Sounds of Sustainability

Emotional-affektive Ästhetiken planetarer Verantwortung in der Popmusik

Autor/innen

  • Katarina Marej
  • Thorsten Philipp

DOI:

https://doi.org/10.17879/sun-2026-9298

Schlagworte:

Popmusik, Popkulturforschung, Emotions- und Affektforschung, Nachhaltigkeit

Abstract

Nachhaltigkeit ist längst mehr als ein ökologisches Leitbild oder politisches Ziel. Als Programmwort nahezu aller Lebensbereiche durchdringt es Lebensstile, Konsumentscheidungen und kulturelle Ausdrucksformen auch in Bereichen, die jenseits klassischer Umweltkommunikation liegen. Die soziologische Nachhaltigkeitsforschung betont, dass ein Großteil der Umweltprobleme auf die „imperiale Lebensweise“ (Brand/Wissen 2017) westlicher Gesellschaften zurückzuführen ist und dass eine ökologische Transformation tiefgreifende sozio-kulturelle Veränderungen voraussetzt (Görgen/Wendt 2015; Neckel et al. 2018). Solche kulturellen Transformationsprozesse vollziehen sich wesentlich in ästhetischen Prozesse, die nicht nur das Erleben der Gegenwart prägen, sondern auch das affektive und imaginative Nachvollziehen möglicher Zukünfte.
Popmusik als massenmediale Kunstform mit hoher Reichweite und niedrigschwelligem Zugang nimmt darin eine besondere Rolle ein. Nachhaltigkeit wird hier sowohl als textlich-explizite Forderung nach ökologischer Transformation verbreitet wie auch als ästhetisch inszenierte, emotional erfahrbare Erzählung über das Verhältnis von Mensch, Natur und Zukunft (Philipp 2024c, 2024d). Popmusik birgt damit ein ambivalentes Potenzial gesellschaftspolitischer Kommunikation: Sie popularisiert Normen und verflacht oder verzerrt Umweltverständnisse (Philipp 2019), zugleich schafft sie Atmosphären, verdichtet Emotionen und formt kollektive Imaginationen. Unser Beitrag richtet daher den Fokus auf die Frage, wie sich Nachhaltigkeit in popmusikalischen Werken als ästhetische Erfahrung manifestiert, jenseits rein thematischer Repräsentationen. Dabei interessieren uns insbesondere die leiblich-affektiven, kollektiv-emotionalen, atmosphärischen und gestalterischen Dimensionen popmusikalischer Nachhaltigkeitsinszenierungen: Welche Formen ästhetischer Vorstellungskraft werden mobilisiert? Inwiefern eröffnen sie Erfahrungsräume, die zur Reflexion anregen, nachhaltige Lebensweisen sinnlich erfahrbar machen und die Akzeptanz für nachhaltige Zukünfte fördern können? Mit diesen Fragen knüpfen wir an Überlegungen der Umweltästhetik (Berleant 1992; Brady 2003), der Popkulturforschung (Frith 1996; Hecken 1997) und der Emotions- und Affektforschung (Ahmed 2004; Neckel/Pritz 2019; Scherke 2024; Diefenbach/Zink 2024) an. Uns interessiert das Zusammenspiel von ästhetischer Gestaltung, emotional-affektiver Wirkung und kultureller Sinnbildung. Nachhaltigkeit ist aus dieser Perspektive weniger ein Set normativer Prinzipien, sondern eher ein ästhetisch gerahmter Deutungsraum, in dem Emotionen und Affekte zentrale Rollen spielen. Sie wirken als präreflexive Signale, die nicht nur Wahrnehmung strukturieren, sondern auch mögliche Handlungsoptionen vorsortieren und motivieren. Damasio (1996) bezeichnet sie als „somatische Marker“: körperlich verankerte Signale, die potenzielle Zukunftsszenarien bewerten und damit Entscheidungen mitprägen. Für nachhaltige Transformationsprozesse sind solche emotional-affektiven Ästhetisierungen zentral, da sie Fühlbarkeit erzeugen und damit Erkenntnis- und Handlungsräume eröffnen (Stöckmann 2009: 2ff.).
Das Ziel dieser Untersuchung besteht darin, prägende ästhetisch-emotionale Figurationen in ihren Logiken zu verstehen und zu prüfen, welche Formen des Nachdenkens und Mitfühlens über ökologische Krisen sie ermöglichen – oder möglicherweise auch blockieren. Damit leistet der Artikel einen Beitrag zur Erforschung der emotional-affektiven Dimension gesellschaftlicher Nachhaltigkeitskommunikation und zur Analyse popkultureller Resonanzräume ökologischer Imaginationen. Nach einer Skizze der 1) theoretischen Bezugsrahmen von Ästhetik, Emotion und Nachhaltigkeit in der Popmusik stellen wir die 2) empirische Untersuchung vor und analysieren drei zentrale Figurationen, um auf dieser Grundlage deren 3) Bedeutung für die emotional-affektive Vermittlung nachhaltiger Zukunftsbilder zu diskutieren.

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Veröffentlicht

2026-01-16

Zitationsvorschlag

Marej, K., & Philipp, T. (2026). Sounds of Sustainability: Emotional-affektive Ästhetiken planetarer Verantwortung in der Popmusik. Soziologie Und Nachhaltigkeit, 12(1), 20–40. https://doi.org/10.17879/sun-2026-9298