EXC 2060 C3-7 - Gelebter Unglaube in der Stadt. Freidenker, Atheisten und Blasphemiker in London, 1700-1850

Projektzeitraum
-
Projektstatus
Laufend
Mittelgeber
DFG - Exzellenzcluster
Förderkennzeichen
EXC 2060/1
Mittelart
Drittmittel
  • Beschreibung

    Das Projekt wirft einen neuartigen Blick auf die heterodoxen Kulturen Londons im 18. und 19. Jahrhundert. In den Blick geraten nicht nur publizistische und andere Invektiven gegen die Offenbarungsreligion durch Deisten und Freidenker, sondern auch soziale Praxen ohne explizite Artikulationsabsichten, eben ‚gelebter Unglauben‘, z.B. durch den Besuch von Sozietäten oder durch alternative Formen der Freizeitgestaltung. Wie wurden solchen Kritikpraxen beobachtet: von Kirchenvertretern, Politik, religionsaffinen Meinungsmachern aber auch von subalternen Akteuren, die vom „Church-and-King-Mob“ bis zur Heilsarmee reichen konnten. Wie lernte ‚Kirche‘ (= sehr unterschiedliche Verfechter des Offenbarungsglaubens) aus dieser Kritik, wie positionierte man sich angesichts der freidenkerischen Invektiven? Wie stellte sich Religionskritik und Religionsapologie in der Praxis dar, in Sozietäten und Clubs, Zunfthäusern, Kaffeehäusern und Tavernen, im Theater, bei Gerichtsprozesse, in Gefängnisse, im Kleingewerbe, in Kirchen, Kapellen und der Publizistik? Welche Veränderungen zeigten sich dabei zwischen dem 18. und dem 19. Jhd., und mit welchen Prozessbegriffen lässt sich dieser Wandel zu beschreiben? Anstelle eines personalisierenden Zugangs, der in der bisherigen Forschung dominierte, verstehe ich religiöse Heterodoxie als ein Phänomen und als Folge des urbanen Medien- und Kommunikationsgefüges. London stand dafür paradigmatisch, aber nicht singulär. Vergleichbare Praxisformationen etablierten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts nicht nur in den britischen Gewerbestädten, sondern auch in anderen Städten der anglo-amerikanischen Welt. Das stärkt allerdings nur die dem Projekt zugrundeliegende These vom spezifischen Zusammenhang von frühmoderner Urbanität und religiösem Wandel. London (und andere Städte) ermöglichten das ‚Leben‘ von Unglauben, der damit, allen Widerständen zum Trotz, als soziale Praxis allmählich normalisiert wurde - ohne ‚Religion‘zu verdrängen.
  • Personen

    Priv.-Doz. Dr. André Johannes Krischer

    Exzellenzcluster "Religion und Politik"
    Johannisstr. 1-4 Raum 316, Fürstenberghaus, 3. Stock
    48143 Münster
    Tel: +492518328320
    krischer@uni-muenster.de