Wilfried Schlüter (28. Januar 1935 – 31. Dezember 2025)

© Uni MS - Wiebke Töpfer

Wer vor ein oder zwei Jahrzehnten als neuberufener Hochschullehrer nach Münster kam, lernte irgendwann einen rüstigen Emeritus kennen. Wenn Wilfried Schlüter gut gelaunt war, bot er einem gleich an, zum Kennenlernen gemeinsam einen Stadtbummel der besonderen Art zu veranstalten. Gesagt, getan, setzte sich Schlüter ans Steuer und fuhr seinen erstaunten Beifahrer zu irgendwelchen Neubauten der Universität. Offenbar interessierte er sich für ein wesentliches Detail: Er kannte die Zugänge zu den Dachterrassen zahlreicher moderner Flachdachbauten. Von dort aus erklärte er einem das Stadtbild von Münster und anschließend die Neubaupläne der Universität. Obwohl seine Zeit als Rektor schon Jahre zurücklag, identifizierte er sich immer noch mit der Hochschule als ganzer. Zum Abschluss gab es dann einen Leckerbissen im wahrsten Sinne: Wir fuhren ins Klinikum zum Mittagessen. Dort werden Köche und Kellner ausgebildet, und mit Schlüters Insiderwissen konnte man dort mit weißem Tischtusch, Speisekarte und Bedienung zu Mensapreisen essen gehen. An anderen Tagen stand er weiterhin im Hörsaal und hielt dort gut besuchte Vorlesungen zum Familien- und Erbrecht.

Schlüter stammte aus Königsberg, dort wurde er 1935 in eine Lehrerfamilie geboren. Seine Verwurzelung in Ostpreußen prägte augenscheinlich seine akademischen Interessen. Für lange Jahre engagierte er sich bei der Betreuung baltischer Studenten und osteuropäischer Gastwissenschaftler, organisierte Literaturschenkungen und koordinierte Gastvorlesungen deutscher Wissenschaftler in Wilna, Riga und Tartu. 1999 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Lettlands verliehen. Auch die Fakultäten in Tartu und Lille ehrten Schlüter auf diese Weise. Doch greift dies Jahrzehnte voraus: Genau an seinem zehnten Geburtstag musste Schlüters Mutter Ende Januar 1945 mit ihren fünf Kindern über die Ostsee fliehen. In Dortmund-Sölde, dem Heimatort von Schlüters Vater, begann nach Umwegen das Familienleben der Nachkriegszeit. 1955 legte Wilfried Schlüter sein Abitur ab und begann das Jurastudium in Göttingen, später in Mainz. Die Staatsexamina legte Schlüter 1959 und 1964 ab. Ein Zufall brachte ihn nach Münster: Als sein Doktorvater Hans Brox einen Ruf nach Münster annahm und Mainz verließ, blieb Schlüter seinem Betreuer verbunden und wurde 1964 in Münster mit einer Dissertation über die Vertretungsmacht des Gesellschafters promoviert. Die Habilitation folgte 1971 ebenfalls in Münster bei Hans Brox, nachdem ein kurzes Zwischenspiel bei Wolfgang Hefermehl in Heidelberg eher unerfreulich verlaufen war. Die Habilitationsschrift untersuchte obiter dicta in der höchstrichterlichen Rechtsprechung im Arbeitsrecht und erschien 1973 im Druck. In Münster stieg Schlüter zeittypisch zu einem sog. Wissenschaftlichen Rat und Professor auf, bis er 1976 einen Lehrstuhl an der Freien Universität Berlin erhielt. Im Rückblick standen die Berliner Jahre für ihn ganz im Zeichen der Politisierung bis hin zu einer Jubiläumsfeier zum 30. Geburtstag der DDR. 1980 kehrte Schlüter mit seiner siebenköpfigen Familie nach Münster zurück, wurde bald Prorektor und wirkte dann von 1982 bis 1986 als Rektor unserer Universität. Anfang 2000 trat er in den Ruhestand. Im gutgefüllten Hörsaal unterrichtete er weiterhin vor allem Familienrecht fast bis zu seinem 80. Geburtstag.

Wissenschaftlich in Erinnerung geblieben ist Wilfried Schlüter weniger durch große Monographien, sondern durch zahlreiche Einzelbeiträge, vor allem und schwerpunktmäßig im Familienrecht, aber auch im Arbeitsrecht, Erbrecht und Wirtschaftsrecht. Noch viel bekannter wurden Schlüters Lehrwerke. Sein Lehrbuch zum Familienrecht in der Schwerpunkte-Reihe erschien zwischen 1979 und 2013 in 14 Auflagen. Das Lehrbuch zum Erbrecht, begründet von Horst Bartholomeyczik, übernahm Schlüter mit der 10. Auflage 1975 und führte es bis zur 16. Auflage 2007 fort, als Anne Röthel als Mitautorin einstieg. Zum Erbrecht betreute Schlüter zudem das einschlägige Prüfe-Dein-Wissen-Buch über fünf Auflagen hinweg. Vor allem sein Lehrbuch zum Familienrecht erlangte eine unangefochtene Spitzenposition bei studentischen Lesern. Mit dieser Begeisterung für die Lehre im Hörsaal, unterfüttert durch eigene Lehrwerke für die eigenen Lieblingsfächer, folgte Schlüter dem Vorbild seines akademischen Lehrers Hans Brox. Mit seinen Vorlesungen und Seminaren zog Schlüter im Laufe der Jahre zudem zahlreiche Doktoranden an. 93 von ihnen begleitete er als Erstgutachter zur Promotion. In einem einstündigen Gespräch betonte der 86-jährige Schlüter folgerichtig den Wert der akademischen Ausbildung für die universitäre Rechtswissenschaft.

Bis ins hohe Alter nahm Wilfried Schlüter zu vielen Fragen der Hochschule Stellung, bis hin zur Umbenennung der Westfälischen Wilhelms-Universität oder zum Verhältnis von Drittmittelverbünden und Individualforschung. Sein langes und erfülltes Leben endete am Silvestertag 2025 kurz vor Vollendung des 91. Lebensjahres. Die Fakultät wie die gesamte Universität verliert einen allseits geschätzten Kollegen, dessen Fachkenntnis, Begeisterungsfähigkeit und Humor lange in Erinnerung bleiben werden.

Peter Oestmann, Dekan

unter Verwendung von: Matthias Casper, Laudatio zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Wilfried Schlüter, in: Schlaglichter 16 (2014/15), S. 78-87