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Erfrischend offenherzig und vielschichtig

Ethnologen starteten ehrgeiziges Filmprojekt
Wl802 Ethno-kurzfilmrolle

Stolze Menschenkennerinnen: Jana Borowansky („Das ewige Jetzt“) , Alexia Theis, Annika Strauss (beide: „Fahrradfilm“) und Ganna Imhoff („Allerheiligen“) (v. l.).

Foto: ps

Eigentlich war es nur ein einmaliges Experiment: Studierende des Instituts für Ethnologie setzen sich zwei Semester im Seminar "Visuelle Anthropologie" mit dem Medium Film auseinander und drehten zum Abschluss ihren eigenen kleinen Kurzfilm zum Thema "Kulturelle Institutionen in Münster".  Um zu zeigen, dass es keiner Reisen in ferne Länder bedarf, um sich ethnologischer Sinnfragen rund um den Begriff "Kultur" zu stellen.

Herausgekommen sind erfrischend offenherzige und vielschichtige Mini-Dokus: Yochanan Rauet, Annika Strauss und Alexia Theis beschäftigen sich in ihrem "Fahrradfilm" auf selbstironische Weise mit Münsters Kultobjekt Nr. 1. Vom unerbittlichen Mountain-Bike- Polizisten über das Fahrradparkhaus bis hin zum Optikermeister, der sich gleich eine Handvoll Räder leistet, um in Münster voran zu kommen. Anne Baumann, Katharina Kolano, Caro Kim und Aliya Malik vergleichen einen multikulturellen, basarähnlichen Stadtteilmarkt in Dortmund mit dem ordentlich strukturierten Wochenmarkt in Münster. Dabei treffen sie auf wunderbar launige Originale, wie einen Rentner, der von Müttern mit Kinderwagen auf dem Markt einen Sicherheitsabstand einfordert.

Rituale finden sich auch im Film "Dran!" über die Einheit innerhalb eines Sportvereins. Das Fußballspiel scheint soziale Hierarchien aufzulösen zugunsten eines harmonischen Ganzen. Gleiches gilt für jene Menschen, die sich immer wieder sonntags zu Trommelsessions im Münsterschen Hafen treffen. Der Film "Free Communitas" zeigt, dass Rhythmus inniger Menschen verbindet ("connecting people") als das ein Handyhersteller mit seinem Werbeslogan einfordert. Neben einem Film über die Entstehung einer Veranstaltungsreihe über das Thema Vergangenheit in verschiedenen Kulturen beschäftigt sich "Allerheiligen" mit dem Phänomen, wenn Lebende zu den Toten kommen. Junge und ältere Menschen erklären offen, welchen Stellenwert Allerheiligen heute in ihrem Leben hat, vergessen bisweilen die Kamera. Die Filmneulinge bewiesen nicht nur mit ihren Geschichten, sondern auch mit einer raffinierten Umsetzung in Kameraführung, Musik, Ton und Schnitt ein gutes Händchen. So weit, so gut.

Nun ist das Projekt von Prof. Helene Basu und Philipp Offermann aber zu einem ganz besonderen Selbstläufer geworden, der alle Beteiligten mehr als überraschte. Zur Premiere der Kurzfilmrolle Anfang Februar, immerhin nicht in irgendeinem Hörsaal, sondern im renommierten Programmkino "Cinema", strömten deutlich mehr Zuschauer als es freie Plätze gab. Viele Studierende mussten aus Platzgründen nach Hause geschickt werden. Und die Filme selbst kamen sehr gut an. Bereits zwischen den Filmen gab es starken Applaus.

Grund genug für die Macher, die sechs Kurzfilmdebüts zu wiederholen – wieder im "Cinema" und zwar am 14. April um 19 Uhr. Auch am Institut für Ethnologie wird das engagierte Projekt fortgesetzt. Bereits im Sommersemester schwärmen wieder junge Nachwuchsfilmemacher mit ethnologischen Grundsatzfragen durch die Domstadt. Mit dem Filmprojekt beteiligen sich die Ethnologen übrigens auch am Exzellenzcluster "Religion and Politics". In dessen Fokus steht die neue massenmediale Sichtbarkeit religiöser Phänomene in einer scheinbar säkularisierten Welt.

Peter Sauer