Der Mendelssohn-Lessing-Mythos

Judaistin über die Freundschaft zwischen dem jüdischen und dem christlichen Aufklärer

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Prof. Dr. Regina Grundmann

Foto: han

Die Freundschaft zwischen Moses Mendelssohn und Gotthold Ephraim Lessing muss nach Ansicht der Judaistin Prof. Dr. Regina Grundmann noch zu oft dazu herhalten, das deutsch-jüdische Verhältnis in der Zeit vor 1933 zu verklären. „Die freundschaftliche Beziehung zwischen dem jüdischen Philosophen und dem christlichen Literaten gilt heute nicht selten als Beweis dafür, dass ein christlich-jüdisches Miteinander schon im 18. Jahrhundert möglich war. Tatsächlich wurde sie aber im Nachhinein in dieser Hinsicht zu einem Mythos mit Vorbildfunktion stilisiert“, sagte die Wissenschaftlerin in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Uni Münster.

Die Freundschaft zwischen Mendelssohn und Lessing sei kein christlich-jüdischer Dialog gewesen, sondern „eine Freundschaft zwischen zwei gleichgesinnten Aufklärern, die sich darin einig waren, dass Christ und Jude eher Mensch sind als Christ und Jude, wie es in Lessings Nathan der Weise heißt“, betonte Grundmann. „Daher konnten die beiden über die Konfessionsgrenzen hinaus miteinander diskutieren und literarisch und philosophisch zusammenarbeiten.“ Das Verhältnis Mendelssohns zu christlichen Theologen sei dagegen nicht spannungsfrei gewesen, sagte die Judaistin. „Während Mendelssohn in der Gelehrtenwelt als Mensch und Philosoph außergewöhnlich hoch angesehen war, wurden der Jude Mendelssohn und seine Glaubensgenossen vom Staat weiterhin diskriminiert und unterdrückt.“ Friedrich der Große habe ihm sogar die Mitgliedschaft in der Königlichen Akademie der Wissenschaften verweigert, so die Expertin.

Gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekam die Freundschaft zwischen Mendelssohn und Lessing für das deutsch-jüdische Bildungsbürgertum eine identitätsstiftende Bedeutung, nicht zuletzt, weil trotz oder wegen der neuen Gesetze zur rechtlichen Gleichstellung der Juden der Antisemitismus zunahm und sich politisch organisierte, wie die Wissenschaftlerin erläuterte. „So erhoben die liberalen jüdischen Kreise Mendelssohn zu einem populären Symbol deutsch-jüdischen Zusammenwachsens, weil sie sich – vergeblich – nach einer solchen Symbiose sehnten“, sagte Prof. Grundmann. Ausdruck dieser Sehnsucht sind nach den Worten der Expertin vor allem das Lessing-Mendelssohn-Gedenkbuch von 1879, ebenso zahlreiche Artikel in der liberalen jüdischen Presse sowie Biographien und Gemälde. „Mendelssohn wurden dabei teilweise sogar messianische Züge verliehen.“

Die Ringvorlesung „Integration religiöser Vielfalt“ des Exzellenzclusters beleuchtet im Wintersemester aktuelle Fragen ebenso wie historische Beispiele von der Antike über das vormoderne China und Indien bis zum mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa. Beteiligt sind Historiker, Soziologen, Juristen, Judaisten, Theologen, Religionswissenschaftler und Ethnologen. Kommenden Dienstag, 8. Februar, spricht Politologe Prof. Dr. Rainer Forst über „Toleranz und Integration. Lehren aus der Vergangenheit für die Gegenwart“. Die Ringvorlesung beginnt wie immer um 18.15 Uhr im Hörsaal F2 des Fürstenberghauses (Domplatz 20-22). (han/vvm)


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