Noten neu lesen

Mit den WWU-Dirigentinnen auf Entdeckungsreise im Reich der Musik

Das Semester hat gerade erst begonnen und doch beschäftigt sich manch eine bereits mit dem Ende, denn dann stehen die Abschlusskonzerte der WWU-Ensembles an. Ein Semester haben die Musikerinnen Zeit, um sich auf die Konzerte vorzubereiten und zu proben. Doch dazu braucht es erst einmal Stücke, die es einzustudieren gilt. Und die kommen nicht von ungefähr. Jedes Semester gestalten die Dirigentinnen und Musikerinnen neue Programme und testen dabei ihre Grenzen der Interpretation. 

Wie wählen Musikerinnen ihre Stücke aus? Woraus entwickeln sich neue Ansätze? Welche Grenzen setzen ihnen die Komponistinnen? Katharina Scheerer sprach mit sechs Dirigentinnen der großen WWU-Ensembles. Bastian Heymel, Ellen Beinert, Jürgen Tiedemann, Reinhold Haspel, Cornelius During und Ansgar Elsner gaben Einblicke in ihre Arbeit. 


Vergangenes Jahr gewann das Junge Sinfonieorchester unter Leitung von Bastian Heymel den Studierendenpreis der WWU für außergewöhnliches studentisches Engagement. Neben Heymels Tätigkeit als Dirigent arbeitet er außerdem als Lehrbeauftragter an der Musikhochschule.

Wie wählen Sie die Stücke für Ihr Ensemble aus? Können sich die Musikerinnen einbringen?

Aus den Vorschlägen der Mitglieder erstelle ich zwei Programme, aus denen das ganze Orchester dann per Abstimmung das endgültige Programm auswählt. Kriterien wie Spielbarkeit und Besetzungsgröße des Stückes spielen dabei eine wichtige Rolle. Außerdem achten wir darauf, dass die Stücke einem roten Faden folgen.

Wie erarbeiten Sie Neues in einem altbekannten Stück?


Jedes Meisterwerk, egal wie oft gespielt, bietet unzählige Facetten für die Darstellung. Als Dirigent habe ich die Aufgabe, das „Altbekannte“ zu hinterfragen und das Werk anhand des Notentextes und vor dem historischen Kontext zu entschlüsseln und für die heutige Zeit zugänglich zu machen. Eine Beethoven-Sinfonie wird niemals als „altbekannt“ empfunden werden, wenn ihre spezifischen Merkmale wie Radikalität und Aufsässigkeit herausgearbeitet werden und den revolutionären Komponisten als einen Visionär zeigen, der bis heute nichts an Aktualität verloren hat.

Wie viel kreativer Spielraum besteht bei der Interpretation eines Stückes?

Natürlich gibt der Komponist einen Rahmen vor, dem sich jeder seriöse Musiker verpflichtet fühlt. Die Struktur der Musik bleibt grundsätzlich unangetastet und sollte in jeder Aufführung sichtbar werden. Allerdings ist Musik auch abhängig von der Aufführungs-
situation, wie dem Konzertsaal, der Stimmung der Musiker, der Atmosphäre im Publikum. Hier muss der Dirigent eine Balance zwischen dem Notentext und den äußeren Bedingungen schaffen, indem er die musikalischen Parameter wie Tempo, Dynamik und Artikulation der Akustik und Atmosphäre des jeweiligen Saals anpasst.

Empfinden Sie die Grenzen der Interpretation als Einschränkung?

Es ist eine spannende Herausforderung, sich innerhalb dieser Grenzen zu bewegen und zu erspüren, wo ich sie vielleicht ein bisschen verschieben kann. So beleuchtet man ein Werk von einer neuen Seite und ahnt, wo die Grenzen vielleicht zu durchlässig sind und damit die Architektur der Komposition gefährden könnten. In diesem Spannungsfeld muss der Dirigent sein Handeln fein justieren, er ist zugleich Bewahrer wie Entdecker. Und das ist ein künstlerischer Auftrag, wie er schöner nicht sein könnte.


Mit den Chören der Evangelischen Universitätskirche bringt Ellen Beinert regelmäßig das klassische Repertoire der Kirchenmusik zu Gehör und hat sich so eine treue Zuhörerschaft erarbeitet.

