Die Sucht ist überall

Tabletten oder Alkohol können auch an der WWU zu einem Problem werden. Vor 20 Jahren wurde der Arbeitskreis Sucht gegründet, der eine professionelle Suchtberatung initiierte.
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"Am Anfang hatten wir mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Verantwortlichen wollten nicht wahrhaben, dass es in einem so elitären Kreis wie der Uni ein Suchtproblem geben könnte", erzählt Annette Diekmann, die dabei war, als der "Arbeitskreis" Sucht vor 20 Jahren aus der Taufe gehoben wurde. Im Laufe der Zeit aber seien die Widerstände gebrochen, inzwischen arbeite man auf allen Ebenen gut mit der Unileitung und auch mit den Fachbereichen zusammen.
Rund drei bis fünf Prozent der deutschen Arbeitnehmer, so wird von Experten geschätzt, haben ein Suchtproblem – seien es nun Alkohol, Tabletten oder auch Spielsucht. Da ist es klar, dass auch an der WWU der eine oder die andere am Arbeitsplatz einen heimlichen Schluck aus der Flasche nimmt oder sich unbemerkt Medikamente einwirft. Selten sind es die Betroffenen, die ihr Problem erkennen können. Meist sind die Vorgesetzten gefragt, die, auch wenn es ihnen noch so unangenehm sein mag, aus Fürsorgepflicht das heikle Thema anschneiden müssen. "Vor 20 Jahren haben die Vorgesetzten noch gar nicht verstanden, was man von ihnen wollte", erzählt Diekmann. "Es war ihnen nicht klar, dass man auch auf seine Mitarbeiter achten muss." Inzwischen hat sich die Situation vor allem durch die Einrichtung der Sozial- und Suchtberatung vor fünf Jahren deutlich verbessert. Mit Sabine Kolck wurde eine hauptamtliche Mitarbeiterin eingestellt, die sich nicht nur um Suchtprobleme, sondern um alle sozialen Belange der Mitarbeiter kümmert. Rund zwölf Prozent der Ratsuchenden kommen wegen eines Suchtproblems, die meisten davon wegen Alkoholmissbrauchs.
Tragende Säulen in der praktischen Arbeit sind neben Kolck die sechs eherenamtlichen Suchthelfer. Sie werden anderthalb Jahre lang beim Landschaftsverband ausgebildet. Grundsätzliches soziales Engagement, Interesse am Arbeitsumfeld und am Mitmenschen, auch persönliche Erfahrungen sind die Gründe, sich zum sogenannten "betrieblichen Ansprechpartner Sucht" ausbilden zu lassen. Für die Beratungen sind die Mitarbeiter freigestellt, vergütet wird die zusätzliche Belastung nicht.
Inzwischen sind die Hilfsprogramme in einer Dienstvereinbarung zwingend festgeschrieben, der Ablauf ist vorgeschrieben. "Bislang war es die große Ausnahme, dass einem Mitarbeiter wegen eines Suchtproblems gekündigt werden musste. Aber man muss auch bereit sein, diesen Schritt zu gehen, sonst helfen alle Angebote nichts", so Diekmann. "Aber wir wollen bei Krisen so intervenieren, dass der Mensch die Chance hat, eine Kehrtwende zu machen."
Der Arbeitskreis Sucht kümmert sich nicht um Einzelfälle, die liegen in den Händen von Kolck und den Suchthelfern, sondern um die Strukturen, erklärt Diekmann. Ihm ist die Einrichtung der Sozial- und Suchtberatung zu verdanken. Auch begrüßt die AG die Ausschreibung der Stelle eines Gesundheitskoordinators, die zum nächstmöglichen Zeitpunkt besetzt werden soll, Denn nicht nur die Krankheit Sucht liegt im Fokus des Arbeitskreises. "Arbeitszeit ist Lebenszeit", meint Diekmann. Auch der nächste Gesundheitstag, der 2009 stattfinden soll, könnte dieses Motto aufnehmen – damit die Lebenszeit an der Uni Münster so angenehm und gesund wie möglich gestaltet werden kann.
bn
RAT UND TAT
Sozial- und Suchtberatung:
www.uni-muenster.de/Rektorat/
sozialberatung/welcome.html
Sabine Kolck
Georgskommende 14, Raum 7
48143 Münster
Telefon: 83-2 24 22