Ausnahmsweise friedfertig

Religiöse Rechtfertigungen für den Verzicht auf Gewalt

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Dr. Andreas Pietsch

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Der Gewaltverzicht aus religiöser Überzeugung hat laut Historiker Dr. Andreas Pietsch zu allen Zeiten das Misstrauen der Obrigkeit hervorgerufen. „Diese argwöhnte, dass es den vermeintlich Friedfertigen vor allem darum ging, bestehende Machtverhältnisse in Frage zu stellen.“ Eine Wehrlosigkeit, die sich auf die Bibel berief, habe es in der Geschichte des Christentums immer wieder gegeben. „Allerdings waren es in der Regel Randgruppen der Gesellschaft, die grundsätzlich Gewalt aus religiösen Gründen ablehnten.“ In der Ringvorlesung „Religion und Gewalt“ am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ stellte Pietsch Beispiele aus der frühen Neuzeit vor. Der Titel seines Vortrags lautete „Wehrlos um Christi willen. Zur Delegitimierung von Gewalt im Täufertum“.

Verdacht der Aufrührerei

Gerade der Versuch, in den 1530er Jahren in Münster ein „Neues Jerusalem“ zu errichten, brachte die gesamte Täuferbewegung in Verruf, wie der Historiker erläuterte. Das sei eine unrühmliche Episode gewesen, die blutig endete. Laut Pietsch prägte sie das Fremdbild der ansonsten eher friedfertigen Täuferbewegung. „Wenn Sie die Vielehe und das grausame Regiment der Münsteraner ‚Wiedertäufer‘ für typisch halten, sind Sie bereits der frühneuzeitlichen Propaganda auf den Leim gegangen“, sagte der Wissenschaftler.
 
So lässt sich Pietsch zufolge weder von einer einheitlichen Täuferbewegung sprechen noch von einer eindeutig ablehnenden oder zustimmenden Haltung ihrer Anhänger zur Gewalt. Schon die Diskussion der Täufer um das Schwert habe häufig den Verdacht der Aufrührerei genährt. „Kaiser, Könige und Fürsten galten als von Gott eingesetzt“, erläuterte Pietsch. „Wer sich da geweigert hat, in einen vermeintlich gerechten Krieg zu ziehen, dem wurde dieses Verhalten schnell als Kritik an der Obrigkeit ausgelegt.“ Das hatte Folgen: „Die Täufer wurden verfolgt, und zwar nicht nur die gewaltbereiten, sondern in ähnlicher Härte auch die friedfertigen.“ Dahinter stand nach den Worten des Experten nur scheinbar der Gewaltverzicht ihrer Bewegung. „Das eigentliche Problem aus der Sicht ihrer Gegner war der Loyalitätsbruch, das Abweichen vom gesellschaftlichen Konsens.“ Der Historiker zog auch eine Parallele zur neueren Geschichte. Die ersten Zivildienstleistenden der Bundesrepublik seien mit einem ähnlichen Vorbehalt konfrontiert gewesen: „Den frühen Wehrdienstverweigerern wurde zur Zeit des Kalten Krieges unterstellt, dass die Sowjetunion sie ‚lenkte‘.“

Dr. Andreas Pietsch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Cluster-Projekt C6 „Politisches Amt und religiöse Dissimulation. Konfessionelle Zweideutigkeit an europäischen Fürstenhöfen des 16. und 17. Jahrhunderts“. In der Ringvorlesung „Religion und Gewalt. Erfahrungen aus drei Jahrtausenden Monotheismus“ kommen Vertreter unterschiedlicher Disziplinen wie Historiker, Germanisten, Theologen und Religionswissenschaftler zu Wort. In der nächsten Woche spricht der Historiker Prof. Dr. Matthias Pohlig über „Religiöse Gewalt im konfessionellen Zeitalter?“ Der öffentliche Vortrag findet statt am Dienstag, dem 31. Mai, um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses, Domplatz 20-22. (bhe/vvm)