EXC 2060 A3-15 - Ulster, Babel und Troja. Politisch-religiöse Dynamiken und kulturelle Hybridisierung im mittelalterlichen Irland

Projektzeitraum
-
Projektstatus
Laufend
Mittelgeber
DFG - Exzellenzcluster
Förderkennzeichen
EXC 2060/1
Mittelart
Drittmittel
  • Beschreibung

    Wenn man den Versuch macht, die kulturellen Eigenheiten zu definieren, welche das mittelalterliche Irland von anderen Regionen Europas unterscheiden, so lassen sich höchst spezifische Formen kultureller Hybridbildungen benennen, die das Resultat einer produktiven Aneignung verschiedener Traditionen unter bestimmten politischen Rahmenbedingungen sind. Die Herrscher der miteinander konkurrierenden irischen Kleinkönigreiche (tuatha) legitimierten sich weder durch eine besondere Beziehung zum Papsttum, noch führten sie ihre Ursprünge, wie die Franken, auf die Trojaner zurück. Die wesentliche Autorisierungspraxis dieser Könige bestand in ihrer genealogischen Rückführung auf kanonisierte Ahnherren der gälischen Tradition, die in vorchristlicher Zeit nach Irland eingewandert seien. Diese spezifische Funktion paganer Überlieferung als Legitimationsressource in der politischen Praxis brachte im mittelalterlichen Irland eine eigensinnige Geschichtskultur hervor, in der christliche und nicht-christliche Traditionen in ein Verhältnis kreativer Wechselwirkungen traten. Denn freilich war es für die irischen Kleriker, die mit der Konstruktion entsprechender Genealogien befasst waren, nicht damit getan, eine selbstreferentielle ‚nationale‘ Geschichte zu reproduzieren; die Überlieferung der Gälen mussten ihren Platz in der Weltgeschichte haben, woraus sich die Notwendigkeit ergab, die gälische Geschichte mit der biblischen oder der römischen zu korrelieren. Der kanonische Text, der die Frühgeschichte der Gälen erzählt, der Leabhar Gabhála Érenn („Buch der Einnahme Irlands"), erscheint etwa als Zeugnis einschlägiger kultureller Verflechtungen, die auf einer speziellen Dynamik von Tradition und Innovation in Religion und Politik beruhen.
    Die eigene Form kultureller ‚Diversität‘ in Irland, verbunden mit etablierten Praktiken der Disambiguierung, lieferte einen Kontext, der weiteren Hybridbildungen förderlich war. Die Kontinuität vorchristlicher Traditionen, die wegen ihrer politischen Funktion in den Klöstern verschriftet und reproduziert wurden, prägte die irische Geschichtskultur auch dort, wo andere Texte der ‚Weltgeschichte‘ adaptiert wurden. Irische Adaptionen lateinischer Texte kontinentaler Provenienz sind oft mit kulturellen Kategorien und Konzepten angereichert, die in den lateinischen Vorlagen keine Entsprechung haben. Abgesehen von den christlichen Elementen, die in die Texte Eingang finden, begegnen wiederholt Institutionen, Praktiken und Werte, die aus den irischsprachigen Prosanarrativen oder den Rechtstexten bekannt sind und als Interpretamente eines kulturspezifischen Deutungshorizonts erkennbar werden. Eine Lektüre der Quellen unter dieser Perspektive lässt vermuten, dass derartige kulturelle Kategorien in sehr verschiedenen Textgattungen dazu dienen konnten, entsprechende Adaptations- und Transferprozesse zu bewerkstelligen, als deren Resultat ‚hybride‘ Formen entstanden.
    Das Projekt möchte derartige Verflechtungsprozesse im früh- und hochmittelalterlichen Irland, insbesondere in der speziellen und mit sehr verschiedenartigen, lateinischen und volkssprachigen Texten verbundenen irischen Geschichtskultur untersuchen. Die Geschichtsschreibung in Irland ist in besonderem Maße geeignet, kulturelle Hybridisierungen aufzuzeigen, die mit der spezifischen Dialektik von politischen Strategien und religiösen Formationen zusammenhängen. Ziel ist es, auf dieser Grundlage die eigensinnige Interdependenz von Religion und Politik im mittelalterlichen Irland herauszuarbeiten. Indem dabei der Fokus auf Verflechtungs- und Hybridisierungsprozesse gelegt wird, können ältere Debatten um die kulturelle Eigenheit Irlands in ein neues Licht gerückt werden.
  • Personen