Prof. Wolf: Debatte über "Viri probati" nicht abgeschlossen

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Stellungnahme von Prof. Hubert Wolf zum nachsynodalen Schreiben "Querida Amazonia":

Das nachsynodale Schreiben dürfte vor allem für viele Frauen eine große Enttäuschung bedeuten und inakzeptabel sein. Frauen, die nach einer Weihe streben, Klerikalismus zu unterstellen, klingt für mich zynisch. Das Thema „Priesterweihe für Frauen“ ist vom Tisch, und ich befürchte, auch Diakoninnen wird es unter Franziskus nicht geben. Zudem vertritt der Papst in seinen Formulierungen ein Frauenbild, das heute kaum noch zu vermitteln ist.

Zum Thema der verheirateten Priester enthält das nachsynodale Schreiben keinen einzigen Satz, obwohl Tradition und gegenwärtige Praxis der Kirche ganz selbstverständlich von ihnen ausgehen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat den Zölibat ausdrücklich als nicht zum Wesen des Priestertums gehörig charakterisiert. Stattdessen zeichnet Franziskus ein überhöhtes Priesterbild, das auf das 19. Jahrhundert zurückgeht und sogar noch hinter den Aussagen Johannes Pauls II. zurückbleibt. Hier scheint Franziskus den Konservativen zu geben, was sie hören wollen.

Aber im Hinblick auf die Möglichkeit, in Lateinamerika verheiratete Männer zu Priestern zu weihen, wird etwas übersehen. Franziskus erläutert einleitend (Nr. 2-4) den Sinn und Zweck seines Schreibens und ordnet es in die Zusammenhänge ein. Dort bestätigt der Papst ausdrücklich das Schlussdokument der Amazonassynode. Er betont, er wolle dieses durch sein Apostolisches Schreiben nicht ersetzen. Im Schlussdokument steht aber ausdrücklich (Nr. 111), dass die Bischöfe mit Dreiviertel-Mehrheit beschlossen haben, die Weihe verheirateter Männer zu Priestern zuzulassen.

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Deshalb würde ich das neue Schreiben von Franziskus folgendermaßen interpretieren: Die Bischöfe Amazoniens können Papst Franziskus die Weihe verheirateter ständiger Diakone zu Priestern vorschlagen. Die Initiative dazu soll von ihnen ausgehen. Indem Franziskus die Verantwortung für diesen Schritt den Hirten vor Ort in Amazonien überträgt, versucht er, der Kritik der Konservativen in Rom auszuweichen. Der Relator der Bischofssynode und Papstfreund, Cláudio Kardinal Hummes, hat in Absprache mit Papst Franziskus den Bischöfen Lateinamerikas bereits eine To-do-Liste übergeben, in der er ihnen aufträgt, die wesentlichen Beschlüsse der Amazonassynode umzusetzen. Die Debatte über die „Viri probati“ ist also alles andere als abgeschlossen, auch in Deutschland.

Was der Papst mit Blick auf „Viri probati“ wirklich vorhat, ist kaum zu entschlüsseln, wenn man keine Insiderkenntnisse der Verfahren sowie des theologisch und kirchenrechtlich verklausulierten Fachjargons besitzt. Das führt zu Verwirrung. Allgemein würde ich die Vorsicht und Zurückhaltung von Franziskus mit seiner besonderen Verantwortung als Papst für die Einheit der Kirche zu erklären versuchen, zumal angesichts der heftigen Angriffe aus dem reaktionären Lager, die sich angeblich auf Joseph Kardinal Ratzinger stützen. Ich bezweifle allerdings, dass sich Franziskus mit diesem Lavieren, das auch als Schwäche interpretiert werden kann, wirklich einen Gefallen getan hat.

Münster, 12. Februar 2020