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Strandlektüre

Ansichten eines Laufbahnverweigerers

Juniorprofessor Konrad Monteiro hat die Tübinger Uni-Welt gründlich satt. Studenten wollen von seinen wissenschaftlichen Steckenpferden Dekonstruktivismus und Postmoderne nichts wissen. Die Kollegen nerven mit aufmerksamkeitsheischenden Lehrveranstaltungen zu Graffiti- und Werbesonganalysen. Und die Studentenzeitung hat Monteiros Vorlesung zur schlimmsten der ganzen Universität gekürt, mit der Begründung, sie sei konfus und haltlos.

Genau das entspricht auch der Gemütsverfassung des Ich-Erzählers: Ausgelaugt schwelgt der Juniorprofessor in Selbstmordphantasien, entwirft im Geiste seine Todesanzeige und verteilt nur noch Bestnoten an die wenigen, die sich in seine Lehrveranstaltungen verirrt haben. Dann lernt er Faba kennen und landet als Gast in ihrer Talkshow. Das Institut, das ihn loswerden will, schickt ihn dorthin – wegen seiner Bühnenerfahrung, erworben bei der Aufsicht über eine Studententheatergruppe.

Es sind Pointen wie diese, die "How are you, Mr. Angst?" so lesenswert machen. So sinniert der Ich-Erzähler wochenlang über eine publikumswirksame Antwort auf die TV-Eisbrecherfrage nach seinem Lieblingstier. Hunde und Katzen? Ein seelischer Offenbarungseid, urteilt Monteiro. Der Fast-Professor entscheidet sich für den Sekretär, einen verschrobenen Vogel mit befremdlichem Balzverhalten. Es kommt in der Sendung tatsächlich zum erhofften Showdown, wenn auch anders als geplant. Im gleißenden Scheinwerferlicht wird Monteiro endlich der, der er ist: ein "gescheiterter Laufbahnverweigerer" und "habilitierter Nicht-Professor". Er ist am Ende seines universitären Weges – aber Faba und sich selbst so nah wie nie zuvor.

Joachim Zelter, selbst Literaturwissenschaftler, ist ein humorvoller Blick in die Abgründe einer geschundenen Akademikerseele gelungen. Mit viel sprachlichem Witz schildert er Monteiros Nöte und Ängste, stets die Waage haltend zwischen Tragik und Komik. Wer in den Ferien bissigen Abstand zum Alltag in einer Universitätsstadt kriegen will – hier ist er.

  jri

Joachim Zelter, „How are you, Mr. Angst?“, Verlag Klöpfer & Meyer, 18,50 Euro


Ein philosphischer Diskurs

Dass der Leiche im Aasee zu allem Überfluss auch noch die Augen ausgestochen worden sind, macht die Sache ein wenig unappetitlich. Dass der AStA-Vorsitzende den Mordfall aufklärt, ist unwahrscheinlich. Dass hinter den Morden die ins Groteske getriebene philosophische Diskussion um den freien Willen steckt, das wiederum hebt "Das Dante-Ritual" von André Lütke-Bohmert über den Durchschnitt der Lokalkrimis. Um die Freiheit des menschlichen Willens, die Möglichkeit, frei von Zwängen zu tun, was man will, zu beweisen, gründet ein Student eine geheime Verbindung, die mordet und über das Internet ein weltweites Verschwörungsnetz spinnt. Die Machtkämpfe zwischen Studierenden und konservativen Professoren, der Institutsdirektor, der im Hintergrund wie ein Marionettenspieler die Fäden zieht und der Doktorand, der seinen Vergewaltiger aus Versehen umbringt, sind nicht eben realistisch, aber packend geschildert. Die WWU dagegen bleibt seltsam schemenhaft, der Debütroman von Lütke-Bohmert könnte auch an jeder anderen Hochschule spielen.

Dafür liefert der IT-Dozent sprachlich eher hölzern einen spannenden Nachweis, dass es manchmal besser ist, wenn philosophische Theorien eben dieses bleiben und nicht in die Praxis umgesetzt werden. Die Kombination aus Krimihandlung und philosophischem Diskurs wirft interessante Fragen auf, deren Antworten Lütke-Bohmert dem freien Willen des Lesers überlässt.

bn

André Lütke-Bohmert, "Das Dante-Ritual?", Emons-Verlag, 5 Euro

 

Durchs Leben gestolpert

Caroline Benning hat einen Dickschädel und einen leichten Hang zum Chaos. Das führt zu allerhand amüsanten Verwicklungen, als die Pädagogik-Studentin, nicht mehr die Jüngste und mit einer pubertierenden Tochter gesegnet, in einen Mordfall tappt. Einen Professot hat es erwischt, ausgerechnet jenen Erziehungswissenschaftler, dem es als einzigen gelungen ist, ein Drittmittelprojekt an Land zu ziehen. Und das ist auch der Grund dafür, dass in "Drittmittel" von Claudia Bardelang nicht nur der Professor dran glauben muss, sondern auch zwei 40 Jahre alte Mordfälle aufgeklärt werden.

Bardelang ist es gelungen, mit leichter Hand und munterem Stil die Pädagogische Hochschule in Freiburg in Szene zu setzen. Ihre Protagonistin nimmt sich in ihrer Schusseligkeit selbst nicht zu ernst. Ihre feine Selbstironie bestimmt auch den Blick auf den Hochschulbetrieb. Die Typen sind von der verhuschten Sekretärin über die verhärmte Doktorandin bis hin zum neidischen Privatdozenten gut getroffen. Doch denunziatorisch wird Bardelang nie, sie rutscht auch nicht ins Klischeehafte ab. Arme Schweine sind ihre Protagonisten zumeist, die aus urmenschlichen Regungen wie enttäuschter Liebe heraus betrügen und morden.

Die Studentin Caroline mit ihrer Vorliebe für Miss Marple und "CSI" stolpert durch die Handlung, die flott voranschreitet. Die Postmoderne gibt der Zitatensammlung eine heitere Note, die "Drittmittel" zur angenehmen Lektüre macht.

bn

Claudia Bardelang, "Drittmittel" Freiburger Verlag, 9,95 Euro