) lernten im Jahr 2020 in Indonesien von ca. 45.000.000 Schüler*innen knapp 150.000 Deutsch als Fremdsprache. In etwa 217.000 Schulen mit Fremdsprachenunterricht boten rund 1200 Schulen Deutsch als Fremdsprache an.
In der hier vorgestellten Studie wurde mit einem qualitativen Forschungsansatz untersucht, welche zentralen Motive und Beweggründe indonesische Schüler*innen und Studierende dazu veranlassen, Deutsch zu lernen. Im Rahmen eines Aufenthaltes in Yogyakarta wurden zwischen September und November 2025 fünf leitfadengestützte Interviews mit einer Gesamtdauer von etwa drei Stunden durchgeführt. Der Vortrag präsentiert die wesentlichen Ergebnisse und zeigt auf, welche persönlichen, kulturellen und bildungsbezogenen Faktoren die Entscheidung zum Deutschlernen beeinflussen.
Block 2 "Soziolinguistik"
"Er ist voll die Diva!" Sexusvarianz bei pejorativen Personenbezeichnungen - Friederike Oehlers
Alle Begriffe, die auf etwas referieren, verfügen über einen lexikalisch definierten Extensionsbereich, also einen semantischen Rahmen, der ihre konkreten Referenten umfasst. Aber was geschieht, wenn diese Extension überschritten wird? Bei Personenbezeichnungen beeinflussen verschiedene Extensionsdimensionen wie Alter, Ethnie, sexuelle Orientierung etc. das Sprecherurteil, ob ein spezifischer Referent als subsumierbar empfunden wird. So wird es den meisten Sprechern leichtfallen, einen Fisch der Extension des Begriffs Tier zuzuordnen. Wie ist es aber bei Hexe und Frau? Denn insbesondere im Bereich der Pejorativa ist der Extensionsbereich oft ambivalent und zugleich sprachproduktiv sehr ergiebig. In diesem Projekt wird die These vertreten, dass Extensionsüberschreitungen der Dimension Sexus bei Pejorativa systematisch eingesetzt werden, um eine Semantikveränderung herbeizuführen. In diesem Rahmen wird eine Akzeptabilitätsstudie durchgeführt, bei der die Proband*innen Stimuli mit sexusspezifischen Pejorativa bewerten, die einmal auf das konventionelle Sexus referieren, einmal auf das unkonventionelle.
"Neue Mukke […] gönnt euch!" Zur Rolle von Jugendsprache in Radiomoderationen bei der Gestaltung jugendorientierter Radioformate - Luisa Meng
Obwohl Jugendsprachen diachron stets ähnliche kommunikative Funktionen erfüllen und wiedererkennbare formale Muster aufweisen, unterliegen sie in ihrer konkreten formalen Ausgestaltung stetigem Wandel (Androutsopoulos 2000; Bahlo et al. 2019). Für Jugendradioprogramme mit einer äußerst heterogenen Kernzielgruppe ergibt sich daraus die Herausforderung, einen Sprachduktus zu bedienen, der die formaterwünschte ‚junge‘ Tonalität trifft und gleichzeitig von den Hörer*innen als authentisch jugendsprachlich erachtet wird. Als „auditive Aushängeschilder“ (Heitwerth 2001: 45) kommt insbesondere den Moderator*innen in puncto Hörer*innenbindung und Formatgestaltung eine zentrale parasoziale und sprachliche Rolle zu (Nowottnick 1989; Baum 2016). Inwiefern juventulektale Stile und Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit in Moderationen des öffentlich-rechtlichen Jugendradiosenders DASDING (SWR) bedient werden, wird in diesem Vortrag auf Grundlage transkribierter Moderationen aus dem Jahr 2024 erörtert. Methodisch kombiniert die Untersuchung gesprächsanalytische und medial-stilanalytische Zugänge, die auf unterschiedliche Textsorten angewandt werden.
Ob die untersuchten sprachlichen Praktiken als authentisch verordnet werden können, oder ob sie vielmehr als sprachliche Inszenierung im Sinne des Doing Youth (Neuland 2018; Walther 2018) zur Herstellung parasozialer Nähe fungieren, wird abschließend diskutiert.
💚💛💜❤️🩵🖤 💗🤎🤍❤️🔥 Die Bedeutung von Herz-Emojis in der Fan-Interaktion zu Taylor Swift - Emely Kolodziej
Emojis sind häufig Bestandteil digitaler Interaktion, vor allem, wenn es sich um spontane, schriftliche Kommunikation zwischen nahestehenden Personen handelt (Beißwenger & Pappert 2019; Dürscheid 2021). Zudem können sie als identitätsstiftende und beziehungsgestaltende Marker angesehen werden (Scheffler 2024; Marko 2023; Pappert 2017; Zappavigna & Logi 2024). Während Emoji-Praktiken zu genannten Zwecken vorrangig in einem gemeinsamen Framework spontan entwickelt werden, lässt sich in der Fan-Interaktion rund um Taylor Swift gegenteiliges beobachten. Hier werden ausgewählte Herz-Emojis, die einzelnen Veröffentlichungszyklen ihrer Alben – sogenannte Eras – zugeschrieben werden, gezielt als Interaktionsgegenstand in die Community platziert. Dieses Vorgehen lässt sich am aktuellen Album-Release beobachten: Hier entsteht die Emoji-Praktik des „❤️🔥“nicht direkt aus der Fanszene heraus, sondern durch einen Post von Swifts Team (Taylor Nation 2025). Dieses Zeichen wird im Anschluss von der Community aufgenommen und in Bezug auf weitere Postings zu dem Release verwendet (jonathanmillermusic 2025; Niehaus 2025).
