Die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee. Ein Ereignis mit historischen Parallelen.

Von Katrin Kogman-Appel und Franziska Kleybolte

Die Kathedrale von Córdoba. 1236 eroberte Ferdinand III. von Kastilien die Stadt, ehemals das politische und geistige Zentrum von al-Andalus, und kurz danach wurde aus der ‚Großen Moschee‘ eine Kathedrale, heute oft als ‚Mezquita-Catedral‘ benannt und immer noch als Kirche im Gebrauch.
© Timor Espallargas (cc-by-sa-2.5)

Recep Erdoğans Erklärung vom 10. Juli 2020, die Hagia Sophia in Istanbul wieder in eine Moschee zu verwandeln, ist ein Akt gravierender politischer und diplomatischer Tragweite. Bei der Übernahme, Weiterverwendung und Umwandlung von religiös und politisch aufgeladenem Raum, handelt es sich interessanterweise keineswegs um einen Einzelfall – weder innerhalb der Türkei noch in der longue durée betrachtet: So wurde 2011 im türkischen Iznik ein Museum – ehemals eine Moschee ¬– wieder in eine solche umgewandelt; gleiches wurde 2013 für das türkische Trabzon überlegt; und auch in der Geschichte ist es seit der Antike ein Phänomen, welches sich über Epochen, Religionen und Regionen hinweg immer wieder finden lässt. Vorgeschichte und Kontext solcher Umwandlungen sind dabei stets Veränderungen der Machtverhältnisse und der Wunsch, diese deutlich sichtbar zu machen.

Am Exzellenzcluster “Religion und Politik. Dynamiken von Tradition und Innovation” an der Universität Münster untersucht das Forschungsprojekt Gebäude wechseln ihre Identität. Iberien 709–1611 aus Sicht des Faches Jüdischen Studien solche Prozesse für die Zeit des Mittelalters auf der Iberischen Halbinsel und im überregionalen und religionsübergreifenden Vergleich. Zuvor hat das Projekt Spätantike Heiligtumszerstörungen die Zerstörung von Synagogen in der Antike erforscht. Ein Beispiel: In römischer Zeit entstand auf dem Berg Garizim in Norden Palästinas, am Ort des früheren Zentralheiligtums der jüdischen Sekte der Samaritaner, ein Zeustempel. Im Jahr 484 n. Chr. dann ließ Kaiser Zenon, nach der Niederwerfung einer blutigen Revolte der Samaritaner, auf dem Gipfel in triumphalistischer Demonstration eine Marienkirche errichten. Schon früher hatte mit der Einführung des Christentums als Staatsreligion unter Kaiser Theodosius I. (389–395) eine verhängnisvolle Entwicklung eingesetzt, bei der fanatische Christen – Mönche wie Bischöfe – Synagogen widerrechtlich gestürmt und in Kirchen umgewandelt und geweiht hatten. In einzelnen Fällen lassen sich die Umwandlung und funktionale Umnutzung der Sakralbauten noch im archäologischen Befund nachvollziehen.

Ein Schwerpunkt des Forschungsprojektes „Gebäude wechseln ihre Identität“, das vom Institut für Jüdische Studien betreut wird, liegt auf Umwandlungen von Synagogen in Kirchen während des Mittelalters. Wenngleich der Kontext auf religiöser, politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene für jeden einzelnen Fall von Umwandlung eines sakralen Raumes eigens analysiert und bedacht werden muss, um präzise Aussagen über den jeweiligen Fall zu treffen, so lassen sich doch auch viele Parallelen feststellen, die es rechtfertigen, allgemeine Eigenschaften dieses Phänomens zu benennen.

Abbildungen

Abb. 2: Fresko im Ostteil der Synagoge Ibn Shohan in Toledo, das nach der Umwandlung der Synagoge in eine Kirche angebracht wurde. Die Kapitäle und Bögen im Vordergrund gehören zur ursprünglichen Ausstattung des Gebäudes
© Katrin Kogman-Appel
  • Abb. 1: Im Vordergrund die Marienkapelle zu Würzburg, aufgenommen von der Festung Marienburg. Nachdem die Synagoge 1349 abgerissen bzw. in Brand gesteckt und zunächst eine Holzkapelle an gleicher Stelle errichtet worden war, wurde 1377 diese steinerne Kapelle errichtet. Würzburg ist ein weiteres Beispiel für die Weihung eines Gotteshauses auf den Trümmern der ehemaligen Synagoge, welches der christlichen Gottesmutter Maria geweiht wurde. Die Bedeutung, welche dieser Kapelle zukam, lässt sich in dieser Abbildung bereits mittels ihrer Ausmaße und ihrer Dominanz im Stadtbild erkennen.
    © Franziska Kleybolte
  • Abb. 3: Fresko im Ostteil der Synagoge Ibn Shohan in Toledo, das nach der Umwandlung der Synagoge in eine Kirche angebracht wurde. Die Kapitäle und Bögen im Vordergrund gehören zur ursprünglichen Ausstattung des Gebäudes
    © Kogman-Appel

