Dr. Sabine Kittel


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Publikationen
Lehrveranstaltungen

  

   

 

  

Lebenslauf:

seit 2009 Wissenschaftliche Mitarbeit am Historischen Seminar der WWU mit Schwerpunkt Erinnerungskultur und Vergangenheitsrepräsentationen; Lehrbeauftragte am Institut für Soziologie der WWU; Durchführung von Werkstattprojekten im Rahmen der „Expedition Münsterland“; Forschung zum Ministerium für Staatssicherheit der DDR an westdeutschen Hochschulen
2007-2008 Forschungsassistenz (RA) an der University of Newcastle upon Tyne, U.K.: „The socialist past today. The German Democratic Republic in private, public and institutional discourses“
2004 Promotion zur Doktorin der Philosophie am Soziologischen Institut der Freien Universität Berlin (bei Prof. Dr. Theresa Wobbe und Prof. Dr. Gisela Bock)
2003-2006 Wissenschaftliche Mitarbeit in den Museen Berlin-Tempelhof und –Schöneberg. Interviews und historische Recherche zum „Nationalsozialismus und doppeltes Deutschland“, Ausstellungen
1996-2004

Wissenschaftliche Mitarbeit in zwei von der Deutsch-Israelischen Stiftung (GIF) geförderten Forschungsprojekten: „Jewish Victims and Survivors of the Women's Concentration Camp Ravensbrück during and after World War II“ an der FU Berlin, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück sowie Tel Aviv Universität

1992-1996 Wissenschaftliche Mitarbeit im Kunstamt Berlin-Schöneberg sowie Schöneberg Archiv / Dokumentationszentrum: „Orte des Erinnerns – Jüdisches Leben in Berlin-Schöneberg“
1983-1990 Studium der Soziologie, Pädagogik, Psychologie und Politologie sowie Spanisch an der Freien Universität Berlin mit dem Abschluss Diplom-Soziologin

Forschungsschwerpunkte:

  • Erinnerungskultur
  • Aufarbeitung der (DDR-)Vergangenheit
  • Public History
  • Biographieforschung
  • Oral History
  • Sozialgeschichte des Nationalsozialismus und Holocaust-Forschung
  • Gedächtnis – Erinnern – Vergessen

Forschungsprojekte:

  •  Spionage an der Universität. Wirken und Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit an westdeutschen Hochschulen (1971-1989), gefördert von Volkswagen Stiftung (2015-2018)
  • Lagerleben – Lagersterben. Das Kriegsgefangenenlager Haus Spital in Münster (im Rahmen der „Expedition zum Frieden“ 2013/2014)
  • Spionage an der Universität. Wirken und Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit an ausgewählten westdeutschen Hochschulen (mit Universität Bremen 2012/2013)
  • Der alte Eisenbahntunnel in Lengerich. KZ-Außenlager – Zufluchtsort – Denkort (gemeinsam mit der Villa ten Hompel, Münster 2012/2013)
  • Interpretationen der Vergangenheit. Eine Analyse der Erinnerung an die DDR 20 Jahre nach der Vereinigung (2010/2011)
  • Aufarbeitung der Aufarbeitung - Die DDR in Deutschland (2009/2010)

Publikationen:

Monographie:

  • „Places for the Displaced“: Biographische Bewältigungsmuster von weiblichen jüdischen Konzentrationslager-Überlebenden in den USA. Reihe Haskala, Vol. 32, Moses Mendelssohn Zentrum, Hildesheim 2006.

Buchbeiträge:

