Missverständnisse um zwei Päpste

Papst Benedikt XVI. hat nach Ansicht von Hubert Wolf zu Missverständnissen über die gegenwärtigen Machtverhältnisse im Vatikan beigetragen. Benedikt XVI. bezeichne sich als „emeritierter Papst“, lasse sich mit „Eure Heiligkeit“ ansprechen und trage weiterhin weiße Gewänder, schreibt Wolf in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Bei gemeinsamen Auftritten mit Franziskus habe deswegen der „irrige Eindruck“ nahegelegen, „es gebe nun zwei Päpste“.

„Seit längerem stehen Befürchtungen im Raum, um Franziskus und Benedikt XVI. könnten zwei konkurrierende Machtzentren an der Kurie entstehen, mit Papst und Gegenpapst an ihrer Spitze“, so Wolf. Ein Gegenmodell sieht der Kirchenhistoriker in den beiden letzten Papstrücktritten, die mehr als 500 Jahre zurückliegen: Gregor XII. und der letzte Gegenpapst Felix V. seien ins Kollegium der Kardinäle zurückgetreten, hätten die weißen Papstgewänder abgelegt und sich wieder mit „Eminenz“ statt „Heiligkeit“ anreden lassen. Das ist laut Wolf ohne Weiteres möglich, denn anders als das Amt des Bischofs ist das des Papstes nicht mit einer sakramentalen, unauslöschlichen Weihe verbunden.

Hubert Wolf nahm auch Stellung dazu, dass Benedikt XVI. einen Aufsatz zu wiederverheirateten Geschiedenen von 1972 in seinen Gesammelten Schriften in veränderter Form neu veröffentlicht hat. „Damit positioniert er sich eindeutig in der aktuellen Debatte“, schreibt Wolf. Der zurückgetretene Papst habe eigentlich den Anspruch, sich aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. „Doch schon wiederholt hat sich gezeigt, wie schwer es für Benedikt XVI. ist, keine kirchenpolitischen Signale zu senden.“

Den FAZ-Artikel griffen bisher unter anderem Radio Vatikan, die Tiroler Tageszeitung und der Internetauftritt des ORF auf.