DH-Tag 2023

8. Dezember 2023 - Kooperation und Partizipation in den Digital Humanities

Der DH-Tag 2023 ist dokumentiert auf zenodo.org.

Die Forschung in den digitalen Geisteswissenschaften ist ein kollaboratives Unterfangen. Digital ausgerichtete Forschungsprojekte weisen in der Regel eine große Breite von Aufgaben auf, für die jeweils ganz unterschiedliche Kompetenzen vonnöten sind. Eine Aufteilung von Aufgaben auf unterschiedliche Köpfe und damit einhergehend eine enge Zusammenarbeit über disziplinäre Grenzen hinweg stellen die geisteswissenschaftliche Forschung vor neue Herausforderungen. Kooperationen mit Partner*innen außerhalb des eigenen Faches bedürfen einer besonderen Pflege, der kommunikative Aufwand ist häufig höher: Man muss das Gegenüber mit seinen Kompetenzen, Erkenntnisinteressen und Zielvorstellungen verstehen und ebenso seine eigenen Motivationen so ausdrücken können, dass ein gemeinsames Arbeiten möglich wird. Grundsatz hierfür ist das Finden einer gemeinsamen Sprache.

In den Digital Humanities werden zwei disziplinäre Grenzen regelmäßig überschritten: Zunächst setzt die Zusammenarbeit von geisteswissenschaftlich geschulten Expert*innen mit Research Software Engineers ein Aushandeln der Grenzen zwischen natur- und geisteswissenschaftlichen Methoden und Verfahren voraus. Der methodisch ausgerichtete Diskurs überschreitet außerdem regelmäßig die Grenzen zwischen den einzelnen geisteswissenschaftlichen Disziplinen:
Geschichtswissenschaftliche und linguistische Vorhaben, die gemeinsam über Handschriftenerkennung oder Datenmodellierung sprechen, theologische und archäologische Projekte, die eine Kartierung und damit Visualisierung historischer Ereignisse anstreben, sozialwissenschaftliche Taggingverfahren und literaturwissenschaftliche Annotationen etc. Zwischen all diesen und weiteren disziplinären Arbeiten und Erkenntnisinteressen gibt es Überschneidungen und gemeinsame Tätigkeiten, die durch einen Dialog befruchtet werden können.

Schließlich findet im Rahmen der Bürgerwissenschaften bzw. Citizen Science noch eine ganz andere Art der kooperativen Grenzüberschreitung statt: Die partizipative Zusammenarbeit mit Personen außerhalb des akademischen Kernbetriebs öffnet die Wissenschaft in Richtung der Gesellschaft (die in der Regel diese Wissenschaft finanziert). Zwischen der reinen Datenlieferung durch Laien und der kooperativen, durch Anerkennung geprägte Zusammenarbeit auf Augenhöhe befindet sich ein weites partizipatives Feld, das kommunikativ geebnet werden muss.

Der 5. DH-Tag der Universität Münster möchte sich diesem Themenbereich widmen und nach kooperativen und partizipativen Strukturen in den vor Ort (und darüber hinaus) durchgeführten digitalen geisteswissenschaftlichen Projekten fragen. Wir treffen uns am Freitag, den 8.12.2023 zu Vorträgen, Diskussionen, dem traditionellen Posterslam sowie insgesamt einem hoffentlich kooperativen und partizipativen Austausch.

Programm

9:30- 10:00

Begrüßung

  • Dr. Jan Horstmann, DH-Koordinator der Universität Münster und Leiter des SCDH

Präsentation: doi.org/10.5281/zenodo.10409492

Grußworte

10:00 - 11:00

"Die Tatsache, dass ich mich in Dich verliebt habe, ist nun wohl kein Geheimnis mehr (…)". LB_00017_0001"

Das Citizen-Science-Projekt ‚Gruß und Kuss – Bürger*innen erhalten Liebesbriefe‘

Keynote-Vortrag von Prof. Dr. Andrea Rapp, TU Darmstadt

Liebesbriefe von Personen des öffentlichen Interesses sind häufig gut dokumentiert und erschlossen, auch in populären und erfolgreichen Anthologien. Liebesbriefe sind jedoch auch ein besonders weit verbreitetes ‚Alltagsphänomen‘, das Menschen aller Geschlechter, sämtlicher Altersstufen, Lebensphasen, Schichten und Milieus betrifft. Obwohl sie also eine einzigartige Quelle für linguistische, historische und soziologische Forschungen darstellen, werden sie überwiegend nur in privaten ‚Familienarchiven‘ bewahrt und sind daher in aller Regel von Verlust bedroht und der Forschung weitgehend unbekannt. Das Koblenz-Darmstädter Liebesbriefarchiv sammelt, erschließt und erforscht Briefspenden gemeinsam mit Bürger*innen und verfolgt damit ein Konzept von shared heritage und shared ownership. Der Digitalisierungsprozess der Liebesbriefbestände mit seinen komplexen rechtlichen und ethischen Implikationen eignet sich hervorragend dazu, die Rolle der FAIR & CARE-Prinzipien für diese Art von Forschungsdaten zu diskutieren und unterschiedliche Möglichkeiten gesellschaftlicher Beteiligung und gesellschaftlichen Impacts auszuloten.