  • Gedächtnis und „Post“-Gedächtnis. „Stasi“-Erzählungen zwischen Vergessen, Verschleiern und Erinnern, in: Thomas Großbölting, Christoph Lorke (Hg.): Deutschland seit 1990. Wege in die Vereinigungsgesellschaft, Nassauer Gespräche der Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft, Stuttgart 2017, S. 97-116.
  • In der besseren Hälfte Deutschlands. Biographische Erinnerungen an soziale Gerechtigkeit und Solidarität in der DDR, in: Eva Maria Gajek, Christoph Lorke (Hg.): Soziale Ungleichheit im Visier. Wahrnehmung und Deutung von Armut und Reichtum seit 1945, Frankfurt am Main/New York 2016, S. 253-273.
  • „Oral History“ in der zeithistorischen Forschung. Möglichkeiten und Grenzen einer besonderen Methode", in: Britta Kusch-Arnhold, Kathrin Baas, Andrea Graf, Ragnar Kopka (Hg.) im Auftrag der Stadt Borken: Zeit Zeugnisse, Borkener erinnern sich an Krieg, Verlust und Neubeginn", Borken 2015, S. 38-45.
  • Jenseits von Zahlen. Überlegungen zur Staatssicherheit der DDR an Westuniversitäten, in: Deutschland Archiv, 4.7.2014, Link: http://www.bpb.de/187440.
  • zusammen mit Thomas Köhler: Der alte Eisenbahntunnel Lengerich. KZ-Außenlager – Zufluchtsort – Denkort? Neue Forschungen zur Geschichte des ehemaligen KZ-Außenlagers Lengerich, in: Julia Gottschick (Hg.): Expedition Münsterland. Eine Begegnung von Wissenschaft und Region, Münster 2013, S. 44–50.
  • Der Blick zurück zwischen Bedauern und Verdruss. Erinnerungen von Ostdeutschen an „ihre“ DDR, in: Thomas Großbölting, u.a. (Hg.): Das Ende des Kommunismus. Die Überwindung der kommunistischen Diktaturen in Europa und ihre Folgen, Essen 2010, S. 43–60.
  • Liberation – Survival – Freedom: Jewish Prisoners of Ravensbrück Concentration Camp Recall their Liberation, in: Irith Dublon Knebel (Hg.): A Holocaust Crossroads. Jewish Women and Children in Ravensbrück, Edgware 2010, S. 221–240.
  • History and Politics of the Rescue of Jewish Prisoners in the White Bus Operation by the Swedish Red Cross, in: Irith Dublon Knebel (Hg.): A Holocaust Crossroads. Jewish Women and Children in Ravensbrück, Edgware 2010, S. 241–261.
  • zusammen mit Anselma Gallinat: Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit heute. Anthropologische Überlegungen zu ostdeutschen Erfahrungen, Erinnerung und Identität, in: Thomas Großbölting (Hg.): Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand, Berlin 2009, S. 304–328.
  • Die „Aktion Weiße Busse“. Geschichte und Hintergrund der Rettung jüdischer Häftlinge durch das Schwedische Rote Kreuz, in: Irith Knebel (Hg.): Schnittpunkt des Holocaust. Jüdische Frauen und Kinder im Konzentrationslager Ravensbrück, Berlin 2009, S. 255–278.
  • Befreiung – Überleben – Freiheit. Erzählungen von der Befreiung, in: Irith Knebel (Hg.): Schnittpunkt des Holocaust. Jüdische Frauen und Kinder im Konzentrations-lager Ravensbrück, Berlin 2009, S. 279–302.
  • Women survivors and the lives they made in the USA. A biographical analysis, in: Johannes-Dieter Steinert, Inge Weber-Newth (Hg.): „Beyond Camps and Forced Labour“ – 60 years on, Second Conference Proceedings, Osnabrück 2008, S. 103–113.
  • Gedenkstätten brauchen Erinnerungen. Erzählungen jüdischer Überlebender des „Ungarn-Sondertransport von Westerbork“, in: Petra Fank, Stefan Hördler (Hg.): Der Nationalsozialismus im Spiegel des öffentlichen Gedächtnisses Berlin 2005, S. 135–154.
  • Weiterleben in der Neuen Welt. Jüdische KZ-Überlebende in den USA, in: Gisela Bock (Hg.): Genozid und Geschlecht: Jüdische Frauen im nationalsozialistischen Lagersystem, Frankfurt/M. 2005, S. 239–255.
  • Engendering Narratives and Ways of Coping: Two Jewish Survivors of Ravensbrück Talk about Their Experiences, in: Johannes-Dieter Steinert, Inge Weber-Newth (Hg.): Conference Proceedings: „Beyond Camps and Forced Labor“. Current International Research of Survivors of Nazi Persecution, Osnabrück 2005, S. 721–731.
  • Erinnerungen an die Befreiung – Jüdische Überlebende erzählen über die letzten Kriegstage, in: Jörg Hillmann, John Zimmermann (Hg.): Kriegsende 1945 in Deutschland, Beiträge zur Militärgeschichte, Vol. 55, München 2002, S. 223–238.

