DH-Tag 2026

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Im Zentrum geistes­wissenschaftlicher Arbeit steht traditionell der Mensch: Forschende ordnen menschliche Ausdrucks­formen wie Literatur, Musik oder historische Quellen in relevante Kontexte ein, prüfen sie kritisch auf ihren Erkenntnis­wert und streben mithilfe von Interpretationen ein Verstehen der untersuchten Phänomene an. Dieser hermeneutische Prozess beruht auf Fach­standards, Erfahrung und reflektiertem Urteil.

Was aber, wenn Forschungs­schritte digital gesteuert werden oder sogar (teil-)automatisiert ablaufen? Die Digital Humanities haben unter anderem quantitative Verfahren etabliert, bei denen nicht die manuelle Durchsicht von Forschungs­material am Anfang steht, sondern die statistische Auswertung modellierter Daten – an die erst menschliche Interpretation anknüpft. Wenn aber Wissenschaftler*innen Systeme (mit-)entscheiden lassen über die Daten­grundlage ihrer Forschung: Ist das eine Gefahr für ihre Autonomie? Tritt das Forschungs­subjekt nach und nach in den Hintergrund oder müssen wir die Rollen und Konturen wissenschaftlicher Akteure eher neu schärfen? Einerseits sind Modellierungen und eingesetzte Algorithmen selbst menschen­gemacht, andererseits ist nicht immer jeder computer­gestützte Rechenschritt im Detail nachzuvollziehen.

Besonders dringlich stellen sich diese Fragen in Bezug auf den Einsatz von KI: Zwar kann der sogenannte Human-in-the-Loop – also die gezielte menschliche Steuerung durch kompetente Anfragen an KI-Systeme – die Qualität generierter Ergebnisse erheblich beeinflussen. Dennoch bleibt der Spielraum für die Ergebnis­generierung vorgegeben, und zwar durch die meist intransparenten Trainings­daten großer Sprach­modelle. Auch zu fragen ist, wie abhängig wir uns von Systemen privat­wirtschaft­licher Unternehmen machen möchten, auf deren Entwicklung wir kaum Einfluss nehmen können.

Diese und weitere Aspekte berühren die Autonomie des Menschen im Forschungs­prozess. Fragen nach den Herausforderungen, Möglichkeiten und möglichen Rollen­verschiebungen in den Geistes­wissenschaften werden daher im Mittelpunkt des DH-Tags 2026 der Universität Münster stehen. Die Veranstaltung richtet sich an alle digitalen Geistes­wissenschaftler*innen: Forschende und Studierende.

Bitte melden Sie sich an bis zum 29.06.2026.
Anmeldung

Datum: 10. Juli 2026
Ort: Hörsaal JO 1

Programm

9:30 Uhr: Begrüßung

  • Begrüßung durch Dr. Christian Wachter (SCDH Münster)
  • Vorstellung des Programms
  • Grußworte
    • Rektorat der Universität Münster
    • CDH-Sprecher Prof. Dr. Jan Keupp
    • Stellvertretender ULB-Direktor Jörg Lorenz

10–11 Uhr: Keynote (hybrid)

Prof. Dr. Tobias Hodel (Universität Bern)

Denken trotz Prompt? Epistemologische Souveränität als Aufgabe der Digital Humanities

Prof. Dr. Tobias Hodel
© Tobias Hodel

Die Frage nach der Autonomie im Forschungs­prozess ist keine abstrakte: Sie stellt sich täglich, wenn wir Geistes­wissen­schaftler*innen uns entscheiden, was ein Algorithmus – oder heute spezifischer: eine generative künstliche Intelligenz – für uns tun soll und was gerade nicht. Promptotyping, Vibe Coding und Agentic Development machen umfangreiche Auswertungen, Visualisierungen und Vermittlungs­ansätze auf Zuruf möglich; Big Data ist durch die Digitalisierungs­bemühungen von Bibliotheken, Archiven und Museen in unseren Disziplinen angekommen.

Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch nicht nur in der Infrastruktur, sondern im Denken: Wie lassen sich epistemologische Standards aufrecht­erhalten, wenn Workflows schwer nachvollziehbar und Trainingsdaten intransparent sind? Der Beitrag argumentiert, dass für die Digital Humanities weniger die Frage des Toolings im Vordergrund steht als die konsequente Engführung von Daten­aufbereitung, -analyse und -auswertung, selbstredend verbunden mit reflektierten, offengelegten und nachnutzbaren Vorgehens­weisen im Sinne von FAIR.

Anhand von Beispielen aus den Berner Digital Humanities wird gezeigt, wie ein kritisch-souveräner Umgang mit KI-gestützten Möglichkeiten aussehen kann und gleichzeitig welche Rolle Re-Usability dabei nicht nur als Kontroll­mechanismus, sondern als Form der Wissens­vermittlung und -speicherung spielt.

11:15–11:50 Uhr: AG-Vorstellungen

  • 3D
  • GIS
  • Datenmodelle
  • Programmierung
  • TEI
  • Textanalyse mit LLMs
  • Texterkennung
  • Wissenschafts­kommunikation

12–13 Uhr: CDH-Mitgliederversammlung

13–14 Uhr: Mittagspause

14–15 Uhr: Open Space: Digital Humanities: Human Autonomy?

Offenes Diskussionsformat mit Thementischen

In lockerer Atmosphäre und wechselnden Klein­gruppen diskutieren wir bei einem Worldcafé die Leit­fragen des DH-Tags: Inwiefern verschieben digitale Methoden und KI das Rollen­verständnis geistes­wissen­schaftlicher Akteure? Wie kann in Zukunft der Stellen­wert menschlichen Interpretierens behauptet werden – und wo geben wir womöglich Autonomie aus der Hand? Betreffen diese Fragen nicht nur wissen­schaftliche Praktiken, sondern auch unsere Infra­strukturen und weitere Rahmen­bedingungen für die Forschung? An mehreren Themen­tischen sind alle Teil­nehmenden eingeladen, eigene Erfahrungen, Fragen und Perspektiven einzubringen.

15:00–15:15 Uhr: Abschluss

Zusammenfassung und Verabschiedung