|
muz

Wo sind all' die Studis hin?

WWU befragt flächendeckend ihre Absolventen
Absolventen geben Auskunft

Ob Marktingfachfrau, Journalistin oder Arzt – sie alle sollen Auskunft geben, wie schnell sie einen Job gefunden haben und ob die Qualifikationen, die im Studium vermittelt wurden, dafür ausreichend waren. Die Ergebnisse werden den Fächern zur Verfügung gestellt.

Foto: Angelika Klauser

Ein freundlicher Händedruck, ein mehr oder weniger edel gestaltetes Zeugnis – das war es dann. Was aus den Absolventen wird, welche ihrer Träume in Erfüllung gehen, auf welche Hürden sie nicht im Studium vorbereitet wurden, das hat bislang in den strategischen Überlegungen keine große Rolle gespielt. Doch das soll sich ändern. Bereits zum zweiten Mal werden derzeit die Absolventen eines Jahrgangs flächendeckend befragt. Festgelegt ist dies in den Ziel- und Leistungsvereinbarungen mit dem Land.

Rund 5500 Absolventen hatte die WWU im Prüfungsjahr 2007. Sie alle haben einen Fragebogen zugeschickt bekommen, der auch im Internet steht. Bereits bei der ersten Befragung gab es eine "sehr positive Resonanz", so Christian Tusch, der in der Planungsabteilung im Auftrag des Rektorats für die flächendeckende Absolventenbefragung zuständig ist. "Wir hatten eine Rücklaufquote von mehr als 45 Prozent. Das ist ein sehr guter Wert", erläutert er. Um die Ergebnisse vergleichbar zu machen, beteiligt sich die WWU an dem vom BMBF geförderten und vom Internationalen Zentrum für Hochschulforschung (INCHER) Kassel betreuten Projekt "Studienbedingungen und Berufserfolg". In diesem Projekt kooperieren deutschlandweit 47 Hochschulen. Noch fehlt die Auswertung des vergangenen Jahres für die einzelnen Fächer. Insgesamt haben aber 97 Prozent der Befragten, die auf Beschäftigungssuche waren, nach einem Jahr eine Beschäftigung gefunden. "Wir wissen allerdings noch nicht, ob es auch der Job ist, den sie tatsächlich wollten", schränkt Tusch ein. Für rund 25 Fächer mit hinreichend großen Fallzahlen wolle man dazu relevante Aussagen ermitteln.

Schon jetzt lässt sich sagen, dass die Mediziner am kürzesten auf Jobsuche waren, nämlich im Schnitt nur 2,4 Monate. Am längsten suchten die Sprach- und Kulturwissenschaftler. Bei ihnen dauerte es im Schnitt über ein halbes Jahr bis zum ersten Job und der war dann auch noch in 92,4 Prozent aller Fälle befristet. Über alle Fächer hinweg waren zwei Drittel jener Absolventen, die eine Beschäftigung gefunden haben, mit ihrer beruflichen Situation zufrieden.

"Wir wollen wissen, was aus unseren Absolventen geworden ist."

Während Tusch die mit dem Land vereinbarte flächendeckende Absolventenbefragung betreut, kümmert sich der Leiter des "Career Service", Andreas Eimer, um exemplarische Vergleichsstudien. Hier werden Absolventen ausgewählter Fächer nicht nach einem, sondern drei Jahren befragt. "Nach diesen drei Jahren können wir genauer erfahren, wie haltbar eigentlich die Kenntnisse sind, die im Studium vermittelt werden", erklärt Eimer. Je länger das Examen zurück liegt, desto drängender wird allerdings ein Problem: Die Adress-Basis wird immer kleiner. Allerdings hofft Eimer, dass sich das Problem in den kommenden Jahren erledigen wird, wenn die Fachbereiche wissen, dass sie auch ihre Absolventen weiter betreuen müssen. "Die Psychologie und die Biologie werden als erste Fachbereiche ihre Absolventen anschreiben, weil diese Fächer eine sehr gute Alumni-Kultur haben", erläutert Eimer.