Rezensionen in:

  • H-Soz-Kult
  • Neue Politische Literatur
  • querelles-net
  • recensio.net

Lehrveranstaltungen:

Wintersemester 2015/16

DR. SABINE KITTEL / DR. NINA LEONHARD

Blockveranstaltung im Institut für Soziologie
Familiengedächtnis. Aspekte der sozialen Vergegenwärtigung von Vergangenheiten

Wie erinnern soziale Gruppen wie Familien und die entsprechenden Mitglieder die eigene Vergangenheit, vor allem, wenn sie als problematisch betrachtet wird? Welche Aspekte stehen im Vordergrund, was wird vergessen und welche Bedingungen und Einflussfaktoren sind hierfür relevant? Diese und ähnliche Fragen der sozialwissenschaftlichen Gedächtnisforschung sind Ausgangspunkt des Seminars. Gegenstand für die Auseinandersetzung mit Aspekten sozialer Gedächtnisse sind die NS- und DDR-Vergangenheit und der private wie auch der gesellschaftliche Umgang damit. In beiden Fällen existieren unterschiedliche, mitunter gegensätzliche Vergangenheitsrepräsentationen und, damit verbunden, Interpretationskämpfe um das ‚richtige‘ Bild der Vergangenheit. Dies wollen wir am Beispiel der Familie als eine spezifische Erinnerungsgemeinschaft genauer beleuchten.

Sommersemester 2015:

PROF. DR. THOMAS GROßBÖLTING / DR. SABINE KITTEL

082800 Oberseminar: Die Stasi 1945-2000: Herrschafts- und Repressionsinstrument in, außerhalb und nach der DDR
Di, 16-18 Uhr

Das Ministerium für Staatssicherheit regt bis heute die Fantasie vieler Menschen an: Eine „flächendeckende Präsenz“ in der DDR entsprach in diesen Vorstellungen die Unterwanderung der Bundesrepublik, in der die Stasi die Strippen gezogen habe. Die Veranstaltung macht sich zur Aufgabe, diesen teils überschäumenden Projektionen entgegen zuarbeiten und ein historisch kontextualisiertes Bild von dem Repressionsinstrument zu erarbeiten, welches konstitutiv für die SED-Diktatur war. Nach einer generellen Einführung in die Geschichte von Geheimdiensten und politischer Polizei wird es darum gehen, nicht nur das Wirken in der DDR, sondern auch die Auslandsaktivitäten bzw. die Aufarbeitung nach dem Ende der SED-Diktatur zu analysieren.

Literatur zur ersten Orientierung: Jens Gieseke, Die Stasi 1945-1990, München 2011.

Sommersemester 2014:

Dr. Petra Lütke / Dr. Sabine Kittel (WWU) mit Prof. Claudia Grönebaum / Prof. Hermann Dornhege (Fachbereich Design, Fachhochschule Münster), FH Münster Leonardo Campus 6
Praxisseminar „Expedition Münsterland – Das Kriegsgefangenenlager Haus Spital in Münster“

Während des Ersten Weltkriegs waren im Kriegsgefangenenlager Haus Spital in Münster ca. 20.000 Kriegsgefangene, vor allem aus Russland, Frankreich, Großbritannien und Italien untergebracht. Zahlreiche Fotos sowie Berichte und Archivunterlagen bezeugen die Existenz dieses Lagers, von dem heute nur wenige Spuren übrig sind. Im Praxisseminar entwickeln Studierende für diesen Ort und seine Geschichte(n) ein eigenes Projekt. Studenten und Studentinnen lernen in diesem Werkstattseminar Projektmanagement, fächerübergreifende Teamarbeit und Wissenschaftskommunikation. Ergebnis dieses Seminars wird eine Veranstaltung im Rahmen der Expedition Münsterland im Juli 2014 sein.