Der Vortrag soll erste Anhaltspunkte bieten, wie diese Praktik auf mehreren Ebenen der Fan-Interaktion zu Taylor Swift untersucht werden kann.
Block 3 "Sprachwandel"
Eine korpusbasierte diachrone Analyse der lexikalischen Mensch-Tier-Segregation bei essen/fressen und trinken/saufen im Deutschen - Li Liufu
Anders als im Englischen gibt es im Deutschen die lexikalische Mensch-Tier-Segregation (Gast & Köng 2018). Dieses Projekt fokussiert sich auf die Subjekte bei den Verben essen/fressen und trinken/saufen durch eine diachrone Korpusanaylse. Historisch etabliert sich diese strikte sprachliche Trennung bei den Subjekten, die im Mittelhochdeutschen noch nicht existiert, erst ab dem 18. und 19. Jahrhundert. Die Forschung von Griebel (2019) von Ahd. bis zum Jahr 2009 zeigt, dass beim Paar essen/fressen heute eine klare Polarität besteht, nämlich Menschen essen, Tiere fressen. Die Verwendung von fressen für Menschen ist stark abwertend, in Form von Animalisierung und Pejorisierung. Im Gegensatz dazu ist die Trennung bei trinken/saufen deutlich schwächer ausgeprägt, da trinken in allen Zeiträumen bei beiden Subjekten dominiert und saufen für Menschen primär pejorativ im Kontext von Alkohol verwendet wird. Ziel dieser Arbeit ist es, die Entwicklung dieser Sprachgrenze im Zeitraum 2010-2025 zu untersuchen und zu analysieren, ob sich die lexikalische Segregation in diesem Zeitraum signifikant abschwächt oder stabil bleibt.
Braingestormt, gebrainstormt, wir stormen brain? Die integration komplexer englischer Lehnverben und Deutsche und Niederländische - Sina Jeurink
Das Deutsche und das Niederländische verfügen über die Satzklammer, im Niederländischen tangconstructie (Zangenkonstruktion) genannt (vgl. Poß 2023: 169). Die meisten Verben lassen sich reibungslos in diese Satzstruktur einbetten, es gibt jedoch auch Ausnahmen, die Non-V2-Verben: Sätze wie Ich steige morgen berg oder wir führen das Konzert urauf setzen sich unserer Intuition als Sprecher*innen entgegen. Die Gründe hierfür liegen in der Wortbildung. Thurmair zeigt für das Deutsche jedoch auch auf, dass es bei Verbneubildungen durchaus eine Tendenz zur Klammerbildung gibt (vgl. 1991, 194f.). In Hinblick auf diese Entwicklungen stellt sich die Frage, wie komplexe Lehnverben wie brainstormen oder babysitten integriert werden.
Für ihre Integration gibt es mehrere Optionen, sodass Zweifelsfälle entstehen: Sagen wir braingestormt oder gebrainstormt? Akzeptieren Sprecher*innen Konstruktionen wie Wir stormten brain? Hier soll im Rahmen dieses Projektes angesetzt werden. Eine Befragung mit Anwendungsaufgaben und Akzeptabilitätsurteilen soll die Verwendung und Akzeptanz verschiedener Strategien der Integration komplexer, englischer Lehnverben durch Sprecher*innen des Deutschen und Niederländischen aufzeigen.
LLMs als Auslöser eines neuen Sprachwandelprozesses? - Celine Richter
In den letzten Jahren gewannen Large Language Modelle großen Einfluss. Seitdem werden Chatbots jeden Tag millionenfach genutzt. Nun stellt sich die Frage, wie der Umgang mit den Sprachsystemen die eigene Sprachnutzung beeinflusst hat.
Die sich in der Umsetzung befindende Studie untersucht mittels Leitfadeninterviews und Textanalysen, ob die zunehmende Nutzung in der Gesellschaft einen Sprachwandel der deutschen Sprache ausgelöst hat und inwiefern öffentliche Beiträge zu dessen Verbreitung beigetragen haben. Aufbauend auf der Hypothese eines LLM-induzierten Sprachwandels adressiert die Untersuchung vier zentrale Forschungsthemen: die Gründe für die Nutzung von KI-Chatbots, Veränderungen im Sprachverhalten der Presse seit der Einführung von LLMs, die Zuschreibung möglicher sprachlicher Veränderungen auf KI-gestützte Systeme sowie die grundsätzliche Frage nach einem durch LLMs verursachten Sprachwandel. Sollten mittlerweile KI-typische Sprachmuster in KI-unabhängigen Texten zu finden sein, könnte, in Anschluss an Yakura (2025) für die gesprochene Sprache, ein beginnender Sprachwandel bestätigt werden. Ein solcher Befund würde zugleich auf weitreichende gesellschaftliche Veränderungen durch die Einführung von LLMs hindeuten.
In dem Vortrag wird der aktuelle Stand der Studie vorgestellt und versucht erste Antworten aufzuzeigen.

