DAS ZENTRUM

Modellforschung als Querschnittsforschung und Wissenstransfer

Versteht man Modellieren als Kulturtechnik, die Konzipieren mit Imaginieren, Denken mit Handeln, und Reproduzieren mit Entwerfen verknüpft, dann ist das ZENTRUM FÜR MODELLFORSCHUNG der Ort, der die diversen Modellierungspraktiken und -traditionen einer vergleichenden Analyse, aber auch der wissenschaftlichen Kritik und Wertung zugänglich macht.

Modellsein, Modellieren und Modellverstehen sind die Ausdrucksformen eines Kommunikationsverhaltens, das mit Gegenständen denken, mit Gedanken handeln und mit Möglichkeiten Fakten schaffen kann. Da Theorie mit Praxis und modaler Offenheit in der Modellbildung zusammenfällt, erzeugt die Tätigkeit des Modellierens eine Ebene des epistemischen Kalküls, die oberhalb von medientechnischen Verfahren, fachspezifischen und -kulturellen Differenzen und sogar der Unterscheidung von Natur- und Humanwissenschaften verläuft. Das Zentrum für Modellforschung schafft somit einen Raum der Analyse und Kritik, der Modellierungspraktiken gewissermaßen auf neutralem Boden sichtbar und befragbar machen kann. Es übernimmt die folgenden Aufgaben:

  • Bereitstellung modelltheoretischen Wissens für den interdisziplinären Diskurs (Wissenschaftstheorie)
  • Bereitstellung modellästhetischer Konzepte der Modelldarstellung und Modellerzählung (Modellästhetik, Wissenschaftsgeschichte)
  • Bereitstellung von Analyse-, Interpretations- und Interventionsverfahren für den interdisziplinären Transfer (Modellhermeneutik)
  • Unterstützung von modellbezogenen Lehr- und Forschungstätigkeiten (Modellberatung)
  • Entwurf und Durchführung von Initialkonzepten trans- und interdisziplinärer Modellprojekte (Modellforschung)
  • Unterstützung und Initiierung modellforschungsbezogener Events und Publikationen (Modellkommunikation)
© ZfM

Der Gegenstand: Kulturtechnik ›Modell‹

Modell und Modellierung sind Begriffe eines Theoriedesigns, das im natur- und technikwissenschaftlichen Bereich Prozesse der Entwicklung und Erprobung beschreibt. Sie sind stets dort zu finden, wo Ideen praktisch werden, Vorgestelltes dargestellt und Mögliches in Wirkliches verwandelt werden soll. Modelle sind hier gleichsam als Ersatzobjekte tätig, die anstelle eines unzugänglichen beziehungsweise erst noch zu erzeugenden Systems die Abbildung und Steuerung desselben möglich machen – oftmals im Verfahren der Simulation. Sie stehen dabei wie schon ihre Vorläufer in Kunst und Handwerk in der Spannung zwischen einem vorgegebenen Objektbezug (Funktion als ›Abbild von‹) und ihrem Auftrag, festzulegen, wie sich das erwünschte Zielsystem verhalten soll (Funktion als ›Vorbild für‹). Im Modellieren mischen sich reproduktive mit heuristischen, pragmatische mit ideellen und beschreibende mit normativen Fertigkeiten, Mimesis mit Poiesis und Episteme mit Techne und Phronesis. Modellsein ist zugleich die Folge einer Zuschreibung: Objekte (materielle ebenso wie ideelle) können zu Modellen werden, wenn sie eine modellierende Instanz als solche auffasst, also zu Modellen eines Zielsystems erklärt. Im Mittelpunkt steht dabei die Modellannahme, dass ein zum Modell erhobenes Objekt zentrale Eigenschaften eines Zielsystems mit diesem teilt, den sog. Cargo (Modellfähigkeit des Objekts). Der Einfluss der Modelle steigt, je unzugänglicher, komplexer und prekärer sich ihr Anwendungsbereich gestaltet, denn Modelle reduzieren die systeminterne Ausgangs- oder Zielkomplexität. Modelle machen Unsichtbares sichtbar, Ungreifbares greifbar und Gedachtes darstellbar. Sie werden dabei freilich selbst komplexer, bilden Serien oder Hierarchien aus (Modellarchitekturen), unterliegen anderen (gesellschaftlichen, ökonomischen, ästhetischen) Voraussetzungen (der ›Modellsituation‹) und weisen Eigenschaften auf, die für ihr Anwendungsprofil zunächst nicht relevant erscheinen (ihre ›Eigensinnigkeit‹). So werden sie zum Gegenstand der Forschung.

Die Dringlichkeit: Modellverstehen als Auftrag und interdisziplinäres Konzept

War Modellbildung bislang ein in der Öffentlichkeit wenig sichtbares Problem der Wissenschaft, so ist das Phänomen seit kurzem überraschend populär geworden. Wo sich wie beim Energiewendeproblem und in der Pandemie komplexe Datenlagen weder experimentell beglaubigen noch mit prognostischem Kalkül verschieben oder als Konsens der Wissenschaft vertreten lassen, werden die Modelle selbst zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Da es zum Wesen des Modells gehört, stets vorläufig zu sein, erscheint der Wettbewerb der öffentlich verhandelten Modelle oftmals als Problem der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit. Büßt das Modell dagegen seine Potenzialität, ›Befragbarkeit‹ und Revisionsbereitschaft ein, wird es zum Fetisch und hört auf, Modell im wissenschaftlichen Sinne zu sein. Der wissenschaftliche Modellbegriff verliert dann seine Offenheit zugunsten seiner normativen Seite, die auch die modellästhetischen Aspekte ihrem Primat unterstellt. Hier zeigt sich außerdem, wie sehr die Frage, was Modelle sind, von der Funktion und Kommunikation des faktischen Modellgeschehens (oder der Verschleierung desselben) abhängig ist. Auch deshalb ist Modellverstehen ein zentraler Auftrag der Modellforschung über Fächergrenzen hinweg.

Administration

Prof. Dr. Robert Matthias Erdbeer (Direktor)
erdbeer@uni-muenster.de

Prof. Dr. Klaus Stierstorfer (Direktor)
stierstorfer@uni-muenster.de