Dr. Sabine Kittel / Dr. Nina Leonhardt, Blockseminar im Institut für Soziologie
Die DDR in der Erinnerungslandschaft der Bundesrepublik: theoretische Konzepte und empirische Befunde

Wie erinnern politische Kollektive, soziale Gruppen (wie z.B. Familien) oder Individuen die Vergangenheit? Welche Aspekte stehen im Vordergrund, was wird vergessen, und welche Einflussfaktoren sind hierfür relevant? Wie stehen öffentliche und private Formen der Vergegenwärtigung des Vergangenen zueinander? Diese und ähnliche Fragen, die im Zentrum der sozialwissenschaftlichen Gedächtnisforschung stehen, sollen im Rahmen dieses Seminars am Beispiel der DDR-Vergangenheit diskutiert werden.

Sommersemester 2013:

Dr. Sabine Kittel / Dr. Nina Leonhard, Blockveranstaltung im Institut für Soziologie
Generation – Biographie – Gedächtnis. Konzeptionelle und empirische Befunde zur sozialen Verarbeitung historischer Erfahrung im Vergleich

In welcher Weise schlagen sich Erfahrungen im Denken und Handeln von Individuen und sozialen Gruppen nieder? Und welchen Einfluss haben die Bedingungen der Gegenwart auf die jeweiligen Repräsentationen der Vergangenheit? Diese und ähnliche Fragen wollen wir im Rahmen des Seminars anhand der Konzepte „Generation“, „Biographie“ und „Gedächtnis“ diskutieren. Sie sind auf je spezifische Weise Ausdruck der Verarbeitung und Vergegenwärtigung von Erfahrung und Zeit und beschreiben somit das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zueinander. Nach einer einführenden Auseinandersetzung mit dem theoretischen Gehalt der drei Konzepte sollen deren Reichweite und Erklärungskraft an unterschiedlichen empirischen Fallbeispielen untersucht werden.

Sommersemester 2012

Dr. Sabine Kittel / Thomas Köhler, Blockveranstaltungen ganztägig im Geschichtsort Villa ten Hompel, Kaiser-Wilhelm-Ring 28, Münster
Werkstattseminar „Jenseits von „Tarnname Rebhuhn“. Der alte Eisenbahntunnel in Lengerich: KZ-Außenlager – Zufluchtsort – Denkort?

Ein leerstehender Eisenbahntunnel in Lengerich diente in den Jahren 1944 und 1945 als Geheimlager für die Rüstungsproduktion. Die untertage-Produktionsstätte hatte den Tarnnamen „Rebhuhn“. Mehrere Hundert Zwangsarbeiter wurden vom Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg bereitgestellt, die Röhre war somit KZ-Außenlager Lengerich. Neben den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen wurden auch direkte Morde begangen: mindestens ein Dutzend Häftlinge wurden im Tunnel erhängt. Das nahe Kriegsende bewirkte die eilige Schließung von „Rebhuhn“. Der Tunnel diente in den letzten Kriegstagen der Lengericher Bevölkerung als Bombenschutzraum. Als das britische Militär am 2. April 1945 Lengerich erreichte, fand der britische Kommandeur im Tunnel, so seine Schilderung, etwa 2.000 bis 3.000 Menschen vor. Mitte der 1980er Jahre begannen historische Aktivist/innen mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und wirbelten in Lengerich viel Staub auf. Das Seminar nimmt den Tunnel als authentischen Ort von Geschichte als Ausgangspunkt für eine Reihe von Fragen, die sich hier verdichten lassen. Es geht um die historische Erforschung des Tunnels als vielschichtigen Erinnerungs- und Denkort regionaler, deutscher und europäischer Geschichte. Welche Bedeutung hatten und haben die Ereignisse für das kollektive Gedächtnis in der Region zu verschiedenen Zeitpunkten? Welche Fragen müssen heute außerdem an diesen Erinnerungs- und Denkort gestellt werden?

Dr. Sabine Kittel / Dr. Nina Leonhard, Blockveranstaltung im Institut für Soziologie
„Das Problem der Generationen“: Stärken und Schwächen des Mannheimschen Konzepts zur Erforschung sozialer Zusammenhänge

