Konzept

Jungs In Reihe 2-1 Nils Eden
© Nils Eden

Jungen gelten oft als schwierig: Sie sind unkonzentrierter und lauter, stören häufiger, fordern mehr Aufmerksamkeit, sind unkooperativer und aggressiver als Mädchen. In Kindergarten und Schule verlangen sie mehr Zeit und Raum, sind oft aber auch schneller abgelenkt und schreiben schlechtere Noten. Nach Jahren der Mädchenförderung rücken die Jungen in den Fokus der Aufmerk­samkeit. Aber sind Jungen wirklich so auffällig, wie es auf den ersten Blick scheint? Wie können wir ihre Entwicklung fördern? Und welche Rolle spielen Bewegung, Spiel und Sport dabei?'

Auf diesen Seiten haben wir Informationen zur Förderung von Jungen durch Bewegung, Spiel und Sport zusammengetragen. Da die meisten Jungen sich gerne bewegen und sportlich aktiv sind, bietet dieses Feld besondere pädagogische Möglichkeiten. Im Mittelpunkt steht dabei das so genannte „Variablenmodell“, das sowohl aktive, leistungsbezogene, als auch passive, reflexive Aspekte integriert. Es setzt weniger bei den Defiziten und Problemen von Jungen an, sondern greift ihre Wünsche und Bedürfnisse auf – sowohl nach wilden Balgereien und ‚richtigem’ Sport als auch nach sozialen Kontakten und Entspannung.

Einen ersten Eindruck über die praktische Umsetzung unserer Arbeit können Sie diesem Video entnehmen:

  • Aufwachsen von Jungen

    Für viele Jungen ist das Aufwachsen in einer modernen „Multioptionsgesellschaft“ schwierig. Nicht nur die allgemeinen Bedingungen des Erwachsenwerdens, auch die Vorstellungen von Männlichkeit sind komplexer und widersprüchlicher geworden. Einerseits wird noch immer häufig der ‚Mythos’ der männlichen Überlegenheit tradiert, der Jungen dazu zwingt, stets rational, durchsetzungsfähig und erfolgreich zu sein. Andererseits wird von Jungen heute häufig auch Sensibilität, Einfühlungsvermögen und Kooperationsfähigkeit erwartet. Eine eindeutige Vorstellung jenseits von Klischees fehlt bislang jedoch. Verstärkt wird die Orientierungslosigkeit unter anderem durch den Mangel an männlichen Vorbildern vor allem im Vor- und Grundschulalter. So müssen sich Jungen häufig an Frauen orientieren und sich negativ von ihnen abgrenzen, was oftmals zu der Ausbildung stereotyper Geschlechtervorstellungen führt. Jungen zeigen daher häufig ein risikoreicheres, dominanteres und aggressiveres Verhalten als Mädchen. In Spaßkämpfen und körperbetonten Spielen beweisen sie sich und der Gruppe ihre männliche Identität. Ihre alternativen Handlungsmuster und Entfaltungsmöglichkeiten sind geringer als die der Mädchen. Der permanente Männlichkeitsdruck führt nicht selten zu geschlechtstypischen Krankheitsbildern wie Stottern oder ADHS.

  • Bewegung, Spiel und Sport in Schule und Freizeit

    Bewegung, Spiel und Sport gehören sowohl im Rahmen der Schule als auch außerhalb der Schule zu den beliebtesten Aktivitäten von Jungen. Daher bietet dieses Feld optimale Voraussetzungen zur Förderung der Identitätsentwicklung. Soziale Kontakte und Entspannung sind im Sport zwar wichtige Motive für Jungen, an erster Stelle steht jedoch in der Regel der Wunsch nach Leistung und Erfolg. Auch außerhalb des Schulsports durchzieht der sportliche Habitus den Alltag vieler Jungen. Fachkenntnisse, sportliche Kleidung oder das Tauschen von Klebebildern sichert die Anerkennung innerhalb der Jungengruppe.
    Bei genauer Betrachtung stellt sich das Feld des Sports jedoch als ambivalentes Erfahrungsfeld heraus. Er bietet einerseits vielfältige Erprobungs- und Identifikationsmöglichkeiten mit alternativen Männlichkeitsentwürfen. Andererseits ist Sport als Spiegel der westlichen Kultur geprägt von traditionellen, leistungssportlichen Männlichkeitsvorstellungen. Für eine gelingende Entwicklung männlicher Identität im Sport ist es demnach unerlässlich, Sportangebote reflektiert zu inszenieren. Eine besondere Rolle kommt dabei der Lehrkraft und den Rahmenbedingungen der Jungenförderung zu.

  • Jungenförderung im Sport

    Seit den 1990er Jahren wurden unterschiedliche Modelle zur Jungenförderung entworfen. Im Jahr 2001 stellten Winter und Neubauer für die allgemeine Jungenarbeit das Variablenmodell ‚balanciertes Junge- und Mannsein’ vor. Es zeichnet sich durch ressourcenorientiertes Arbeiten aus, das die Probleme von Heranwachsenden akzeptiert, zugleich aber versucht, bei ihren Interessen und Stärken anzusetzen. Zentraler Ansatzpunkt des Modells ist ein komplementäres Verständnis von Männlichkeit, das sowohl aktive, leistungsbezogene, als auch passive, reflexive  Aspekte berücksichtigt. Bezogen auf den Sport bedeutet das, auch die Bedürfnisse z.B. nach wilden Balgereien oder ‚richtigem Sport’ zu akzeptieren.

    Auf der Grundlage dieses Modells stellte Neuber 2007 ein Variablenmodell im Sport vor. Er entwirft acht Handlungsfelder, innerhalb derer die Jungen die Möglichkeit erhalten, unterschiedliche Bewegungsbedürfnisse auszuleben und zugleich neue Perspektiven auszuprobieren. Die komplexen, teilweise auch widersprüchlichen Identifikationsmöglichkeiten von Bewegung, Spiel und Sport werden in den Variablenpaaren (s. Grafik) aufgegriffen und in ihren ambivalenten Zusammenhängen erfahrbar gemacht. Dadurch kann sich nach und nach ein vielseitiges, eigenes Verständnis von Männlichkeit entwickeln.

    Gewinnen Verlieren
    Kooperation Konkurrenz
    Sensibilität Kraft
    Spannung Entspannung
    Wagnis Risiko
    Nähe Distanz
    Regeln anerkennen Regeln überschreiten
    Ausdruck Präsentation

    Variablenmodell im Sport