„Kritische Haltung der Kirche gegenüber Militäreinsätzen noch jung“

Ethiker untersucht evangelischen Sinneswandel „von der Kriegstheologie zur Friedensethik“

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Prof. Dr. Hans-Richard Reuter

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Dass die evangelische Kirche Militärgewalt wie Auslandseinsätze der Bundeswehr kritisch sieht, ist Experten zufolge keine Selbstverständlichkeit. Dem sei ein historisch noch relativ junger Sinneswandel vorausgegangen, sagte der Theologe und Ethiker Prof. Dr. Hans-Richard Reuter vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster. Erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe der deutsche Protestantismus jeder Sakralisierung des Krieges eine Absage erteilt. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) orientiere sich heute am Leitbild des Gerechten Friedens und gebe zivilen Konfliktlösungen klar den Vorrang, so der Wissenschaftler. Unbedingten Pazifisten werde die differenzierte Haltung der EKD-Friedensdenkschrift von 2007 freilich nicht ausreichen.

Der Vortrag „Von der ‚Kriegstheologie‘ zur Friedensethik“ beleuchtete den Wandel der Kriegswahrnehmung im deutschen Protestantismus der vergangenen einhundert Jahre. Er beschloss die Ringvorlesung des Exzellenzclusters, die sich im Sommersemester mit Erfahrungen von Religion und Gewalt aus drei Jahrtausenden Monotheismus beschäftigte.

„Der Erste Weltkrieg wurde in der evangelischen Kirche und Theologie mit patriotischem Enthusiasmus begrüßt. Die Gründe dafür waren vielfältig“, sagte Prof. Reuter. „Teils trug die Begeisterung für die eigene Nation die Züge einer Ersatzreligion, teils hofften die Akteure angesichts des als unausweichlich angesehenen Krieges, von einem erhöhten religiösen Deutungsbedarf der Bevölkerung profitieren zu können.“ Noch der Zweite Weltkrieg habe ein starkes religiöses Zustimmungspotential auf sich ziehen können. Eine Rolle habe hier auch die Ablehnung des Kommunismus gespielt.

Zugleich hätten sich, wie der Theologe darlegte, in der Zwischenkriegszeit in Deutschland protestantische Gegenbewegungen gegen den Krieg formiert. Er nannte hier Vertreter des religiösen Sozialismus und der liberalen Theologie, vor allem aber die beginnende ökumenische Bewegung.

Antworten auf die friedensethischen Herausforderungen von heute

Die jüngste EKD-Friedensdenkschrift von 2007 trägt den Titel „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“. Sie antwortet auf die friedensethischen Herausforderungen von heute laut Prof. Reuter „sehr differenziert“. „Sie setzt selbst humanitär motivierten bewaffneten Interventionen sehr enge Grenzen.“ Ohne Mandat der Vereinten Nationen solle es demnach keine militärischen Zwangsmaßnahmen geben. Als Gründe für ein Eingreifen würden ausschließlich schwerste Unrechtshandlungen akzeptiert. Kriegsvölkerrechtliche Konventionen müssten strikt beachtet werden.

Prof. Reuter vom Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften (IfES) forscht im Cluster-Projekt A7, das unter dem Titel „Die religiöse Tiefengrammatik des Sozialen“ die Rolle der Religionsgemeinschaften für die Entwicklung der europäischen Wohlfahrtsstaaten untersucht. Der Theologe ist Hauptantragsteller des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. (bhe/vvm)