Nicht nur die Machtergreifung und deren politische Tragweite spielen bei der Interpretation dieser Umwandlungen eine Rolle. So geht es in der Untersuchung betroffener Gebäude auch um die Frage, wie eine Gruppe im Zuge einer solchen Appropriation mit den rituellen Räumen einer anderen Gruppe und deren visueller Sprache umgeht. Es kam zu unterschiedlichen Rezeptions- und Adaptionsprozessen, wobei netzartige Verflechtungen zu beobachten sind. Die Architektur einerseits und die Bildsprache andererseits haben ein besonders großes Potential, Identität auszudrücken, und beide wurden in vielen Kontexten in diesem Sinne genutzt. Gebäudeumwidmungen zwangen die neuen Benutzer oft, mit dieser Identität umzugehen bzw. die Bildsprache eines betroffenen Gebäudes umzudeuten. Genauso waren die Eroberten – so sie noch weiter an dem Ort lebten – diesen Umnutzungen und der Bildersprache ausgesetzt, welche ihnen häufig ihre Niederlage nur zu deutlich vor Augen führte. Die Bedeutung, die diesen Kirchen auf ehemals jüdischem Grund zukam, zeigt sich beispielsweise daran, dass sie oft zwar nur den Status einer Kapelle innehatten, architektonisch aber deutlich aufwendiger gestaltet waren und das Stadtbild weitaus mehr dominierten als die meisten Pfarrkirchen selbst (Abbildung 1). In der deutlich sichtbaren Verwendung von synagogalem Baumaterial in diesen Gotteshäusern bzw. der Aufstellung von Kunstwerken, welche etwa antijüdische Ideen oder die Unterdrückung des Judentums darstellen, lassen sich die Motivationen und Botschaften der Gebäude für Christen wie Juden deutlich erkennen.

Zumeist ereigneten sich solche Appropriationen als unmittelbare Folge von Umsiedlung, Zwangstaufen, Vertreibung, Verfolgung oder Auslöschung religiöser Minderheiten. Diese Umwandlungen sind, wie erwähnt, als politische Akte der Machtübernahme zu verstehen und drücken, im Falle der am Exzellenzcluster untersuchten Fälle, den Triumph der Kirche über das Judentum aus. Aber auch wirtschaftliche Motive spielten eine Rolle, denn meist verlor die jüdische Gemeinde mit der Synagoge auch den gesamten öffentlichen und privaten Besitz. Da das Jüdische Viertel oder die Judengasse häufig in Zentrumsnähe lag, war ihr Ansiedlungsort ein Objekt von Begehrlichkeiten und so kam es nach den Enteignungen häufig rasch zum Verkauf der so zentral gelegenen Häuser oder auch zur Umgestaltung in einen Marktplatz. Für die jüdischen Gemeinden, welche überlebt hatten oder neu angesiedelt wurden, bedeutete dies häufig die Verlegung in einen anderen, weniger zentralen oder sicheren und damit weniger attraktiven Teil der Stadt. So wirkten (und wirken auch heute noch) solche Umwandlungen auf das Stadtbild und änderten die urbane Dynamik.

Wissen wir auch nichts Konkretes über Umweihungsrituale, so zeugen die Namen, die zahlreiche in Kirchen umgewidmete Synagogen erhielten, davon, dass man die Umwandlung als Reinigung verstand. Viele wurden Maria geweiht, deren Unbeflecktheit Sinnbild der christlichen Reinheit und Unschuld ist (die Liebfrauenkirche in Nürnberg, Zu unserer Schönen Maria in Regensburg oder ‘Santa Maria la Blanca’, ‘die Weiße’ (und damit „Reine“) in Burgos, Sevilla, Toledo und andernorts in Spanien). Für Rothenburg o.d.T. sind sogar Anzeichen eines Exorzismusversuches zu vermuten, wenn bei der Umwandlung 1519 nicht nur darauf geachtet wurde, dass sich keine sterblichen Überreste eines Juden mehr an dem Ort befinden, sondern auch die Tünche innen wie außen von der Wand abgeschlagen und diese dann neu gestrichen wurde, damit alles ‘Jüdische’ aus den Mauern vertrieben sei. Ein ähnlicher Schritt des Übertünchens findet sich bei der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee nach der Osmanischen Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453: Auch sie wurde gewissermaßen ‚gereinigt‘, indem die byzantinischen Mosaiken weiß übertüncht wurden, um der qur’anischen Zurückhaltung Bildern gegenüber im religiösen Kontext gerecht zu werden.

Welche Relevanzen und Dynamiken der Streit um sakralen Raum und seine mittelalterliche Umfunktionierung bis heute und auch religions- und regionenübergreifend haben kann, zeigt sich nicht nur am Beispiel der Hagia Sophia, sondern auch auf der Iberischen Halbinsel: 2013 wandte sich die Föderation Jüdischer Gemeinden in Spanien an die Katholische Kirche und beantragte, die Ibn Shoshan Synagoge in Toledo, die zwar nicht als Kirche genutzt wird, aber im Besitz der Katholischen Kirche ist (Abbildung 2), wieder in eine Synagoge umzuwandeln. Dem Antrag wurde bis dato nicht stattgegeben. Ein weiteres Beispiel findet sich in Córdoba: 1236 eroberte Ferdinand III. von Kastilien die Stadt, ehemals das politische und geistige Zentrum von al-Andalus, und kurz danach wurde aus der ‚Großen Moschee‘ die Kathedrale von Córdoba, heute oft als ‚Mezquita-Catedral‘ benannt und immer noch als Kirche im Gebrauch (Abbildung 3). 2004 machten in Spanien lebende Muslime geltend, dass es ein Zeichen der Toleranz und des Dialogs wäre, ließe die Katholische Kirche wieder muslimische Gebete in der Mezquita-Catedral zu. 2006 wurde dies vom Vatikan abgelehnt. Zu einem Handgemenge kam es 2010, als zwei Muslime sich anschickten, während der Osterwoche in der mit Touristen dicht gefüllten Mezquita zu beten; ihre Weigerung, das Gebet zu beenden, führte zum Eingreifen der Polizei. Diese Beispiele demonstrieren die Relevanz und Dynamiken von interreligiösen Kontroversen zu sakralem Raum bis zum heutigen Tage, selbst wenn die Enteignungen im Mittelalter stattfanden.