Historiker: Katholische Bischöfe unterstützten Militärdiktaturen

Lateinamerika-Experte untersucht Rechtfertigung von Gewalt in den 1970er und 1980er Jahren

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 Dr. Stephan Ruderer

© han

Die katholischen Bischöfe von Argentinien haben die Militärdiktatur ihres Landes nach Historikererkenntnissen mehrheitlich unterstützt. „Die argentinische Kirche rechtfertigte in den 1970er und 1980er Jahren den brutalen Staatsterrorismus unter General Jorge Rafael Videla, dem tausende Kommunisten und andere Regimegegner zum Opfer fielen“, sagte Historiker Dr. Stephan Ruderer vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ am Dienstagabend in Münster. Eine klare Entschuldigung hätten die Bischöfe des Landes bis heute nicht formuliert.

„Im Nachbarland Chile hingegen entzog die Kirche den Militärs Gottes Hilfe“, wie der Lateinamerika-Experte sagte. Das Regime von General Augusto Pinochet habe seine Gewalt zwar religiös gerechtfertigt, die Kirche dagegen sei zur „moralischen Opposition“ geworden. Das war laut Ruderer einer der Gründe, warum in Argentinien viel mehr Menschen Opfer der Gewalt wurden als in Chile. Während der Diktaturen in Argentinien (1976-1983) und Chile (1973-1990) waren zehntausende Menschen spurlos verschwunden.

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Ton-Mitschnitt des Vortrags

Der Historiker sprach in der Ringvorlesung „Religion und Gewalt“. Er legte neue Ergebnisse aus dem Cluster-Forschungsprojekt D10 „Zwischen Unterstützung autoritärer Regime und Verteidigung der Menschenrechte. Die katholische Kirche in Chile und Argentinien während der Militärdiktaturen der 1970er und 1980er Jahre“ unter Leitung von Prof. Dr. Silke Hensel vor. Ruderer stellte zahlreiche Texte aus argentinischen und chilenischen Archiven dar, in denen sowohl Bischöfe als auch Militärs die Gewalt gegen die eigene Bevölkerung mit religiösen Argumenten rechtfertigten.

„Die Militärjunta Argentiniens legitimierte die Repression als ‚gerechten Krieg‘ zur ‚Rettung‘ des katholisch geprägten Landes vor dem Kommunismus“, sagte er. Die Argumente, die die Mehrheit der Bischöfe unterstützten, reichten nach seinen Worten vom Märtyrertod der eigenen Soldaten über den Kreuzzugsgedanken bis zum apokalyptischen Kampf gegen den „kommunistischen Antichristen“. Auch das chilenische Regime habe zu Beginn religiöse Begründungen herangezogen. Weil die Bischöfe aber die Unterstützung verweigerten, wurde es laut Ruderer schwieriger, Gewalt gegen die eigene Bevölkerung theologisch zu rechtfertigen und durchzusetzen.

„Allianz aus Schwert und Kreuz“

Die verschiedenen Positionen der argentinischen und chilenischen Kirche lassen sich dem Historiker zufolge aus der Geschichte der Länder verstehen. „In Argentinien gab es zwischen Militär und Kirche eine lange gewachsene ‚Allianz aus Schwert und Kreuz‘.“ Nur so habe es zu einem Staatsterrorismus kommen können, „der auch aus religiösen Gründen begangen wurde und ohne diese so gar nicht möglich gewesen wäre.“ Die Kirche in Chile entwickelte sich hingegen seit der Verfassung von 1925 in größerer Unabhängigkeit von der Regierung und konzentrierte sich auf ihre gesellschaftliche Rolle, wie der Wissenschaftler sagte. „Während der Diktatur hat sie die Opfer rechtlich und sozial unterstützt.“

In der Ringvorlesung „Religion und Gewalt. Erfahrungen aus drei Jahrtausenden Monotheismus“ kommen Vertreter unterschiedlicher Disziplinen wie Historiker, Germanisten, Theologen und Religionswissenschaftler zu Wort. Am kommenden Dienstag, 5. Juli, folgt der Beitrag „‚…und steuere deiner Feinde Mord.‘ Gewalt im Kirchenlied“ der Münsteraner Germanistin Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf. Der öffentliche Vortrag beginnt um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses, Domplatz 20-22. (vvm/han)