Auch wenn das Konzept der Generationen, wie es Karl Mannheim 1928 in die Soziologie einführte, gemeinhin nicht zu den ‚klassischen' soziologischen Theorieansätzen gezählt wird, ist es im Bereich der qualitativen empirischen Sozialforschung nicht ohne Grund seit mehr als zwei Jahrzehnten fest etabliert. Der Generationenbegriff zielt darauf ab, die soziale Prägung einer bestimmten sozialen Gruppe auch in geistig-mentaler Hinsicht zu erfassen. Eine Generation wird verstanden als eine Erfahrungsgemeinschaft und ihre jeweilige Zugehörigkeit gerne als Erklärungsmuster für Jugendbewegungen oder soziale Konflikte aufgegriffen. Aufgrund seiner Unschärfe sieht sich eine Verwendung dieses Erklärungsansatzes jedoch immer auch Kritik ausgesetzt: Eine präzise empirische Definition und Abgrenzung einer Generation von anderen ist schwierig, die genauen Zusammenhänge zwischen sozial-strukturellen Faktoren und mentalen Haltungen bleiben oft unterbelichtet. Im Rahmen dieses Seminars wollen wir uns daher mit den Stärken und Schwächen des Generationenbegriffs beschäftigen. Ausgehend vom Text von Karl Mannheim werden wir die Kategorie ‚Generation' mit anderen theoretischen Zugängen wie ‚Milieu', ‚Klasse' oder ‚Geschlecht' vergleichen, die ebenfalls die Wechselbeziehungen zwischen sozialer Lage und geistig-mentaler Haltung zu erklären suchen. Anhand ausgewählter Fallbeispiele soll darauf aufbauend die empirische Erklärungskraft des Generationenkonzeptes kritisch diskutiert werden.

Wintersemester 2010/2011

Prof. Dr. Thomas Großbölting /Dr. Sabine Kittel, Hauptseminar im Fürstenberghaus
Vergangenheitsaufarbeitung und -bewältigung im doppelten und im wiedervereinigten Deutschland

Wie kaum ein anderes Land hat sich Deutschland mit seiner mehrfach belasteten Vergangenheit auseinandergesetzt. Der amerikanische Soziologe Dominic Boyer spricht gar von der „deutschen Krankheit“, von der sich jeder Deutsche infiziert fühlt und die zu einer Art „Schuld-Besessenheit führt. Bei der Gründung beider deutscher Nachkriegsstaaten standen, wenngleich mit unterschiedlichen Zielrichtungen, die Lehren aus der NS-Zeit am Anfang des politischen Selbstverständnisses. Nach dem Ende der DDR übernahm man im vereinigten Deutschland das methodische Vorgehen der Vergangenheitsaufarbeitung der alten Bundesrepublik und begann nun auch die SED-Diktatur zu „bewältigen“. Sind die Deutschen tatsächlich „Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung“, wie der britische Historiker Timothy G. Ash spöttisch behauptet? Die Veranstaltung möchte moralische Implikationen des Umgangs mit der Vergangenheit, wissenschaftliche Konzepte, Methoden und konkrete Projekte der Aufarbeitung erkunden, mit denen die Deutschen zu unterschiedlichen Zeiten ihre Vergangenheit zu bewältigen versuchten.

Wintersemester 2009/2010

Prof. Dr. Thomas Großbölting /Dr. Sabine Kittel, Hauptseminar im Fürstenberghaus
Nach der Diktatur – Transitional Justice und Geschichtspolitik im internationalen Vergleich

Dass wir in der wiedervereinigten Bundesrepublik nach zwei Diktaturen auf eine alles in allem „geglückte Demokratie“ (E. Wolfrum) zurückblicken können, ist die Ausnahme von der Regel. Die Transformation diktatorischer Politikformen in eine plurale und demokratische Gesellschaft zählt zu einer der größten Herausforderungen, denen sich die Staatengemeinschaft ebenso wie die einzelnen Nationen gegenüber sehen. Die Veranstaltung will die verschiedenen Wege, die dabei gegangen wurden, verfolgen und mit dem Rüstzeug der politikwissenschaftlichen wie auch der historischen Friedens- und Konfliktforschung nach dem ‚Nutzen’ verschiedener Schritte und Prozesse dabei fragen: War der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess ein gelungenes Exempel für eine justizielle Bewältigung, das auch anderswo anzuwenden wäre? Welche Folgen zeitigten die (zum Teil wohl überschätzten) Truth and Reconciliation-Kommissionen in Südafrika? Trug das über zwanzigjährige Schweigen zu den Verbrechen des Franco-Regimes zur Konsolidierung der spanischen Republik bei – und warum funktioniert das in der jüngsten Vergangenheit nicht mehr?