„Wie ein Prozess vor der Inquisition“

Judaistin sprach über die Talmuddisputationen im Mittelalter

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Prof. Dr. Regina Grundmann

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Viele Stereotype des neuzeitlichen Antisemitismus haben nach Expertenaussage ihren Ursprung im Mittelalter. „Argumentationsfiguren von antisemitischen Hetzschriften, aus denen das verheerende Bild des ‚Talmudjuden‘ geformt wurde, lassen sich bis zu den mittelalterlichen Talmuddisputation zurückverfolgen“, sagte die Judaistin Prof. Dr. Regina Grundmann vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster. „Die Disputationen bestanden nicht in einer fairen Auseinandersetzung über den Talmud, die beiden Seiten die gleichen Rechte einräumte. Vielmehr waren sie als Verhör der jüdischen Seite angelegt und glichen einem Prozess vor der Inquisition.“

Im 13. und 15. Jahrhundert wurden in Frankreich und Spanien jüdische Gelehrte zu insgesamt vier großangelegten, öffentlichkeitswirksamen Streitgesprächen von der christlichen Seite vorgeladen, erläuterte Prof. Grundmann in der Ringvorlesung „Religion und Gewalt“. Im Zentrum der Zwangsdisputationen stand der Talmud. In Frankreich wurden in Folge der Disputation von Paris 1240 über 20 Wagenladungen hebräischer Handschriften verbrannt, wodurch die Grundlage jüdischer Gelehrsamkeit im Land zerstört wurde. 

Auch später kam es zu Konfiszierungen, zur Zensur und zu Verbrennungen von Talmudexemplaren. Während es der christlichen Seite in der Disputation von Paris 1240 darum ging, den Talmud als Irrlehre zu diffamieren, sollten in späteren Disputationen aus dem Kontext gelöste Talmudstellen als Beweis für den christlichen Glauben instrumentalisiert werden. Die mittelalterlichen Zwangsdisputationen und ihre antijüdische Polemik waren nach Einschätzung der Forscherin ein „folgenschweres Kapitel in der Geschichte der christlichen Judenfeindlichkeit“.

Prof. Grundmann forscht im Cluster-Projekt D13 „Gewalt gegen sich selbst und gegen andere im antiken Judentum“. In der Ringvorlesung „Religion und Gewalt. Erfahrungen aus drei Jahrtausenden Monotheismus“ kommen Vertreter unterschiedlicher Disziplinen wie Historiker, Germanisten, Theologen und Religionswissenschaftler zu Wort. In der nächsten Woche spricht der Kirchenhistoriker Dr. Gianmaria Zamagni zum Thema „‚Gott segne Euch!‘ Die Legitimation physischer Gewalt im spanischen Bürgerkrieg“. Der öffentliche Vortrag findet statt am Dienstag, dem 21. Juni, um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses, Domplatz 20-22. (han)