Wie wählen Sie die Stücke für Ihr Ensemble aus? Können sich die Musikerinnen einbringen?

Ich habe oft tolle Ideen von den Studierenden bekommen, auch für Stücke, auf die ich sonst nicht gekommen wäre. Ich möchte aber auch, dass die Studierenden einen kleinen Gang durch die Musikgeschichte machen. Jemand, der vier Semester dabei ist, soll verschiedene Stücke, möglichst aus verschiedenen Epochen singen. Außerdem muss ich das Publikum berücksichtigen. Und das hört bestimmte Stücke gerne immer wieder. Es hat das Vertraute lieber als das Unbekannte.

Wie erarbeiten Sie Neues in einem altbekannten Stück?

Egal wie alt das Stück ist, wenn ich mich zum ersten Mal damit beschäftige, ist es für mich neu. Das heißt, dass ich versuche herauszufinden, was genau im Notentext steht, und daraus meine Interpretation abzuleiten. Man befindet sich dabei immer auf Wahrheitssuche. Schließlich will man so gut wie möglich nachvollziehen, was der Komponist intendiert hat. Dann gilt es, seinen eigenen Weg zu finden und ihn auch vor anderen Musikern zu vertreten und zu verteidigen.

Wie viel kreativer Spielraum besteht bei der Interpretation eines Stückes?

In der Kantorei sind wir meist in der Klassik. Das heißt, dass der Notentext maßgeblich ist. In den modernen Stücken machen die Komponisten oft konkrete Angaben beispielsweise zum Tempo, indem sie die Metronomzahl vorgeben. Für die klassischen Zeitgenossen waren diese Dinge klar, sodass die Komponisten Parameter wie Tempo, Artikulation und Lautstärke nicht notierten. Deshalb fragen wir uns heute, wie die Notation gemeint ist und wie man sie am besten umsetzt. Ich denke, dass wir heute viele Freiheiten haben.

Empfinden Sie die Grenzen der Interpretation als Einschränkung?


Die Grenzen werden mir durch den Komponisten gegeben und ich empfinde es als Abenteuer und Geschenk, dass ich in die kreative Welt des anderen eintauchen kann. Wenn ich verstehe, warum der Komponist bestimmte Dinge genau so hat zusammentreffen lassen, dann empfinde ich das als tolle Erkenntnis – und da muss ich nicht origineller sein als Bach oder andere große Komponisten. 


Als langjähriger erster Geiger des Städtischen Sinfonieorchesters Münster verfügt Jürgen Tiedemann über einen reichen musikalischen Erfahrungsschatz. Von seiner ruhelosen Leidenschaft profitiert heute das collegium musicum instrumentale, das älteste Musikensemble der WWU.

Wie wählen Sie die Stücke für Ihr Ensemble aus? Können sich die Musikerinnen einbringen?

Wir orientieren uns an Stücken, die das Orchester gerne spielt und die es vom Schwierigkeitsgrad auch umsetzen kann. Gleichzeitig muss das Stück so anspruchsvoll sein, dass es sich lohnt, sich ein ganzes Semester damit zu beschäftigen. Wichtig ist natürlich auch die Frage, ob sich das Publikum dafür interessiert.

Wie erarbeiten Sie Neues in einem altbekannten Stück?


Bei altbekannten Stücken sprechen wir normalerweise von Werken, die dem Barock, der Klassik oder der Romantik zugeschrieben werden. Damals waren das Instrumentarium und die Hörgewohnheiten der Leute noch ganz andere als heute. Wir hätten zwar die Möglichkeit, die Musik so zu rekonstruieren, wie sie damals gespielt wurde, es würde aber nicht zu unseren heutigen Hörgewohnheiten passen. Man muss sich der Musik also immer wieder auf’s Neue nähern und nach dem suchen, was sie im Wesentlichen ausmacht.

Wie viel kreativer Spielraum besteht bei der Interpretation eines Stückes?


