Manichäismus
Der Manichäismus ist eine vom persischen Religionsstifter Mâni im 3. Jh. gegründete Religion, die alles bisherige (göttliche) Wissen vereinen sollte. Namen und Charakteristika anderer Religionen wurden adaptiert und in das eigene System übernommen. Die Manichäer traten im Römischen Reich als die wahren Christen auf, die als einzige die unverfälschte Überlieferung Jesu Christi kennen würden. Als ihr prominentester Anhänger gilt der Kirchenvater Augustinus, der nach seiner Umkehr zum Christentum später zahlreiche antimanichäische Schriften verfasste. Einen Höhepunkt erreichte der Manichäismus im Uigurenreich (im heutigen China), wo er im 8. und 9. Jh. Staatsreligion wurde. Ein kultisches Nachleben ist noch im heutigen China fassbar. Dort steht in Quanzhou ein manichäischer Tempel, in dem von Buddhisten ein Bildnis verehrt wird, das ursprünglich ein Bild Manis in Buddha-Gestalt war. Der Manichäismus ist die einzige Weltreligion, die heute vollständig obsolet ist.
Die in koptischer Sprache geschriebenen ältesten erhaltenen Quellen, die bis heute weder vollständig übersetzt noch ausgewertet sind, bieten einen tiefen Einblick in diese Weltanschauung. Der Manichäismus geht nicht von einem guten Gott aus, sondern vertritt einen Dualismus. Von Anfang an besteht ein gutes Prinzip, der Vater des Lichtlandes, und ein böses Prinzip, der Fürst der Finsternis. Als die Wesen der Finsternis neidisch auf das Licht werden, verteidigt sich das Lichtreich durch eine listige Taktik, die dazu führt, dass die Lichtsubstanz sich mit dem Königreich der Finsternis vermischt. Es kommt zu einer dramatischen Entwicklung, die am Ende wieder zu einer Trennung führt, nach der die Finsternis in einem Klumpen zurückbleibt. Die in diesem Kampf des Lichtes gegen die Finsternis ausgesandten Lichtgottheiten sind von der Substanz her identisch mit dem Vater.
Der Manichäismus weist ein enges Verhältnis zur Gnosis auf. Mit dem Begriff Gnosis („Erkenntnis, Wissen“) bezeichnet man religiös-philosophische Weltanschauungen der Antike und Spätantike. Im weiteren Sinne verstanden, bezeichnet der Begriff Erkenntnislehren und wird auf viele philosophische Systeme angewendet. Auch von der Gnosis sind die meisten Originalquellen in koptischer Sprache überliefert (Fund von Nag Hammadi).
Die gnostischen Weltanschauungssysteme suchten die Grundfragen menschlicher Existenz zu beantworten. Bereits im zweiten Jahrhundert sind theologische Schulen nachweisbar, die verschiedene Ansichten vertraten. Der Übergang von „christlichen“ zu „gnostischen“ Gedanken ist fließend und führt in der modernen Forschung immer wieder zu Diskussionen.
Kennzeichen solcher Systeme ist unter anderem die Vorstellung von einem Lichtfunken, der aus seiner Lichtheimat in die Materie geraten ist, sich zu einem großen Teil im Menschen wiederfindet und zu seinem Ursprung zurück soll.
Die mythischen Schilderungen göttlicher Sphären dienen zur Beantwortung der Fragen, woher der Mensch gekommen ist und wie er seine Bestimmung, nämlich die Rückkehr in das Lichtreich, erfüllen kann. In der Gnosis steht ein uranfänglicher guter Gott, der von weiteren Wesenheiten umgeben ist. Es kommt in einer fortwährenden Weiterentwicklung zu einer Art Fehltritt, durch welchen etwas Unvollkommenes und Böses entsteht. Dieses Böse wird in einigen Systemen mit dem Gott des Alten Testamentes fassbar, der eifersüchtig die Menschen in Unwissenheit hält. Die Welt wird dualistisch gesehen und in Geist und Materie, Licht und Finsternis, Gut und Böse unterteilt.
Im Gegensatz zur Gnosis war der Manichäismus aber eine ausgebildete Religion mit einem verbindlichen Schriftkanon, einer kirchlichen Hierarchie und organisierten Gemeinden, deren Mitglieder entsprechend ihrer Lebensweise in Electi und Katechumenen geschieden waren. Durch gezielte Missionierung wurde der Manichäismus eine Weltreligion, die Spuren auf den drei Kontinenten Europa, Afrika und Asien hinterließ. Einen zentralen Aspekt, der die enge Verbindung zur Gnosis zeigt, stellte die Lehre vom Aufstieg der Seele in das Lichtreich dar. Die Seele eines Verstorbenen musste, mit ritueller Unterstützung, den gleichen Weg in das Land des Lichtes nehmen, den das Licht in mythologischer Vorzeit hinunter gekommen war.
Prinzipiell versprachen Gnosis und Manichäismus dem Menschen Erkenntnis über seine wahre Stellung in der Welt. Mittels Offenbarungsschriften, einer ethisch gefestigten Lebensführung und kultisch-rituellen Handlungen war die Rückkehr in das Lichtreich und Erlösung möglich. Die Existenz des Bösen wurde durch seine Manifestation als Materie und Körper erklärt, so dass Gut und Böse nicht nur gedankliche Gegensätze darstellten, sondern als fassbare Substanzen auftraten.
