Am Zweiten Weihnachtstag im ZDF: „Die Äbtissin“

Bei den Dreharbeiten (Rechte: ZDF/Hans Jakobi)

Der Geschichte mächtiger Frauen in der katholischen Kirche spürt Hubert Wolf in der Dokumentation „Die Äbtissin“ nach. Das ZDF sendet den 45-minütigen Film am Zweiten Weihnachtstag um 18.15 Uhr. Die Dokumentation basiert auf Wolfs Bestseller „Krypta“. Für die Dreharbeiten hat der Kirchenhistoriker ein Team des ZDF an den Jakobsweg ins nördliche Spanien begleitet, wo die Äbtissinnen des königlichen Klosters Las Huelgas jahrhundertelang wie Bischöfinnen residierten. Sarah Röttger, die als Wissenschaftliche Assistentin am Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte zur Äbtissinnenweihe forscht, kommt ebenfalls in einem Interview zu Wort.

Äbtissinnen, die unmittelbar unter dem Schutz von Kaisern, Königen und Päpsten standen, gab es Wolf zufolge auch in Deutschland, etwa in Essen, Gandersheim und Quedlinburg. Diese mächtigen Frauen waren Landesherrinnen, sie schufen geistige und kulturelle Zentren, setzten Priester ein, vergaben Pfründe, ernannten Kirchenrichter, hielten Strafverfahren ab und richteten neue Pfarreien ein. Einige nahmen sogar die Beichte ab und verkündeten das Evangelium – Tätigkeiten, die eigentlich streng den Priestern vorbehalten waren und sind.

Las Huelgas (Rechte: ZDF/Samuel Perez Gutierrez)

„Die Behauptung, Frauen hätten nie Leitungsfunktionen in der katholischen Kirche ausgeübt, erweist sich als historisch nicht haltbar“, erklärt Wolf deswegen. Die Äbtissinnen hätten nach heutigem Kenntnisstand zwar nicht über eine Bischofsweihe verfügt, ihren Abteien aber mit allen rechtlichen Kompetenzen vorgestanden wie ein Bischof einer Diözese. Angesichts der Blockade in der Diskussion um die Diakoninnen- und Priesterweihe für Frauen könnten die Äbtissinnen ein Modell aus der Tradition der Kirche sein, um Frauen sogar bischöfliche Leitungskompetenzen zu übertragen – auch ohne Weihe. „Dem steht allerdings eine ,Reform‘ ausgerechnet des Zweiten Vatikanischen Konzils im Weg, die alle rechtliche Leitungskompetenz in der Kirche an die Bischofsweihe bindet“, so der Kirchenhistoriker.

Die Äbtissinnen von Las Huelgas herrschten seit dem Hochmittelalter über ein Gebiet mit mehr als 60 Klöstern und Ortschaften. Den Bischöfen und selbst päpstlichen Gesandten war es verboten, Kirchen und kirchliche Einrichtungen zu visitieren, also zu überprüfen. Immer wieder kam es deswegen zu Begehrlichkeiten und erbitterten Auseinandersetzungen mit den Bischöfen des benachbarten Burgos. Doch die Äbtissinnen behaupteten sich über alle Kriege und Revolutionen hinweg. Erst im Jahr 1873 nahm Papst Pius IX. ihnen die herausragende Stellung.

Wolf vor der schwenkbaren Kanzel in der Klosterkirche (Rechte: ZDF/Samuel Perez Gutierrez)

Die Dokumentation verbindet Experten-Interviews mit Spielszenen, die der historischen Situation nachempfunden sind. Das Drehbuch verantworten Martina Schönfeld und Andreas Sawall, der auch Regie geführt hat, zuständige Redakteurin ist Michaela Pilters. „Die Dreharbeiten sind sehr harmonisch gelaufen, und wir hatten angeregte Diskussionen“, erinnert sich Hubert Wolf. Das Kloster in Las Huelgas sei architektonisch sehr beeindruckend. „Ein Abstecher auf den Jakobsweg nach Las Huelgas ist für jeden, der in diese Gegend kommt, ein Muss.“ Von der Macht der Äbtissinnen sei jedoch wenig geblieben, alle Versuche, mit der heutigen Herrin des Klosters auch nur ein Treffen zu vereinbaren, seien gescheitert. „Las Huelgas ist inzwischen ein Denkmal vergangener Größe und ein Symbol für unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte.“