Man muss entscheiden, wie weit man sich an Vorbildern orientiert und wie weit man sich davon befreien kann. Es geht darum, den Notentext genau zu studieren, denn auch Noten sind keine exakte Möglichkeit Musik fest zu halten, so wie auch Text nur Teile der Sprache wiedergibt. Wenn man ein Drama aufführt, müssen der Regisseur und die Schauspieler auch zwischen den Zeilen lesen.

Empfinden Sie die Grenzen der Interpretation als Einschränkung?

Die Frage ist: Wo sind die Grenzen der Interpretation? Das Entscheidende ist das, was im Notentext niedergeschrieben ist. Und das sehe ich nicht als Grenze, sondern als Aufforderung, das möglichst genau zu tun. Feste Regeln hat es in der Musik selten gegeben. Es geht darum, die Musik zu verstehen und die Symbolhaftigkeit umzusetzen. Die Sünden gibt es meiner Meinung nach nicht in der Interpretation, sondern im Gebrauch. Wenn Mozart im Supermarkt läuft, dann wird sich an dem Stück versündigt.


Das von Reinhold Haspel geleitete collegium musicum vocale besteht aus drei Chören mit unterschiedlichem Profil. Entsprechend breit ist das Repertoire, das Haspel mit seinen Chören in Angriff nimmt.

Wie wählen Sie die Stücke für Ihr Ensemble aus? Können sich die Musikerinnen einbringen?


Ich führe einmal im Jahr eine Umfrage unter den Mitgliedern der Chöre durch. Wichtig ist aber auch, dass die Stücke zur Zeit passen. „A child of our time“ von Michael Tippett passte dieses Jahr thematisch, da vor 80 Jahren die Reichspogromnacht stattfand. Generell spielt die besetzungsabhängige Machbarkeit eine Rolle. Außerdem versuche ich eine stilistische oder epochenbezogene Festlegung zu vermeiden, damit jemand, der vier bis fünf Semester im Chor singt, auch verschiedene Richtungen mitbekommt.

Wie erarbeiten Sie Neues in einem altbekannten Stück?


Altbekannt würde für mich heißen, dass ich das Stück bereits in- und auswendig kenne. Ich habe aber eher selten Wiederholungen in meinem Repertoire. Brahms Requiem habe ich allerdings 2004 und dann 2017 erneut aufgeführt. In den 13 Jahren dazwischen habe ich mich natürlich persönlich verändert und die Inhalte des Stückes dann mit gebührendem Abstand neu betrachtet. Ich habe mir einen komplett neuen Notensatz gekauft und mich auf‘s Neue mit dem Stück auseinandergesetzt.

Wie viel kreativer Spielraum besteht bei der Interpretation eines Stückes?


In der Renaissance und im Barock standen in der Partitur eher wenige kompositorische Vorgaben. Bei jüngeren Stücken gibt es teilweise deutlich differenziertere Interpretationsvorgaben. Doch auch da stellt sich die Frage: Was heißt es, wenn ein Komponist „mit Nachdruck“ in die Partitur schreibt? Heißt es, dass ich klang-lich lauter singen soll, dass ich schneller oder langsamer singen soll? Spielräume gibt es da zuhauf.

Empfinden Sie die Grenzen der Interpretation als Einschränkung?


Für mich bedeuten die epochen- oder werkbezogenen Grenzen keine Einschränkung. Ich denke, dass lebendiges Musizieren in jedem Rahmen möglich ist. Die Grenzen der Interpretation ergeben sich auch aus den Fähigkeiten der Chöre. Wie weit kann eine Interpretation bei dem vorhandenen Stimmpotenzial überhaupt im Detail differenziert werden?


Cornelius During leitet seit 2012 das Studentenorchester der WWU. Der gemeinsame Auftritt mit einer Heavy Metal Band im vergangenen Sommer zeigt: Crossover ist für ihn kein Fremdwort.

Wie wählen Sie die Stücke für Ihr Ensemble aus? Können sich die Musikerinnen einbringen?

Es gibt eine Programmkommission, an der jeder aus dem Orchester teilnehmen und Vorschläge einbringen kann. Grundsätzlich ist jeder Vorschlag gleichberechtigt, aber auf die Argumente von Konzertmeisterin und Dirigent wird immer etwas mehr gehört.

Wie erarbeiten Sie Neues in einem altbekannten Stück?

