Das schwierige Erbe der Weltkriegsgeneration in der katholischen Kirche

Norbert Köster (Fotos: Sabine Hendler)

Die weit verbreitete Unsicherheit in der katholischen Kirche von heute lässt sich nach Ansicht des zukünftigen Münsteraner Generalvikars Dr. Norbert Köster teilweise durch die Kriegserfahrungen der Großeltern-Generation erklären. „Die Väter essen saure Trauben, und den Söhnen werden die Zähne stumpf“, zitierte der Kirchenhistoriker bei seiner Antrittsvorlesung als Privatdozent an der Katholisch-Theologischen Fakultät am 15. Januar 2016 das Alte Testament. „Kampf gegen die Säkularisierung. Weltkriegserfahrung und Pastoral bei Bischof Michael Keller“ lautete das Thema des Vortrags im Fakultätsgebäude in der Johannisstraße.

Ausführlich ging Köster auf Michael Keller ein, der von 1947 bis 1961 Bischof in Münster war. Keller meldete sich 1914 als Kriegsfreiwilliger und kämpfte in mehreren brutalen Schlachten, wobei er bis zum Schluss fest an einen Sieg der Deutschen glaubte. Seine Kriegserfahrungen habe Keller, so Köster, auf seinen Einsatz für die katholische Kirche übertragen. „Soldat, Offizier wollte er bleiben, jedoch im Dienste eines anderen Herrn, des höchsten, des Königs Christus“, hieß es in einem Nachruf. In der zunehmend entchristlichten Gesellschaft Europas sah Keller laut Köster einen finalen Entscheidungskampf zwischen Gut und Böse toben. Von Priestern und Laien in seinem Bistum habe er eine rigorose Entschlossenheit und Opferbereitschaft gefordert, bis hin zur völligen Überforderung. „Wer nicht mitgemacht hat, war draußen.“

Die Folgen dieser Weltsicht sind laut Köster bis heute spürbar. „Kann es sein, dass sich das überstarke Bild des Kämpfers zwei Generationen später vor allem in einer großen Lähmung breit macht? Und hinterließen der Kampf gegen die Entchristlichung und die Überbetonung persönlicher Heiligkeit nicht bleibende Leerstellen?“, fragte der Kirchenhistoriker.

Blick ins Publikum

Um seine Thesen zu untermauern, übertrug Köster Konzepte aus der Psychologie auf die Kirchengeschichte. Kriegskinder neigen demnach dazu, die Vergangenheit zu verdrängen, Emotionen zurückzustellen und ein großes Bedürfnis nach Absicherung zu entwickeln, selbst wenn sie gegen ihre Eltern rebellieren. Kriegsenkel leiden dagegen auffällig oft an Versagensängsten, Selbstzweifeln, Entscheidungs- und Beziehungsunfähigkeit.

Köster fragte, ob es nicht bei haupt- und ehrenamtlich in der Kirche Tätigen heute ähnliche Phänomene gebe, etwa den Verlust des emotionalen Zugangs zu den kirchlichen Wurzeln, Schuldgefühle, noch zur Kirche zu gehören, ein unsicheres Selbstwertgefühl – „manchmal auch in der Form des Klerikalismus“ – und Schwierigkeiten in der Abgrenzung. „Dies würde zumindest zu einem Teil erklären, warum die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils in vielerlei Hinsicht noch gar nicht begonnen hat.“

Psychologen sehen laut Köster einen wesentlichen Teil der Therapie von Kriegsenkeln, die das Trauma ihrer Großeltern geerbt haben, in der intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte. Der Kirchenhistoriker begrüßte diesen Ansatz nachdrücklich: „Wer nicht in der Kirchengeschichte verwurzelt ist, kann nicht in die Zukunft gehen.“

Köster wurde 2006 mit einer von Prof. Dr. Hubert Wolf betreuten Arbeit über Johann Baptist Hirscher promoviert und war seit 2010 als Wissenschaftlicher Assistent und später als Akademischer Oberrat am Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte tätig. Ende Juni übernimmt er das Amt des Generalvikars von Norbert Kleyboldt. Kösters Abschied von der Wissenschaft ist aber nicht endgültig, denn als Privatdozent der Katholisch-Theologischen Fakultät wird er auch weiterhin Lehrveranstaltungen zur Kirchengeschichte anbieten.