Und die ist wichtig, das hat auch Tusch bei der ersten Befragung gemerkt. "Viele der Angeschriebenen haben sich gefreut, dass sich die Uni tatsächlich dafür interessiert, was aus ihnen geworden ist. Aber es gab auch Kritik an einzelnen Fachbereichen, die sich nicht so um ihre Absolventen gekümmert haben, wie diese es sich gewünscht hätten", erzählt er.

Sicherlich nicht beklagen werden sich die Absolventen der Organisationspsychologie. Denn für die richtet Dr. Uwe Kanning schon seit sieben Jahren einen Alumni-Tag aus. Deshalb hat er jetzt für das ganze Fach die Organisation der Absolventenbefragung übernommen.  "Wir wissen noch nicht systematisch, wo unsere Absolventen bleiben. Ich kann nur vermuten, dass nur wenige ausgestiegen sind, weil der Arbeitsmarkt für Psychologen relativ gut ist", meint Kanning. Etwa 90 Absolventen umfasst der Jahrgang 2005, der gerade angeschrieben wird. Gerade in Zeiten der Umstellung des Diplom-Studiengangs auf Bachelor- und Master-Abschlüsse ist es wichtig, zu wissen, ob die universitäre Ausbildung den Bedingungen des Arbeitsmarktes entspricht. Rund 60 Prozent werden Therapeuten, die werden wohl auch weiter, so vermutet Kanning, nicht ohne Master-Abschluss auskommen. Die Entwicklung in seinem eigenen Fach, der Organisationspsychologie, kann er nicht abschätzen. Hier stehen die Absolventen, egal ob Bachelor oder Master, in Konkurrenz mit allen, die in Personalabteilungen arbeiten, zum Beispiel BWlern.

Fast doppelt so viele Absolventen wie die Psychologie hatten 2005 die Biologen aufzuweisen. "Uns würde sehr interessieren, was aus ihnen geworden ist", so Dr. Jutta Rach, die im Fachbereich 13 die exemplarische Absolventenbefragung leitet. Allgemein bekannt ist, dass die Berufsaussichten in den klassischen Arbeitsmarktfeldern der Biologen wie Forschung, Bildung oder Labordiagnostik nicht besonders gut sind. "Für bessere Startchancen braucht man häufig noch eine Zusatzausbildung", meint die Studienkoordinatorin für die überfachlichen Module und Alumni-Beauftragte. Im Produktmanagement, im Marketing oder in der Bioinformatik etwa gebe es gute Chancen für gut ausgebildete Biologen. Und die, so ist sie überzeugt, werden von der WWU ins Berufsleben entlassen. Durch die Vermittlung der so genannten und für die Interdisziplinarität notwendigen "Soft skills" werden im Fachbereich Biologie wichtige Grundsteine für den Einstieg in zukunftsträchtige Berufsfelder gelegt.  

"Der Arbeitsmarkt geht hin zum Generalisten", bestätigt Andreas Eimer. Die Zeiten, als man sein Leben lang einen Arbeitsplatz hatte, sind lange vorbei. In Europa hat ein Akademiker im Laufe seines Lebens vier unterschiedliche Arbeitsbereiche bei unterschiedlichen Arbeitgebern. "Das universitäre Studium ist eine sehr moderne Form der Ausbildung", sagt Eimer zuversichtlich. "Denn hier geht es darum, wie ich Wissen transferiere, eigene Lücken entdecke und diese auch stopfe." Der "Career Service" unterstützt die Studierenden dabei, die eigene Berufsbiographie zu gestalten. Und deshalb sei es wichtig zu wissen, wie nicht nur der Berufseinstieg, sondern auch der notwendige Wechsel nach einigen Jahren im Beruf verlaufen sei.

Auch wenn die Orientierung am Arbeitsmarkt immer wichtiger wird, Eimer warnt davor, sich nur auf die Karriere zu konzentrieren: "Das Studium ist eine eigene Lebensphase, in der man viele existenzielle Dinge lernt – zum Beispiel den Aufbau eines Freundeskreises."

bn

Siehe auch   "Um- und Auswege" und "Zeitarbeit und Zukunftsangst"