Wir haben dieses Jahr ein Stück dabei, das wir vor zwei Jahren schon einmal aufgeführt haben. Wenn man sich wieder damit beschäftigt, kommen immer neue Ideen aus dem Orchester oder von mir. Manchmal, weil man etwas Neues in den Noten entdeckt, das man vorher noch nicht so wichtig fand, oder es entwickelt sich in der Probe etwas Tolles aus dem Moment heraus, das man dann absichtlich beibehält.

Wie viel kreativer Spielraum besteht bei der Interpretation eines Stückes?


Man muss sich erstmal klar werden, was Interpretation überhaupt heißt. Nach Leonard Bernstein ist Interpretation weder das, was der Komponist gewollt hat, noch das was der Interpret will, sondern das dazwischen. Also das, was der Interpret denkt, was der Komponist gemeint hat. Konkret: Wo lässt der Komponist Freiräume und fordert dadurch eine Entscheidung vom Interpreten? Händel hat zum Beispiel die Bindebögen in vielen Stücken weggelassen, da müssen wir dann entscheiden, welche Note wir einzeln spielen und welche wir binden – natürlich innerhalb der Regeln der Epoche.

Empfinden Sie die Grenzen der Interpretation als Einschränkung?


Nein, immer als Herausforderung mit dem Wunsch, mehr zu lernen. Ich will ja dem nahekommen, was der Komponist gewollt hat. Dieses Semester haben wir eine Uraufführung, das heißt ich kann mit der Komponistin sprechen und das Stück diskutieren. Es ist sehr interessant zu sehen, was ich aus den Noten lese und was sie reinschreibt. Sie hat mir vorher wenig über ihre Intention gesagt, weil sie sehen wollte, wie ich das Stück interpretiere. Aber nach der ersten Probe haben wir gerne und ausführlich darüber geredet.


Für Big Bands haben Klassiker eine andere Bedeutung als für Sinfonieorchester und Kantoreien. Aber auch im Jazz gibt es Stücke, die das Prädikat klassisch verdient haben. Ansgar Elsner, Leiter der Big Band I, birgt auch aus diesen Stücken etwas Neues.

Wie wählen Sie die Stücke für Ihr Ensemble aus? Können sich die Musikerinnen einbringen?

Wenn jemand von einem Stück begeistert ist, kann er das vorschlagen. Natürlich müssen die Stücke auch vom Ensemble spielbar sein. Außerdem achte ich auf ein ausgewogenes Verhältnis von Stil-
epochen. An bestimmten Namen kommt man als Big Band einfach nicht vorbei, wie zum Beispiel Sammy Nestico, Thad Jones und Bill Holmann. Die sind für die Entwicklung als Big Band enorm wichtig. Generell haben wir ein weitgefächertes Repertoire von Swing bis Funk Rock.

Wie erarbeiten Sie Neues in einem altbekannten Stück?

Im Big Band Jazz gibt es in allen Stücken Passagen, in denen Takte nicht ausnotiert sind. Diese werden von den Solisten improvisiert und bringen somit immer wieder etwas Neues und Frisches in das Stück. Ich achte jedoch darauf, dass die Studenten in die Stilistik des Stückes eindringen, denn die Improvisation sollte in gewissem Sinne „Werktreue“ halten und eine gewisse Homogenität mit dem Original haben.

Wie viel kreativer Spielraum besteht bei der Interpretation eines Stückes?

Der Improvisationsteil ist genereller Bestandteil aller Big Band Arrangements. Je nach Stück ist der Anteil größer oder kleiner. Manche Stücke öffne ich auch für die Interpretation, indem ich Takte wiederhole und damit die Improvisation und Soloparts verlängere. Bei einem Big Band Konzert macht Improvisation etwa 20 bis 25 Prozent aus.

Empfinden Sie die Grenzen der Interpretation als Einschränkung?


Es geht darum, die Musik aus den Noten zum Leben zu erwecken. Und dafür ist es wichtig, dass man mit der Stilistik des Stückes vertraut ist. In der Regel sind die Musiker sehr dankbar, für konkrete Anleitungen und Vorgaben bei der Erarbeitung eines Stückes. Hin und wieder spielen wir auch Eigenkompositionen.