
Wie unausgesprochene Regeln unseren Arbeitsalltag prägen
Unter dem Titel „Zwischen den Zeilen“ hat das letzte Diversity Brown Bag Meeting des Wintersemesters an der Katholisch-Theologischen Fakultät stattgefunden. Die Soziologin Tamara Schorge berichtete anschaulich, wie stark sich Menschen in ihrem Verhalten an Normen orientieren – bewusst oder unbewusst.
Im Fußball ist es gängige Praxis, dass ein Team den Ball absichtlich ins Aus spielt, wenn sich ein:e Spieler:in des gegnerischen Teams verletzt hat und Hilfe benötigt. Im Regelwerk schriftlich festgehalten ist dies nicht und doch gängige Praxis. Dies ist nur ein Beispiel von (impliziten) Normen, die unseren Alltag, aber auch unsere Arbeits- und Studienkontexte prägen.
„Zwischen den Zeilen: Wie unausgesprochene Regeln unseren Arbeitsalltag prägen“ lautete das Thema beim 9. Diversity Brown Bag Meeting an der Katholisch-Theologischen Fakultät am 21. Januar 2026. Referentin Tamara Schorge, M.A., ist seit 2022 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Arbeit und Wissen am Institut für Soziologie der Universität Münster. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Arbeitssoziologie, Kreativ- und Kulturwirtschaft sowie Solo-Selbstständigkeit.

Implizite Normen als Spielregeln
Nach einer Begrüßung von Franziska Kolodziej führte Tamara Schorge in die Bedeutung und Wirkung von impliziten Normen – mit Fokus auf den Arbeitskontext – ein. Deutlich wurde, dass implizite (soziale) Normen als mehr oder weniger verbindliche Spielregeln verstanden werden können, die das Handeln anleiten und im gegenseitigen Umgang eine strukturierende bzw. entlastende Funktion haben können. Da implizite Normen unausgesprochen, unbewusst, sozial geprägt und ohne Anweisung weitergegeben werden, werden diese oft erst spürbar, wenn sie gebrochen werden.
Zudem verwies Tamara Schorge auf den Zusammenhang von impliziten Normen und der Organisationskultur, die die subjektiv von den Mitgliedern wahrgenommene Atmosphäre in einer Organisation beschreibt. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die 2023 an der Universität Münster durchgeführte Diversity-Klima-Befragung, die beabsichtigt, eine „Datengrundlage zur Wahrnehmung von Diskriminierungserfahrungen und Chancengerechtigkeit unter Beschäftigten und Studierenden an der Universität Münster“ zu liefern.
Diskussion in Kleingruppen
Konkret im Arbeitskontext umfassen implizite Normen häufig die Bereiche der Leistung und Verfügbarkeit, Kommunikation, Umgang mit Fehlern und Konflikten, den Dresscode und Verhaltensstandards.

Inwiefern sich implizite Normen im Erleben der unterschiedlichen Statusgruppen an unserer Fakultät niederschlagen und um welche Normen es sich konkret handelt, wurde in einer anschließenden Kleingruppenphase anhand von Interviewauszügen von Universitätsangehörigen diskutiert. Deutlich wurde, dass Hierarchien, wie sie im Unikontext vorherrschen, sowie damit einhergehende Rollen, häufig implizite Normen beeinflussen.
Während (implizite) Normen zu Orientierung, Stabilität und eine Steigerung des Gemeinschaftsgefühls beitragen können, sind auch deren Ausschlussmechanismen, Unsicherheit und die Reproduktion sozialer Ungleichheit kritisch zu bedenken. Die Bewusstwerdung und Reflexion dieser Normen sowie Entlastungsangebote bei normativem Druck anzubieten, wurden als Umgangsmöglichkeiten diskutiert.
Am Ende des Meetings dankte das Team der studentischen Hilfskraft Johanna Singer, die mit großem Engagement in den vergangenen anderthalb Jahren die Diversity Brown Bag Meetings tatkräftig begleitete.
Text: Theresa Focke
Vorträge und Folien im Learnweb
Im frei zugänglichen Learnwebkurs „Diversity Brown Bag Meetings“ sind die Vortragsfolien der Diversity Brown Bag Meetings zu finden. Ebenfalls wird der Vortrag von in Kürze auch im TheoPodcast zum Nachhören verfügbar sein.
Brown Bag Meetings
Als Brown Bag Meetings (engl. brown bag, dt. braune Tüte) werden informelle Trainings- oder Informationsveranstaltungen in der Mittagspause bezeichnet, bei denen die Zuhörenden ihre mitgebrachten Speisen und Getränke einnehmen können. Kaffee und Tee stehen bereit. Die Brown Bag Meetings dauern circa 90 Minuten.
Die Veranstaltungsreihe Diversity Brown Bag Meeting wurde mit dem Diversity-Preis 2024 der Universität Münster ausgezeichnet. Sie ist eine über mehrere Semester laufende Vortragsreihe, die sich mit unterschiedlichen Aspekten von Diversität, Gleichstellung und Teilhalbe an unserer Fakultät auseinandersetzt. Das Ziel dieser Reihe ist es, für Diskriminierungen sensibel zu werden, Diversity-Kompetenzen auszubauen, auf dem Weg zu inklusiven Strukturen voranzuschreiten und für unsere Fakultät eine dezentrale Diversity-Strategie zu entwickeln. Ein wichtiges Anliegen dabei ist, dass sich an diesem Prozess Menschen aus allen Statusgruppen der Fakultät beteiligen können.
