Struktur, Form, Modell: Literaturwissenschaftliche Perspektiven auf textuelle (Re-)Präsentationen von Zeit

Gemeinsamer Workshop mit dem GRK Gegenwart/Literatur am 30. November 2018 in Bonn

Thema des Workshops

Zeit spielt in vielfacher Weise eine Rolle für künstlerische/ästhetische Erzeugnisse im Allgemeinen und Literatur im Besonderen: Sprache und Literatur ereignen sich in der Zeit, sie sind zeitlich organisiert; literarische Texte werden in einer bestimmten Zeit verfasst und stehen dadurch in Zusammenhang mit historischen Zeiterfahrungen und Zeitkonzepten, die mit ästhetischen Mitteln zur Darstellung gebracht und reflektiert werden können. Darüber hinaus sind literarische Fiktionen in der Lage, vergangene Zeiten aufzurufen und zukünftige zu imaginieren und damit auf ihre Entstehungskontexte rückzuwirken.
Bei der Frage nach dem Verhältnis von literarischem Text und Zeit können, je nach theoretischer Perspektive, ganz unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. Selten jedoch werden verschiedene Ansätze verknüpft, so dass ihre Ergebnisse und Einsichten meist isoliert formuliert werden. Gerade mit Blick auf das zentrale und umfassende Thema Zeit kann sich ein kri-tischer Abgleich literarturtheoretischer Zugriffe als überaus fruchtbar erweisen, da die temporale Konfiguration eines Textes entscheidend zu seiner internen Strukturierung beiträgt und die Textur darüber hinaus mit ihrem disziplinären – literaturtheoretischen und literaturgeschichtlichen – sowie gesellschaftlichen Kontext verknüpft.
Daher möchte der Workshop der Graduiertenkollegs „Gegenwart / Literatur. Geschichte, Theorie und Praxeologie eines Verhältnisses“ der Universität Bonn und „Literarische Form. Geschichte und Kultur literarischer Modellbildung“ der Universität Münster verschiedene theoretische Positionen zusammenbringen und, ausgehend vom exemplarischen Untersuchungsmate-rial des Romans Bryant Park von Ulrich Peltzer, eine gemeinsame, multiperspektivische Analyse und Diskussion der zeitlichen Organisation und Reflexion literarischer Texte anregen. Dabei sollen drei Theorien auf ihre Relevanz für ästhetische Zeitdarstellungen sowie ihre Kombinierbarkeit und Ausschlussmechanismen überprüft werden: Die Narratologie begreift Zeit einerseits als Strukturmoment eines literarischen Textes, das die Ebenen dicours und histoire organisiert, andererseits, unter Einbezug kognitivistischer Ansätze, als ein Phänomen der Rezeption. Die Systemtheorie verortet Zeit mit dem Konzept der ‚Form‘ in Operationen des Unterscheidens und Bezeichnens und betont die Synchronisationsleistung moderner Literatur, die postulierte Gleichzeitigkeit alles Geschehens in komplexe Zeitgefüge zu übersetzen. Die Modelltheorie versteht die temporale Organisation von Texten als prozessuales Verfahren, in dem historisch-kulturelle Zeitdeutungen und ästhetische Muster aufgenommen und über für- und von-Beziehungen transformiert werden, um an eine Deutungsgemeinschaft zurückgegeben zu werden und selbst wiederum modellhaft wirken zu können.
Die Kreuzung dieser drei Blickwinkel – Struktur, Form, Modell –, und ihre Erprobung an Peltzers Bryant Park verspricht eine umfassende Perspektivierung des Verhältnisses von Zeit und literarischem Sprechen.

Format des Workshops

Der Workshop findet am Freitag, den 30. November 2018, von 9.30 bis ca. 18 Uhr statt. Am Vormittag werden die drei literaturtheoretischen Zugänge von den Keynote-Speakern Ansgar Nünning (Gießen), Niels Werber (Siegen) und Matthias Erdbeer (Münster) kurz vorgestellt und auf die Rolle der Kategorie ,Zeit‘ sowie mögliche Untersuchungsperspektiven für literarische Zeitdarstellungen hin überprüft. Für den Nachmittag ist davon ausgehend die gemeinsame Analyse von Auszügen aus dem Roman Bryant Park vorgesehen.

