|
muz

Lingua franca

Erste Studiengänge komplett auf Englisch
Englisch ist die Wissenschaftssprache

Ohne Zweisprachigkeit geht es nicht in der Wissenschaft, der Langenscheidt gehört in jeden Bücherschrank.

Foto: Angelika Klauser

More than 400 million people are native speakers of English. 1.2 billion people on this planet speak English. More and more fields of knowledge require English as a basic requisite.

Keine Sorge, dies ist kein Sprachtest, sondern nur die Einstimmung auf eine internationaler werdende Universität. Englisch hat als Lingua franca längst das Lateinische abgelöst – mit zum Teil kuriosen Folgen wie jenem Studiengang "Economics and Law", dessen einziger englischer Bestandteil der Name ist. Längst geht man nicht mehr zu Arbeitstreffen, sondern zu "Kick off meetings", längst entspannt man sich bei "After work meetings". Doch bei allem Lächeln über Anglizismen, das Englische ist aus dem Unibetrieb nicht mehr wegzudenken. Je nach Kultur des Faches ist es selbstverständliche Verkehrssprache oder eine Fremdsprache, die mühsam erlernt werden muss.

Traditionell sind die Naturwissenschaften Vorreiter auf diesem Gebiet. So auch die Geoinformatiker, die seit zwei Semestern einen regulären Master-Studiengang und einen Erasmus-Mundus-Studiengang komplett auf Englisch anbieten. "Wir liegen im Wettbewerb mit den Universitäten weltweit", erläutert Prof. Werner Kuhn, der die Studiengänge mit entwickelt hat.  "Wir wollen nicht nur unsere eigenen Bachelor-Absolventen gewinnen, sondern Master-Studierende aus der ganzen Welt." Schon im Bachelor-Studiengang lege man Wert darauf, auf Englisch zu kommunizieren, Lehrmittel seien schon seit geraumer Zeit zu mindestens 80 Prozent auf englisch.

"Die Fähigkeiten unserer Studierenden sind sehr unterschiedlich. Am Anfang kostet es sie häufig Überwindung, englisch zu sprechen, aber wir ermuntern sie und dann stellen sie fest, dass es gar nicht so schwierig ist", erzählt Kuhn.  Die Studierenden des Erasmus-Mundus-Studiengangs kommen aus Ländern wie Eritrea oder Albanien, da ist die einzige verbindende Sprache Englisch. Da ein überwiegender Teil der Lehrbeauftragten aus dem Ausland komme, würden deren Veranstaltungen selbstverständich auch in Englisch gehalten.

"Ich selbst habe gar nicht den Anspruch, ein perfektes Englisch zu sprechen. Englisch hat einen sehr positiven Effekt auf den Ausdruck in der Wissenschaft, man kommt nicht in Versuchung, zu lang und zu kompliziert zu schreiben. Das amerikanisch geprägte Englisch ist sehr direkt, viel direkter als das Deutsche", meint Kuhn.

Das eine, richtige Englisch gibt es sowieso nicht, erklärt der Anglist Prof. Mark Stein. "Die Muttersprachler dominieren nicht das Englische. Englisch ist in 53 Ländern der Welt Amtssprache, aber jeweils wird ein anderes Englisch gesprochen" – sei es nun in Kanada, auf Jamaika oder in Nigeria. "So lange sich die Studierenden ausdrücken können und verstanden werden, ist schon viel erreicht", so Stein. Dazu müssen sie den Jargon ihres jeweiligen Faches beherrschen und das erlernen sie am besten durch das Lesen von Fachliteratur und nicht in einem Sprachkurs.

Dass ausgerechnet das Englische zur Lingua franca wurde, überrascht den Anglisten nicht. Das hat nicht nur historische Gründe im britischen Empire und im globalen Einfluss der USA, sondern auch in der Flexibilität der Sprache, die einen viel größeren Wortschatz als das Deutsche, aber dafür weniger Regeln hat. Die angelsächsische Basis des Englischen ist um keltische, französische, lateinische und griechische Lehnwörter erweitert worden und speist sich zudem aus vielen außereuropäischen Sprachen der ehemaligen Kolonien. Heute lässt sich mit dem Englischen besonders präzise kommunizieren, nicht nur in der Wissenschaft.

"Ich habe keinen missionarischen Ehrgeiz. Sprache hat ihre eigene Entwicklung."

Das sieht auch die Germanistin Prof. Martina Wagner-Egelhaaf so. Die Graduiertenschule aller Philologien, die im April gestartet ist, hat einen englischen Titel bekommen: "Practices of Literature". "Das ist ein Doppelsinn, den man im Deutschen so nicht wiedergeben könnte", sagt Wagner-Egelhaaf schmunzelnd. Gemeint sind die Verfahrensweisen, aber auch die Praxis der Literatur. Trotz englischem Titel, noch laufen die Seminare der "Graduate School" auf deutsch. "Englischsprachige Angebote sind derzeit nicht notwendig, denn wir haben in der Graduate School bislang nur einen Doktoranden aus dem Ausland und der ist Germanist. Aber der Titel ist Programm, Englisch soll auch bei uns selbstverständlich werden", so Wagner-Egelhaaf. Die erste Ringvorlesung der "Graduate School" wurde denn auch gleich mit einem englischsprachigen Vortrag eröffnet.

Selbstverständlich müssten germanistische Inhalte auch auf Englisch vermittelt werden können, ist Wagner-Egelhaaf pragmatisch. "Ich habe da überhaupt keinen missionarischen Ehrgeiz." Sprache habe ihre eigene Entwicklung, mit konservatorischen Maßnahmen könne man nicht entgegensteuern. "Zweisprachigkeit ist auch für Germanisten eine Herausforderung und Bereicherung und bringt einen zum Nachdenken über die eigene Sprache." Allerdings nicht die amerikanischen Germanisten – denn die publizieren auf Englisch und nicht auf Deutsch, wie zu erwarten wäre. "Die schreiben für ihre englischsprachigen Kollegen aus allen Literaturwissenschaften und nicht für die europäischen", erklärt Wagner-Egelhaaf.

Wenn selbst Germanisten auf Englisch publizieren, dann scheint der Siegeszug der Weltsprache nicht mehr aufzuhalten sein. "Wir brauchen alle Sprachen", betont Stein und auch Kuhn weiß um die Notwendigkeit der Vielsprachigkeit: "Wir finanzieren unseren ausländischen Doktoranden einen Deutsch-Sprachkurs. Denn deutsch zu sprechen ist essenziell für das Wohlbefinden in Münster."

bn