Andrea Rapp studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Ethnologie und wurde an der Universität Trier mit einer Arbeit zu Diebold Laubers Werkstatt in Hagenau promoviert. Nach Stationen als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Trierer SFB 235 „Zwischen Maas und Rhein“, als Geschäftsführerin des „Trier Center for Digital Humanities“ sowie als Leiterin des Digitalisierungszentrums an der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen ist sie seit 2010 Professorin für Germanistik – Computerphilologie und Mediävistik an der TU Darmstadt. Bei ihren Forschungen zur Sprache, Literatur und Kultur ist die digitale Transformation Teil der Fachlichkeit, so dass traditionell-philologische und digitale Verfahrensweisen integrativ verbunden werden. Dies umfasst sowohl die Entwicklung digitaler Analysetechnologien, die Erstellung digitaler Editionen und Wörterbücher, aber auch den nachhaltigen Aufbau von Forschungsinfrastrukturen sowie die Reflexion von Digitalität in der philologischen Forschung, in der Lehre und im Bereich des Kulturellen Erbes. Aktuell ist sie Verbundkoordinatorin des BMBF-geförderten Citizen-Science-Projekts ‚Gruß und Kuss – Briefe digital. Bürger*innen erhalten Liebesbriefe‘.

Der Vortrag fand hybrid, d.h. via Zoom statt. Er ist dokumentiert bei zenodo.org

Video: doi.org/10.5281/zenodo.10405680
Präsentation: doi.org/10.5281/zenodo.10405934

11:00 - 11:10 Kaffee- und Teepause
11:10-11:30

Vorstellung der AG Citizen Science
mit Dr. Philipp Erdmann, Stadtarchiv Münster und

Jesicca Oertel, AFO und Q.Uni Münster

Präsentation: doi.org/10.5281/zenodo.10409382

11:30-11:50

Vorstellung der AGs des Arbeitskreises Digital Humanities der Universität Münster

Präsentation: doi.org/10.5281/zenodo.10409539

12:00-14:15

Mittagspause

(13-14 Uhr: Mitgliederversammlung des Center for Digital Humanities Münster)

14:15-15:00

Posterslam

  • Simon Dreher: Exile Letters ( Präsentation | Poster )
  • Ulrike Gut & Philipp Meer: Das PhoNE Projekt ( Präsentation | Poster )
  • Felicity Jensz & Michael Wandusim: Global Bible Projekt: Das erste Jahr
  • Carolin Hemsing: Christliche Kunstschätze digitalisieren – Detektivarbeit im Bistum Münster ( Präsentation | Poster )
  • Sascha Hinkel: Asking the Pope for Help ( Präsentation | Poster )
  • Jens Rohde: Leben im Zagrosgebirge des 1. Jahrtausend v.Chr. – eine digitale Annäherung ( Poster )
  • Anna-Lena Schumacher: HiSMaComp – Ontologie trifft GIS in der vergleichenden Städtegeschichte ( Präsentation | Poster )
  • Holger Strutwolf: Die Editio Critica Major des Neuen Testaments - eine digitale Edition ( Präsentation )
15:00-15:45 Postersession
15:45-16:00 Kaffee- und Teepause
16:00-16:45

Kollaboration als Notwendigkeit: Institutionelle Unterstützung für die Forschung in den Digital Humanities

Kurzvortrag und Gespräch
mit Dr. Claes Neuefeind (Geschäftsführer Cologne Center for eHumanities) und
Dr. Jan Horstmann (Leiter Service Center for Digital Humanites Münster)

Die Forschung im Bereich der Digital Humanities bietet oft Möglichkeiten zur Zusammenarbeit – aber ebenso oft erfordert sie auch Zusammenarbeit. Die Transformation vom (disziplinär oft stark verankerten) Einzelkämpfertum hin zum Team-Play fällt dabei mehr oder weniger schwer. Die Anforderungen, die an DH-Projekte in Bezug auf technische Fähigkeiten und Know-how gestellt werden, sind so hoch, dass die Zusammenarbeit und der Rückgriff auf angemessene Forschungsinfrastrukturen zu einer Notwendigkeit werden. Der Kurzvortrag vergleicht DH-Strukturen der Standorte Köln und Münster und fragt nach Möglichkeiten und Herausforderungen eines Gelungenen Zusammenspiels von Forschungs-, Infra- und Supportstrukturen im Bereich Digital Humanities.

Präsentation: doi.org/10.5281/zenodo.10409617

16:45-17:00 Verabschiedung