Ablauf

Anmeldung


Interessierte aller Philologien sind herzlich dazu eingeladen am Workshop teilzunehmen. Bitte melden Sie sich hierzu bis zum 15. Oktober unter Angabe Ihres Namens und Ihrer Institution bei den Organisatorinnen Jutta Gerber (j_gerb04@uni-muenster.de) und Eva Stubenrauch (estubenrauch@uni-bonn.de) an. Das Textmaterial wird Ihnen nach der Anmeldung rechtzeitig zur Verfügung gestellt. Die Teilnahme am Workshop ist kostenlos.

Gastvortrag Dr. Alain Legros (Universität Tours)

Wir freuen uns, Herrn Dr. Alain Legros aus Tours für einen Gastvortrag in Münster begrüßen zu dürfen. Herr Legros ist Montaigne-Experte und unter anderem Mitherausgeber der Pléiade-Edition der Essais, Mitglied des Lektorats der Zeitschrift Montaigne Studies (Chicago) sowie assoziierter Forscher des Centre d’études supérieures de la Renaissance (CESR) der Universität Tours.

Der Vortrag wird den Titel „Montaigne et son livre“ tragen und am 5. Juli 2018 um 16.00 Uhr im Raum JO 101 des Exzellenzclusters stattfinden.

Der Vortrag wird auf französischer Sprache gehalten, deutschsprachige Diskussionsbeiträge können aber auch gerne übersetzt werden.

© Jens Gurr

Wir freuen uns am Dienstag, den 08.05.2018, Prof. Dr. Jens Martin Gurr für einen Gastvortrag mit dem Titel "Literary Modelling of Urban Complexity" in Münster begrüßen zu dürfen. Der Vortrag findet um 18 c.t. im Festsaal (Schlossplatz 5) statt.


GRK Literarische Form
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© Makis E. Warlamis: German: Utopien 04. Kunstmuseum Waldviertel (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2010_Utopien_arche04.jpg)
Research Training Group Literary Form.  History and Culture of Aesthetic Modelling
Research Training Group Literary Form. History and Culture of Aesthetic Modelling

Research Training Group Literary Form


Literary texts model realities in a way that is fundamentally constituted by aesthetic form. The Research Training Group takes as its subject the re-assessment and combination of two elements central to this commonplace: that of form and of the model. The former has always been at the centre of attention of literary studies as the subject of any historical or theoretical inquiry into concepts such as genre, metaphor or realism, but also of fundamental questions after fictionality and reference, mediality and materiality. Two qualifications apply, however, as recent developments have shown: on the one hand, students of history, the social sciences, and the natural sciences have also realised the vital importance of fiction and aesthetic form for their disciplines’ models of reality; on the other hand, literary studies are in danger of neglecting the specific potency of literary form, abandoning this concern for the sake of theoretical debates and the latest ‘cultural turns’. It is this twofold assessment that the Research Training Group takes as its point of departure, approaching traditional questions of literary form from the more general perspective of modelling. This approach enables literary studies, in the narrow sense of the word, to realize its innovative potential for and its interconnectivity with theoretical and historical research of a very wide scope. At the same time, it grounds the relations between extra-literary discourse and literary form in a new, ‘literary’ epistemology. Studies produced by the Research Training Group thus aim to contribute in innovative ways to the general knowledge system and its debates by re-addressing central questions of aesthetic form from a historical and systematic vantage point.

To this purpose, the Research Training Group Literary Form offers, in close collaboration with the established Graduate School "Practices of Literature" P-o-L Home, a curriculum embracing both a stringently structured, high-profile core programme and a wide range of electives. In this way, it ensures the efficient combination of individual doctoral tutoring with profound theoretical debate and the acquisition of additional skills and qualifications to increase employability. The programme’s key institutional strengths are the University of Muenster’s broad range of flexible and readily available supervisory capacities, its wealth of courses in the field of literary studies, its well-established internal scholarly co-operation and its high degree of integration in international networks, as well as on the strategic role graduates will play in the scholarly and administrative development of the Research Training Group itself.